Wer plagiiert, ist doch nur doof

Klaus Jarchow, 15. März 2008 10:56 Uhr, 21 Kommentare Kommentare

Zitat oder Plagiat: Mit wenig Aufwand wird aus dem geborgten Satz ein eigenes Werk. In der Wissenschaft wird das geahndet – und im Journalismus?

Quotes
Zitat pfui, Plagiat hui

Ein Ende des BVG-Streiks ist nicht in Sicht, nun droht Berlin auch noch ein Ausstand im öffentlichen Dienst. – Geben Sie’s ruhig zu: Das haben Sie gleich gewusst, dass ich ein ganz übler Plagiator bin. Ich mieser Abschreiberling habe diesen hochbedeutenden ersten Satz aus einem Artikel der Berliner Zeitung vom 14.3.2007 schlicht geklaut. Dieser, mein erster Satz war nichts als ein übles Plagiat.

Hätte ich ihn allerdings wie folgt geschrieben, dann wäre er kein Plagiat mehr gewesen: “Ein Ende des BVG-Streiks ist nicht in Sicht, nun droht Berlin auch noch ein Ausstand im öffentlichen Dienst (BZ)”. Joho, was so ein paar Anführungsstriche mit Quellenangabe doch ausmachen! Das war jetzt nur noch ein Zitat. Was wiederum nicht nur erlaubt ist, was sogar als ein Beitrag zur Kultur gilt:

Ich habe endlich etwas für die Gesellschaft getan.

“Die Verwendung von Zitaten ist durch das Urheberrecht geregelt und unter bestimmten Voraussetzungen gestattet, ohne dass eine Erlaubnis des Urhebers eingeholt oder diesem eine Vergütung gezahlt werden müsste (§ 51 UrhG in Deutschland, siehe unten). Die allgemeine Begründung dafür ist, dass Zitate der kulturellen und wissenschaftlichen Weiterentwicklung einer Gesellschaft dienen”.

Im Medienbereich allerdings darf ich - anders als in der toleranteren Wissenschaft - keineswegs endlos ein zitierendes Zappzerapp betreiben, um anschließend drumherum ein paar Anführungsstriche zu drapieren. Mir ist nur ein Zitieren in einem beschränkten Umfang erlaubt: Das so genannte ‘Kleinzitat’ definiert sich durch das ‘aptum‘ der ollen Römer, durch seine ‘Angemessenheit’, was natürlich juristisch ein Begriff aus feinstem Kautschuk ist.

“Kleinzitate dürfen weiterreichend verwendet werden. Der Zitierzweck muss erkennbar sein. Das Zitat muss also in irgendeiner Beziehung zu der eigenen Leistung stehen, beispielsweise als Erörterungsgrundlage. Der Umfang des Zitats muss dem Zweck angemessen sein”.

Nun ja, mich als kreativen Plagiator hält so etwas keineswegs auf. Schließlich will ich diesen genialen Satz unwiderruflich in mein geistiges Eigentum überführen. Also schraube ich ein wenig an der Grammatik herum, betreibe – zackzackzack! – ein verbales Hütchenspiel und schreibe zum Beispiel: “Berlin droht ein Ausstand im Öffentlichen Dienst, während ein Ende des BVG-Streiks noch immer nicht in Sicht ist“. Zum Schluss entferne ich aus Eigeninteresse die Anführungsstriche.

Ha, liebes Publikum – ist dieser Satz jetzt nicht sogar ‘noch schöner’ geworden? Obwohl statt zweier aneinandergenagelter Hauptsätze nun eine Temporalkonstruktion hier ihr Unwesen treibt. Ein Nebensatz also, das ultimative Teufelswerk aller Journalistenschulen.

Viel gearbeitet habe ich noch immer nicht, der Satz weist juristisch trotzdem jene nur in Millimetern zu messende ‘Schaffenshöhe’ auf, die ihn endgültig zu meinem Produkt macht. Und das soll mal jemand wagen mir zu klauen! Zugleich habe ich damit etwas getan, was fast alle Journalisten täglich machen: Ich habe mir einen fremden Text ‘anverwandelt’.

Zu diesem Zweck wird eine inhaltlich brauchbare Vorlage ein wenig hin- und hergeruckelt und umgestellt, ein zwei Wörtchen werden durchs Synonymbad gejagt, die Konstruktion minimal modifiziert, manchmal wird auch aus zwei Texten einer gemacht - fertig ist der nagelneue Originalartikel, dem der Ludergeruch des Plagiats nicht länger anhaftet.

Der Journalismus ist hierbei übrigens viel unbedenklicher als der Universitätsbetrieb, wo längst routinemäßig eine Software zum Einsatz kommt, die nach derartigen ‘Plagiaten’ fahndet, nach Fällen also, wo sich jemand mit fremden Texterfedern schmückt. Worüber sich die verschämte ‘Generation Journalismus 1.0′ genüsslich zu empören pflegt: “Schamlose Generation Internet“. Man beachte auch hier meine virtuos gesetzten Anführungsstriche.

Es kommt also immer darauf an, wer das Medium besitzt, um ‘Haltet den Dieb!’ zu schreien. Käme diese genannte Plagiats-Software nämlich im Medienbereich jemals zum Einsatz, dann nähme das ‘Lalü-Lala’ der Trefferanzeige gar kein Ende mehr. Und ginge es bei Textrechten zu wie bei den Bildrechten, dann gäbe es gar nicht so viel Anwälte, wie plötzlich Nasen zu vergolden wären. Erhielten wiederum Adornos Erben Geld für jedes Zitat, das ohne Quellenangabe darauf insistiert, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne, dann wären für sie alle Lottogewinne fortan nur noch ‘Peanuts’. Obwohl inhaltlich Adornos Zitat gequirlter Schwachsinn bleibt …

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21 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ugugu

    schrieb am 15. März 2008 um 11:44 Uhr (#)

    Mir fällt gerade auf, dass die Kolumnen von Chat in letzter Zeit immer auf den Samstag fallen. Als Sonntags-Lesestoff ist mir das etwas zu wenig seicht ;-)

    Ich vermute sogar, das sind verschenkte Inhalte, da am Weekend eh niemand Blogs liest…oder?

  2. D-Blogger

    schrieb am 15. März 2008 um 11:58 Uhr (#)

    Wo hab ich das jetzt bloss schon mal gelesen…?

    Boocompany?

    Blogbar?

    Chat? Atkins?

    Und ausgerechnet einen Artikel auf spiegel.de zu diesem Thema als Erläuterung…ROFL…

    “Ein übles Plagiat”…gibt es auch welche, die “gar nicht so übel” sind? Oder richtig gut? Ach nee, dann nennt man es ja TV-Show.

    Und: Interessiert das eigentlich nicht nur die Schreiber, wer wo was abschreibt? Geht das dem Leser, abgesehen von Bloglesern mit zuviel Zeit nicht völlig am A vorbei? Zumal auch Blogs jeden Scheiss voneinander abschreiben. Bloss nicht zitieren. Nur geben sie halt an, wo sie abschreiben. Das kann/darf ein Journalist wohl nicht.

  3. Torsten

    schrieb am 15. März 2008 um 12:50 Uhr (#)

    Was für ein alberner Rant. Nicht mal ein Beispiel hat der gute Autor gefunden, das den Blutdruck über Winterschlafnieau triebe…

  4. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 12:53 Uhr (#)

    Oha - angefasste Journalisten!

  5. Torsten

    schrieb am 15. März 2008 um 13:10 Uhr (#)

    Ist “angefasst” ein Synonym für “gelangweilt”?

  6. Martin Rath

    schrieb am 15. März 2008 um 13:21 Uhr (#)

    Seitdem eine recht noble Feder, Chef eines auf Qualitätssicherung im Journalismus verpflichteten Vereins, schlicht falsch, schlicht falsch, schlicht falsch und dann auch noch tendenziös aus einem Interview ‘zitierte’, das auf meinem Mist gewachsen war, und es in einer Buchneuauflage noch nicht einmal zu einem Hinweis auf das notwendige Korrekturgequengel reichte - ja, seitdem nötig mir das Thema bestenfalls ein gequältes Lächeln ab.
    Womit ich sagen möchte: Wenn der unsauber arbeitende Kollege sich nicht gerade selbst zum Heros qualitätsgesichterten Journalismus erklärt hat, wagt man ja kaum noch, auf unordentliches Arbeiten hinzuweisen.
    Und selbst dann halte ich mich als freischwebender Freischaffender doch lieber zurück, sitzt der nobelgefiederte Kollege doch an den Fleischtöpfen des GEZ-Funks.

  7. Ugugu

    schrieb am 15. März 2008 um 15:17 Uhr (#)

    Ach so, jetzt versteh ich das Prinzip, am Wochenende lesen ja Journalisten Blogs ;-)

  8. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 15:40 Uhr (#)

    @ Torsten & Co.: Meine Herren, es war mir doch klar, dass ihr euch langweilen würdet, wenn selbst am Wochenende noch euer Arbeitsalltag so plagiativ plakativ in aller Tristesse erscheint.

    @ ugugu: Gönnt sich am Wochenende denn nicht jeder mal was Besseres …?

    ;-)

  9. D-Blogger

    schrieb am 15. März 2008 um 15:55 Uhr (#)

    Oweaia, da ist wohl mal wer von einem Journalisten dumm angefasst worden und denkt nun, was der Niggemeier kann, kann ich auch. Für einen Niggemeier tät der Rant ja auch, von einem Jarchow erwarte ich mehr Niveau. Mein Fehler.

    Und hui, ich wurde schon als Kind von einem konservativen Scheissblatt (schlimmer als BILD) öffentlich in den Dreck gezogen. Wenn ich da auch so drauf wäre wie Klaus und Don, müsste ich ja ständig auf der “Jouhournallie” rumhacken.

    Nö, ich bin kein Journalist. Die schlafen am Samstag aus. Ich kenne welche, die sonst jeden Tag arbeiten, aber Samstag nicht. Und dann noch in Blogs rumlesen? Wohl kaum. Eher Rausch aussschlafen.

    Aber vielleicht schreibe ich später nochmal was als “A-Journalist”. :-)))

  10. Jo

    schrieb am 15. März 2008 um 17:08 Uhr (#)

    Journalisten lesen keine Blogs, es sei denn die Blogs werden von dpa ausgeliefert und die Inhalte sind nicht länger, als 20 Worte.

  11. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 17:38 Uhr (#)

    @ Jo: Genau - dafür schreiben Journalisten gern über Blogs. Wie Gegacker über ungelesene Eier klingen die Artikel dann allerdings auch.

    @ D-Blogger: Warum so lange warten? Der wahre Alpha-Journalist ist es durch Selbstproklamation.

    ;-)

  12. A-Journalist

    schrieb am 15. März 2008 um 18:47 Uhr (#)

    Ach, so einfach geht das? Ok, wo bleibt mein Scheck??

  13. mds

    schrieb am 15. März 2008 um 18:56 Uhr (#)

    Beim Thema «Plagiat» auf SPIEGEL ONLINE zu verlinken ist tatsächlich seltsam, aber vielleicht als eine Art Realsatire beabsichtigt?

  14. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 20:10 Uhr (#)

    Zur Erläuterung: Natürlich kenne ich auch den Vorgang um die - sagen wir mal - ‘Übersetzung’ aus der ‘Washington Post’ bei Spiegel Online. Andererseits gab es - auch angesichts dessen - nur dort diese realsatirische Headline von der ‘schamlosen Generation Internet‘, womit die moralische Empörung bei SpOn dem sanften Plopp einer implodierenden Seifenblase gleicht.

  15. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 20:13 Uhr (#)

    @ A-Journalist: Wozu ein Scheck? Du zehrst ab jetzt vom symbolischen Kapital der Ehre. Und von Schnittchen und Talkrunden.

  16. Frank

    schrieb am 15. März 2008 um 20:30 Uhr (#)

    Zunächst mal danke für die Feststellung, daß Adornos Satz inhaltlich gequirlte Scheiße sei. Endlich mal jemand, der das ausspricht (wenn auch mit anderen Worten). Ansonsten ringt mir der Plagiatsartikel nur ein müdes Lächeln ab, da das Plagiieren doch bereits seit Jahr und Tag zur Gewohnheit geworden ist bei den Medien (einer schreibt vom andern ab, Stichwort Schwarmintelligenz).
    Ach ja, und @ Jo: doch, doch, Journalisten lesen auch Beiträge in blogs, die länger sind als 20 Zeilen - sie verstehen sie nur nicht.

  17. Mick

    schrieb am 15. März 2008 um 20:54 Uhr (#)

    Und doch: Es gibt kein falsches Leben im richtigen. Oder?

  18. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 21:02 Uhr (#)

    @ Mick: Wie man’s auch dreht, um beurteilen zu können, was richtiges und falsches Leben sei, muss man sich außer- oder oberhalb des Lebens positionieren. Und das wiederum gelingt nur Großphilosophen im Godlike-Modus …

  19. Mick

    schrieb am 15. März 2008 um 21:11 Uhr (#)

    @ Klaus Jarchow: Ich würde das nicht so humorlos sehen. Die Sprache lässt vieles zu, so auch die Wendung “im richtigen Leben” als Gegensatz zu einer, sagen wir, Filmhandlung, oder einem Romanplot. Und dann wird das AdorNo problemlos zum AdorSi. Man muss nur wollen ;)

  20. A-Journalist

    schrieb am 15. März 2008 um 22:26 Uhr (#)

    @ Klaus: Das ist mir zu wenig, ich esse mittags lieber warm. Lieber doch A-Utomechaniker?

  21. Klaus Jarchow

    schrieb am 15. März 2008 um 22:51 Uhr (#)

    @ A-Journalist: Zum Umsatteln ist es nie zu spät …

    @ Mick: Der Voluntarismus konnte sich historisch noch nie recht durchsetzen. Wem aber das Illusionistische genügt …


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  1. Vanity Care » Blog Archiv » Mal kurz zitiert
    (16. März 2008 18:19)
  2. Im ßchweiße deineß Angeßißchtß bloggern « Worte,Zeichen,Bilder
    (20. März 2008 16:48)

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