Sparen in der Zeitungskrise:
Weniger Breite, mehr Tiefe

Ronnie Grob, 26. November 2008 11:19 Uhr, 14 Kommentare Kommentare

Die Krise in der Printbranche führt zwangsläufig zum Abbau von Kapazitäten. Weniger ist auch dabei mehr: Verringert werden muss die Breite des Angebots, nicht die Tiefe.

Zeitungskrise: Schlechte Nachrichten für die Printbranche (iStockphoto)

Nachdem die Zeitungskrise aus den USA nun auch bei uns ankommt (was tatsächlich noch gewisse Leute überrascht), geht es darum, wie abgebaut wird.

Deutschland ist stolz auf seine tatsächlich beeindruckende Medienvielfalt. Aber was bedeuten viele Titel, wenn alle das Gleiche schreiben? Nichts. Für Journalismus braucht es Zeit und damit Geld. Und weil immer weniger davon vorhanden ist, müssen sich die Verlage auf die Stärken der einzelnen Produkte besinnen. Was Verlage, Redakteure und Zeitungsleser jetzt machen müssen:

Grosse, überregionale Titel müssen noch mehr in die Tiefe gehen und Geld freistellen für hervorragende Reportagen und Hintergrundberichte, denen auch mal mehrmonatige Recherchen zugrunde liegen. Für exzellente Gestaltung. Für tatsächlich fundierte Einschätzungen. Unbedingt überdacht werden muss auch die Umstellung auf ein handliches Format sowie eine Verringerung der Erscheinungsweise.

Mit nichts mehr als “News” muss in Zukunft kein gedrucktes Blatt mehr kommen. Das wird in Zukunft, noch bevor ein Druckauftrag überhaupt erfolgt, jeder und jede bereits im Internet oder auf dem Handy gelesen haben.

Regionalzeitungen müssen sich davon lossagen, den Lesern die grosse Welt zu erklären. Die Leser einer Regionalzeitung suchen darin die kleine Welt vor der Tür, und das heisst für die Redaktion: Kritische Artikel schreiben über Kommunalpolitik, Lokalwirtschaft und Regionalsport. Warum nicht einfach den Auslandteil und den Inlandteil streichen und die Titelseite mit Regionalanalysen füllen? Und dazu eine Abo-Kooperation mit überregionalen Qualitätspublikationen eingehen?

Redakteure müssen sich per sofort verabschieden von ihren Grossmannsfantasien. Sie stehen im Dienste ihrer Leser, die für sie ein Abonnement bezahlen oder die neben dem redaktionellen Inhalt platzierte Werbung beachten. Was nicht heisst, dass sich Journalisten von den Lesern, von den Anzeigekunden, von den Verlagen alles gefallen lassen müssen. Umgekehrt trifft das aber auch zu.

Wer einen festen Job mit einem angemessenen Lohn besetzt, darf sich glücklich schätzen. Wer das nicht ist, sollte ernsthaft den Gedanken erwägen, ihn zur Verfügung zu stellen. Die Konkurrenz ist nämlich riesig und es gibt deren viele, die einen nur missmutig erledigten Job lieber und besser machen.

Die Beobachter müssen Verständnis aufbringen für Restrukturierungsmassnahmen. Es ist besser, pseudohintergründige und pseudoästhetische Magazine wie Park Avenue zu beenden, als dass ein Verlag im Ganzen zugrunde geht. Jedes geschlossene defizitäre Produkt erhöht die Chancen für ein neues, florierendes Produkt, ein zugegeben in Zeiten der Krise eher unrealistischer Satz.

Abgebaut werden können auch die Call-Center und Briefeschreiber, die ehemalige Leser ungefragt an ihren klar ausgesprochenen Entscheid, ein Blatt nicht weiter zu abonnieren, erinnern. Ich habe bisher jedes Blatt aus eigenem Antrieb abonniert, bzw. nicht weiter verlängert. Ein grösserer Reiz für ein Abonnement wäre die Verringerung der zum Teil exorbitanten Subskriptionsgebühren.

Fazit:

  • Eine Handvoll regional starker Zeitungen aus verschiedenen Verlagen bringen einem Bundesland mehr als hundert Regionalzeitungen, die Gleiches oder Ähnliches schreiben.
  • Eine Handvoll befähigter Redakteure mit Budget für freie Journalisten bringen einem Magazin mehr als ein grosses, unflexibles Team, das jeden Text in den Tod diskutiert.
  • Eine Handvoll Leitblätter, von denen jedes eine eigene Herangehensweise und einen eigenen Blickwinkel hat, bringen mehr Meinungsvielfalt als ein fader Einheitsbrei.

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9 Kommentare zu diesem Artikel

  1. köbi buenzli

    schrieb am 26. November 2008 um 13:48 Uhr (#)

    stimmt alles.

  2. konrad weber

    schrieb am 26. November 2008 um 14:33 Uhr (#)

    dem kann ich nur zustimmen, hoffentlich überdenkt auch in der schweiz endlich jemand die defizitären grossformat-blätter!

  3. Ugugu

    schrieb am 26. November 2008 um 18:20 Uhr (#)

    bin mit sehr wenigen abschnitten dieser analyse einverstanden. vor allem nicht mit dem abschnitt regionalzeitungen. wurde das nicht bereits bei der letzten «abbauschlacht» rigoros umgesetzt?

    wirklich mühe habe ich aber vor allem mit dem abschnitt redakteure: sowas könnte man eins zu eins in einen ratgeber für verlagsmanager unter dem kaptitel «wie ‘ficke’ ich meine angestellten, aber richtig» einfügen. oder vielleicht doch eher unter dem kapitel: «friss oder stirb?»

    …und Beobachter müssen überhaupt nix. imho

  4. lupe

    schrieb am 26. November 2008 um 20:14 Uhr (#)

    Mit dem 1. Fazit gibt es eine Schwierigkeit.

    Wenn es bereits einen Regionalmonopolisten gibt und der schlechte Qualität liefert und häufig Schönschreibübungen vervielfältigt, statt kritisch zu berichten, kann doch nur die logische Konsequenz sein, dass er erst untergehen muss, damit ein Qualitätsblatt eine Chance erhält. Ansonsten bleibt Fazit 1 im Fall eines bereits bestehenden Monopols ein frommer Wunsch.

  5. Hans Krame

    schrieb am 26. November 2008 um 23:58 Uhr (#)

    Die meisten Journalisten sollen sich doch als Pillentester versuchen. Kaum einer hat wirklich eine richtige Ausbildung. Da ist der Ruf nach mehr “Tiefe” vollkommen überflüssig.

  6. Ronnie Grob

    schrieb am 27. November 2008 um 09:26 Uhr (#)

    @ugugu: Ich lese nicht oft Regionalzeitungen, aber ich denke, dass sich bei den meisten Blättern noch Möglichkeiten bieten, das Regionale auf Kosten des Nationalen und des Internationalen auszubauen.

    Zum Teil “Redakteure”: Ich befürworte Restrukturierungsmassnahmen zum Wohle des Ganzen, und die sind immer schmerzhaft (und fallen auch den Verantwortlichen, die sie einleiten müssen, nicht leicht; eine Tatsache, die Gewerkschaftsfreunde gerne ausblenden).

    Sieht man sich die letzten Jahre der etablierten Verlage an, dann wurden eher zu wenige als zu viele Restrukturierungsmassnahmen getroffen. Was jetzt passiert, sind überhastete Notmassnahmen, die man gut auch schon vor Jahren hätte einleiten können. Soll mir niemand sagen, diese Krise komme irgendwie überraschend.

  7. Kater

    schrieb am 27. November 2008 um 19:53 Uhr (#)

    Regionalzeitungen müssen sich davon lossagen, den Lesern die grosse Welt zu erklären. Die Leser einer Regionalzeitung suchen darin die kleine Welt vor der Tür, und das heisst für die Redaktion: Kritische Artikel schreiben über Kommunalpolitik, Lokalwirtschaft und Regionalsport. Warum nicht einfach den Auslandteil und den Inlandteil streichen und die Titelseite mit Regionalanalysen füllen? Und dazu eine Abo-Kooperation mit überregionalen Qualitätspublikationen eingehen?

    Das gibt es schon seit Jahrzehnten. Nennt sich “Mantelzeitung” …

  8. Ronnie Grob

    schrieb am 27. November 2008 um 20:18 Uhr (#)

    @Kater: Das ist nicht das Gleiche. Mantelzeitungen sind nur begrenzt starke Regionalzeitungen, auch sie kümmern sich zuwenig um das Regionale. Eine starke Regionalzeitung hätte einen engen Kontakt zur Regionalbevölkerung und würde diesen vielleicht auch auf einem Online-Auftritt pflegen. Die Mantelzeitungen, die ich kenne, haben einen langweiligen Mantel und einen Alibi-Regionalteil. Und online sind sie so gut wie inexistent.

  9. Kater

    schrieb am 27. November 2008 um 21:10 Uhr (#)

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