Auf Augenhöhe?
Trouvaillen sind kleine Dinge, auf die man stößt, ohne sie gesucht zu haben. Das gilt zum Beispiel für das folgende Zitat:
“Der Leser ist nicht ein Idiot, der es Grunde gar nicht wert ist, von so auserwählten Hohepriestern wie unseren Redakteuren angesprochen zu werden, sondern er ist ein normaler Mensch mit Zweifeln, einer gewissen Wißbegierde und einem dringenden Bedürfnis zu lachen oder wenigstens sich nicht zu langweilen. Und die Leute, die man angreift, sind nie dumm, erbärmlich und verächtlich, sondern einfach anders, aber meist ebenbürtig. Es kommt letzten Endes darauf hinaus, daß man sich in einer Zeitung nicht anders benimmt als den Leuten gegenüber, mit denen man zusammen an einem Tisch sitzt”.
Kundige haben es erraten, das Zitat ist von Marion Gräfin Dönhoff, es stammt aus ihrem Briefwechsel mit Gerd Bucerius (Siedler Verlag, 2003, S. 27).
Was mich frappiert, ist der antiquierte Duft, der diese im Grunde doch völlig richtigen Sätze umgibt. Das riecht nach Speick-Seife und Uralt Lavendel. Jeder weiß: Der Text kann nicht von heute sein. Ob Degler, Jörges oder Steingart - der real existierende Tonfall unserer Alphajournalisten kommt vom Himmel herab, sie tragen Gesetzestafeln zum Volk hinunter. Sich selbst als schreibenden Leser zu sehen, das käme ihnen nie in den Sinn, das ist nicht ihr Rollenverständnis. Will ich, der ich noch ein Leser bin, mich mal wieder so richtig doof fühlen, dann muss ich mir also nur eines unserer Intelligenzblätter kaufen, die ihrem Namen eben keine Ehre mehr machen. Ich krabbele dort dem Kommenator gewissermaßen auf den Schoß, der mir kleinem Mann dann gnädigerweise die Welt erläutert.
Von ‘gleicher Augenhöhe’ ist auch im Web 2.0 nichts zu spüren, wenn ich mir die Online-Auftritte unserer Qualitätsmedien anschaue. Da herrscht ein behavioristischer Werbeleiter-Blick, der mich, den Leser, vor allem als Generator von Einkünften betrachtet. Eine besonders kluge Ratte bin ich dann, wenn ich in einem ihrer medialen Labyrinthe möglichst oft jenen Knopf drücke, der mich mit einem weiteren Bildchen oder Informationshäppchen belohnt - und das Medium dafür mit Rendite.
Selbst die Achtung des politischen Gegners, die Dönhoff fordert, ist spätestens dann vorüber, wenn der Reporter seinen angestammten kulturellen Beritt des Wichtigen und Bedeutsamen verlassen muss. Von jener journalistischen Neugier, die früher viele Artikel aus der ‘Fremde’ erleuchtete, ist dort nichts mehr zu spüren. Eher erscheint der Berichterstatter angewidert von einem ihm unnatürlichen Milieu, wo sogar - igittegitt! - der Putz von den Wänden bröckelt. Tiervergleiche, seit den braunen Zeiten eigentlich ein journalistisches Tabu, klappert er dann wieder reflexhaft in die Tastatur:
“Friedensaktivisten und Atomkraftgegner reichen kurzfristig Anträge ein und krähen so lange, bis sie - zumindest in abgeänderter Form - durchkommen.”
Kurzum: Diese Dönhoff ist wirklich total von gestern, und der Leser mit seinen dämlichen Erwartungen eigentlich auch. Erwartungen heute sind allein Sache der werten Anzeigenkunden …
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