In und out:
Die kleine Sprachliste für Wendezeiten

Klaus Jarchow, 30. Oktober 2008 11:56 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Kleiner Leitfaden für Manager: So zeigen sie Journalisten, dass sie aus der Krise gelernt haben – mit ein wenig Sprachkosmetik vom windigen Finanzjongleur zur verlässlichen Spitzenkraft.

Rechtzeitig Farbe bekennen (iStockPhoto)

Rechtzeitig Farbe bekennen (iStockPhoto)
Wir leben in Wendezeiten. Bestimmte altgewohnte Begriffe fallen plötzlich aus dem gewohnten Sprachraster heraus. Wer sich nicht als BOF (’Boring Old Fart’) outen will, sondern auch in Zeiten der Rezession an seinem unaufhaltsamen Aufstieg häkelt, der verabschiedet daher besser die sprachlichen Liebchen vom vergangenen Jahr:

1. Maximieren: Igitt - was ist das ‘old fashioned’, so etwas, das geht nun gar nicht mehr! Seit den Zeiten der IKB-Bank und der frustrierten ‘Broker Boys’ wissen wir doch, dass dieser Wille zum ‘Maximieren’ die erste Vorbedingung eines maximalen Minimierens ist. Sinngemäß müssen Sie heutzutage natürlich auch das sachverwandte Verbalgemüse vermeiden: ‘Maximum’, ‘maximal’, ‘Maxi-Rendite’ usw. Kaprizieren Sie sich stattdessen auf Worte wie ’stabil’, ‘ordentlich’, ’solide’, ‘maßvoll’ usw.

2. Macher: Wollen Sie wirklich unbedingt schon bei der ersten Entlassungswelle rausfliegen? Dann sagen Sie Ihrem Chef ruhig, dass Sie ein ‘Macher’ seien, laufen Sie also quer zum neuen Mainstream. Oder schauen Sie sich doch lieber um, young man - zum Beispiel bei den Banken. Da rückt und rührt sich auf den Vorstandsetagen jetzt gar nichts mehr, noch nicht einmal ein Interview bekommen Sie von dort. Dieses dezidierte Nichtmachen ist die Devise der kommenden Monate …

3. Positionieren: Bloß nicht! Absolut alles ist unsicher geworden, die gierige Meute wartet nur auf ein festes Ziel - denken Sie an den armen Professor Sinn. Wozu wollen Sie sich festlegen? Bleiben Sie lieber verschwommen, nehmen Sie sich den grauen Nebelstreif nachts im Tunnel zum Vorbild. So können Sie nie etwas falsch machen. Wir leben in unsicheren Zeiten - keiner weiß, ob der Kapitalismus zurückkehren wird, oder ob doch der Sozialismus sein grausliches Haupt erhebt.

4. Location: Lassen Sie sich bitte nie in irgendeiner ‘Location’ blicken! Werden Sie häuslich, zeigen Sie sich als ein Mensch, der seine Sache zusammenhalten kann und niemals einen Groschen zum Fenster hinauswirft. Entdecken Sie den Buchhalter und Hausmann in sich, dieses ist das beste Bild, dass Sie jetzt Ihrem Chef vermitteln können. Pflegen und polieren Sie Ihre Sekundärtugenden. Was wollen Sie in irgendwelchen ‘Locations’, diesen Kaschemmen und Speak-Easys unserer Neu-Arbeitslosen?

5. Effektivität: Erinnern Sie sich, wie rasch und ‘effizient’ diese eben erwähnten ‘Location-Typen’ die Finanzmärkte zugrunde gerichtet haben. Aus diesem Grund birgt die ‘Effizienz’ - ähnlich wie die ‘Leistung’ - sicherlich keinerlei Empfehlung für Führungsaufgaben mehr. Meiden Sie dieses Wort so, wie der Manager das Mikro. Und sagen Sie stattdessen, dass Sie ‘bestimmt nichts falsch machen’ werden. Denn das zieht heutzutage.

6. ‘Transparenz’: Jaja - das hätte nur der Steinbrück gern! Das Gegenteil ist jetzt gefragt. Halten Sie Ihr Maul, verhalten Sie sich wie beim Pokern, machen Sie ein undurchdringliches Gesicht und lasssen Sie niemanden in Ihre Karten oder gar Depots schauen. Am besten, Sie merken sich noch nicht einmal irgendwelche Fakten, dann können Sie auch nichts ausplaudern. Als absolut Unwissender sind Sie für alle Führungsaufgaben einer neuen Zeit bestens gerüstet.

medienlese.com übernimmt für die Wirksamkeit dieser neuen Karrierestrategien übrigens keinerlei Haftung.

» Mehr lesen: Kreditkrise (11), PR (34)

» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen

» Nächster Artikel: Fotoreportage: Vanity Fair zeigt Obamas Wahlkampf
» Älterer Artikel: 6 vor 9

» Drucken
» Merken/E-Mail

3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Jean-Claude

    schrieb am 30. Oktober 2008 um 13:25 Uhr (#)

    Dass ein “Boring Old Fart”, kurz BOF, ein “langweiliger alter Furz” ist, musste ich erst im Dixionär nachschlagen.

    Sonst aber hat mir der “Leitfaden” gut gefallen. Angesichts der kaum noch kontrollierbaren Ereignisse und drumherum der vielen, eleganten Schönredner- und -schreiber, die jetzt etwas sehr still geworden sind, ist die ordentliche Portion Häme angemessen.

  2. Roland Walter Müller

    schrieb am 31. Oktober 2008 um 08:39 Uhr (#)

    Ein gut positionierter Karrieretipp für die Zeiten nach dem Crash.
    Wie Paul Krugman heute festgestellt hat, sind auch die Americans schon dabei, ihren Way of Life zu ändern. Schöne neue Zeiten!

  3. Antonina

    schrieb am 31. Oktober 2008 um 11:23 Uhr (#)

    Aber WORDING ist angesagt:

    Wortbrei oder Wörterei um ‚Wording’ sei angerührt (das ist kein Teekesselchen):

    Wording ist auch kein Neuwort, weil es im Englischen eine sehr gewöhnliche Wortbildung ist, als Gerundium-Ableitung von „to word“:

    Aber im Deutschen „wordingt“ es als werbetechische „updatings’ sehr vor-laut und voll-prof.-sinnig:

    Für alle dieses Word-Dingse hben wir ja keine deutsch-deutlichen Translationes:

    wording

    wording [of a text]

    exact wording

    incisive wording

    standard wording

    established wording

    wording of a bill

    wording of a letter

    wording of the claim

    wording of a contract

    alteration of the wording
    wording of the contract

    by wording in the credit

    the exact / precise wording of

    wording of the/a law

    Echt neue WORDINGS, als Ersatz für das In-die-Sprachtonnne-Gekloppte - Da steht man als Deutschkind da und schreit nach “Mamma Latina”.
    Da muss es jezt heißen - damit’s an der Rest-Rampe nicht so staubt, sondern lateiniter glänzt:

    “Echt” = sincerus ; incorruptus ; merus ; probus , verus ; legitimus ; genuinus ; Verus .

    Dann kann uns nicht der Himmel auf den Kopf fallen, sondern nur noch der doofe, deutsche Duden, den wir latinisieren müssen: ‘DUDENUS NOVUS’:
    Früher hießt es : “Si vis pacem, evita bellum!” (Oder so ähnlich.
    Heute heißt das im DUDENUS: Si vis latina wording, evita deutsche Wörter.

    *

    Für Satire-Nasen:
    Soweit, so exzessiv, so überflüssig - sich hier zu sinn-formieren:

    http://www.dict.cc/englisch-deutsch/wording.html

    Oder:

    Wording: die neue Art zu texten (das ‘Verb-ing’ muss man in Ausnahmefällen noch deutsch anbieten, damit sich Paying-Kunden (clienes… - wer es Neulateinisch lustiger findelt) dafür cashen lassen.


4 Trackbacks

  1. stilstand» Blogarchiv » Resterampe für Archaismen
    (30. Oktober 2008 13:57)
  2. Die Welt ist einfach | Bürger-Herold
    (31. Oktober 2008 19:21)
  3. Readers Edition » So bestehen auch Sie in der Krise
    (1. November 2008 03:12)
  4. Wochenrückblick: Radio 1, Cicero, Keira Knightley » medienlese.com
    (3. November 2008 11:29)

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
slug blogoscoop