Ein Plädoyer gegen die Dopingberichterstattung

Ronnie Grob, 16. Juli 2007 15:19 Uhr, 12 Kommentare Kommentare

Seit einigen Jahren quälen mich die Medien, in dem sie das Thema Doping exzessiv thematisieren. Dabei geht mir irgendwann der Spass am Sport verloren.

Quick-Step Ich kann es nicht mehr hören und lesen. Die von mir seit je her geliebte Tour de France ist auch dieses Jahr ein Schatten ihrer selbst. Jede wie auch immer geartete sportliche Leistung wird von den Medien distanziert betrachtet und medizinisch eingestuft.

Nök Angehrn, stellvertretender Redaktionsleiter der Sendung «Sport live» des Schweizer Fernsehens, erklärt in einem Artikel von Rolf App im St. Galler Tagblatt:

Unsere Kommentatoren sind sensibilisiert und thematisieren Doping mit dem richtigen Mass. Zudem versuchen wir die Euphorie etwas zu zügeln.

Die Medien denken, dass sie besonders kritsch sind, wenn sie täglich über Doping berichten. Mich persönlich langweilt das Thema nur noch. Ich will die sportliche Seite der Tour de France sehen. Und nicht die medizinische oder moralische.

Sei es im Radsport, in der Leichtathletik oder im Eisschnelllauf. Alle, die sich zur Entscheidung durchringen, mit Spitzensport ihren Lebensunterhalt verdienen zu wollen, wissen, dass sie damit ihren Körper entweder an oder über die Grenze der Belastbarkeit führen. Trotzdem drängen ständig neue junge Sportler an die Weltspitze, mit von ihren Verbänden als legal und als illegal eingestuften Mitteln.

Sicher wäre eine Welt ohne Doping wünschenswert. Für viele wäre das auch eine Welt ohne Drogen. Wie die Realität aber in den letzten Jahrzehnten (viel eher aber seit der allerersten Touretappe) gezeigt hat, ist so eine Vorstellung Wunschdenken. Es wird gemacht, was möglich ist. Und möglich ist, sich der sich stets erweiternden und neu ausgehandelten Liste der Verbände entlangzuhangeln. Jede Grenze so nahe wie möglich anzupeilen, sie aber nicht zu überschreiten. Das erinnert nicht von ungefähr an Drogenkonsum, das ist Drogenkonsum. In der Wikipedia steht, dass die Risiken, die ein Sportler eingeht, wenn er Dopingmittel zu sich nimmt, sehr gross sind: Von Nebenwirkungen ist die Rede, die zu irreparabelen Schäden führen.

Klar ist, und daran haben weder die Medien noch die Sportler Schuld: Eine Radrundfahrt wie die Tour de France kann vermutlich ohne medizinische Betreuung kaum zu Ende gefahren werden. So gesehen sind die Vorwürfe an jene, die solche unmenschlichen Anforderungen, wie sie von der Organisation der Tour de France gestellt werden, spielend meistern, verständlich. Wiederum ist ein Sport, bei dem der Gewinner a priori unter Verdacht steht, er habe den Sieg nicht verdient, meines Erachtens tot (und somit nicht mehr berichterstattenswert).

Die Medien also tun sich hervor als Doping-Wächter und belästigen damit die Fahrer (die nur ein Teil der Maschinerie sind). Sie verkaufen ihre Blätter, in dem sie einem überführten Fahrer mutmasslich 40′000 Euro bezahlen, damit dieser auf 12 Seiten Details auspackt. Oder sie filmen tränenreiche Geständnisse (hier das von Erik Zabel ).

Doch was passiert, wenn das Tempo im Feld mal gemächlicher ist, wie beispielsweise in der über 236,5 km führenden dritten Etappe von Waregem nach Compiègne?

Die ARD bleibt verhältnismässig gemässigt :

14:54 Im Feld wird Promenadentempo gefahren, obwohl die beiden Ausreißer auch keine Anstalten machen, um wirklich weiter weg zu kommen. Wirklich ein ungewöhnlich langsamer Etappenverlauf im Grundlagenausdauerbereich. Vorne wie im Feld.

14:58 Km 101: Die beiden Ausreißer sind in eher gemächlichem Tempo unterwegs. Das Rennen heute ist eine halbe Stunde hinter dem langsamsten errechneten Schnitt der Marschtabelle. Eine wirkliche Erklärung haben wir bislang noch nicht gefunden.

15:01 Obwohl die beiden Flüchtlinge nicht wirklich aktiv sind, bauen sie ihren Vorsprung wieder leicht auf 9 Minuten aus. Es herrscht fröhliche Eintracht im Feld, das ganze heute über weite Strecken zu einer halbwegs erholsamen Ausfahrt zu gestalten.

15:21 Die allseits ausgebrochene Gemütlichkeit setzt sich fort.

16:16 Die Etappe ist heute zwar eher langsam, was das Renntempo angeht. Um aber Spekulationen entgegenzuwirken, das habe irgendeinen Zusammenhang mit der Frage, ob die Rennfahrer gedopt seien oder nicht: Das ist sicherlich in diesem Zusammenhang eher bedeutungslos. Selbst bei Juniorenrennen (16 - 18-Jährige) wie der Trofeo Karlsberg, werden kaum Etappen unter einem Stundenmittel von 40 km/h bestritten. Der heutige langsame Rennschnitt kommt einzig durch die geschilderte taktische Situation (s.u.) zustande. Man könnte die beiden Ausreißer durchaus fragen, warum sie überhaupt attackiert haben…

Der offizielle Ticker der Tour (letour.fr ) berichtet eher spärlich über die Ereignisse - und spart sich so auch Kommentare zur Geschwindigkeit im Feld. So handeln auch viele andere Liveticker.

Bei live-radsport.ch wird das Gedenken an das Dopingopfer Tom Simpson zwischen Sätze gedrängt, die von “extrem langsamen” und sich eindeutig ausruhenden Fahrern handeln :

14:26 Die Fahrer sind extrem langsam unterwegs bisher, die 2. Stunde wurde mit einem Studenmittel von grade 35km/h zurückgelegt. Der Gegenwind spielt dabei sicherlich eine große Rolle.

14:34 Tom Simpson
Genau vor 40 Jahren starb Tom Simpson beim Anstieg. Am Mont Ventoux brach er auf dem Rad zusammen und konnte nicht mehr gerettet werden. Er hatte Amphitamine und anderes zu sich genommen, was dazu führte, dass Doping das erste Mal Thema bei der Tour wurde.

15:07 M. Burghardt (Tmo) fährt hinter dem Feld mit einem Puls von 106. Damit ruht er sich eindeutig aus

15:19 Man bekommt bei dem Tempo ein wenig den Eindruck als sei es abgesprochen zwischen der Spitze und dem Hauptfeld, dass beide langsam fahren für die nächsten 20km. Der Vorsprung liegt weiter zwischen 8-9min

Sportal.de sieht lächelnde Fahrer - und findet das absurd :

88 km Im Peloton scheint man sehr glücklich über die Trainingsfahrt unter Rennbedingungen. Vielen Fahrern steht ein sichtbares Lächeln im Gesicht. Und Zeit für ein nettes Gespräch mit dem Nebenmann bleibt auch.

91 km Bleibt es bei diesem Bummeltempo, dann kommt der Sieger der heutigen Etappe erst gegen 18:25 Uhr ins Ziel. Das wäre dann 55 Minuten später als der langsamste Schhnitt der vorher ausgegebenen Marschtabelle.

73 km Jetzt wird es langsam absurd. Francaise de Jeux - immerhin mit Mathieu Ladagnous (FDJ) an der Spitze - führt jetzt das Pelotons an.

Stellen wir uns mal eine Welt ohne Dopinggesetze vor. Werden so Sportler zu Gladiatoren? Gewinnt dann nicht mehr ein Sportler alleine, sondern wie bei der Formel 1 das ganze hinter ihm stehende Team, im Radsport also die Pharma-Abteilung, die Masseure, die Taktiker in den Begleitfahrzeugen? Könnte es Boxenstops geben, in denen die Sportler nachgetankt werden? Spritzen in Verpflegungstaschen?

Man weiss es nicht. Und viele möchten das auch gar nicht wissen. Günter Amendt sagte jedenfalls 2004: “Der Leistungssport wird seine ‘Unschuld’ nie wieder zurückgewinnen”:

Ich werde jedoch den Verdacht nicht los, dass sich Teile des Publikums und der Medienöffentlichkeit längst mit der Dopingrealität arrangiert haben. In Europa findet eine Anpassung statt an US-amerikanische Verhältnisse, wo der Sportler als Gladiator wahrgenommen und akzeptiert wird.

Bekämpft werden die Drogen im Sport dennoch. Vom Europarat, von der Politik (Deutschland / Schweiz / Österreich) und nicht zuletzt von der UCI, der Union Cycliste International, die als Teilnahmebedingung für die Tour de France ein Jahresgehalt von jenen Fahrern einfordert, die sie als Dopingsünder überführt. Die Fahrer müssen, wenn sie überhaupt dort teilnehmen möchten, diese Erklärung (pdf) unterschreiben.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin nicht für einen Sport, zu dessen Ausübung die Sportler exzessiv Drogen einnehmen müssen. Aber ich bin auch nicht für einen Sport, bei dem einer, der nach drei Wochen heroischem Kampf auf dem Fahrrad als erster in Paris ankommt, erstmal seine Unschuld in Frage gestellt sieht.

(Bild: Flickr-User re-ality)

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11 Kommentare zu diesem Artikel

  1. andreas

    schrieb am 16. Juli 2007 um 15:48 Uhr (#)

    Ich finde die Aussage, dass eine TdF ohne Doping nicht gefahren werden könne, ziemlich dämlich. Natürlich kann man. Nur liegt dann das Stundenmittel bei einer Bergetappe vielleicht bei 30 oder 25 und nicht mehr 35 km/h.

    Und wer nach 3 Wochen in Paris als erster ankommt, muss sich in der aktuellen Situation ganz natürlich die Frage gefallen lassen, ob er nicht gedopt war, wenn die ohnehin gekürzte Fuentes-Liste noch nicht einmal zu 10% aufgeklärt ist, Fahrer entweder eine Verangenheit bei einem “Doping-Team” haben oder noch immer mit berüchtigten Ärzten zusammenarbeiten und die Doping-Kontrollen derart lasch sind, wie das ZDF berichtet hat.

  2. Ronnie Grob

    schrieb am 16. Juli 2007 um 15:55 Uhr (#)

    @Andreas: Ich habe geschrieben, die Tour de France könne vermutlich “ohne medizinische Betreuung kaum zu Ende gefahren werden”.

  3. Goggi

    schrieb am 16. Juli 2007 um 16:14 Uhr (#)

    Nun, dieses Image und die sofortige Hinterfragerei (1. Frage vom ARD-Mann an den Sieger der 7. Etappe, Gerdemann: “War dieser Sieg sauber?”) hat sich der Radsport selber aufgehalst. Eigentlich machen die Medien den Fahrern jetzt sogar einen Gefallen, indem sie ihnen bei jeder Gelegenheit die Möglichkeit bieten, etwas zur Sauberkeit ihres Sportes zu sagen.

    Ich verstehe Deine Haltung nicht ganz. Natürlich nervt das Thema langsam, aber das rechtfertigt nicht, dass in einem Wettbewerb nicht die gleichen Vorausetzungen für alle gelten sollen, oder nur dann gelten können, wenn alle gleich viel mogeln. Oder fändest Du es fair, wenn wir beide an einer Verlosung teilnähmen, ich mit 100 Postkarten und Du mit einer einzigen?

  4. Eddie

    schrieb am 16. Juli 2007 um 16:22 Uhr (#)

    Ausländische Journalisten fragen schon die deutschen Teamchefs, was mit den deutschen Journalisten und TV Sprechern los ist. Da fahren 2 Fahrer vorne raus, die Fahrer, die direkt dahinter sind werden als “die Abgehängten” genannt, dazu zählte am Samstag zu dieser Zeit auch Linus Gerdemann im Hauptfeld, der später die Etappe gewann.
    Dazu passt, dass die ARD Konzerte der laufend gedopten Musiker, Sänger, Bands überträgt und kein Wort über deren Drogenkonsum verliert. So Samstag Nacht Mike Jagger und Doper-Kollegen.

  5. Ronnie Grob

    schrieb am 16. Juli 2007 um 16:24 Uhr (#)

    @Goggi: Das wären nicht die gleichen Voraussetzungen. Mit einem Fahrrad an der Tour de France hat aber jeder die gleichen Voraussetzungen. Es kommt dort nur darauf an, wie er sich auf die Tour vorbereitet. Und diese Vorbereitung ist nicht unter Kontrolle zu kriegen offenbar. Und weil das so ist, wäre es vielleicht das Egalitärste, darauf zu verzichten.

  6. giglio

    schrieb am 16. Juli 2007 um 16:56 Uhr (#)

    Ja genau Ronnie, dann könnten wir bei der Tour neben der Manschaftswertung auch gleich das medizinische Team mit der besten Dopingleistung küren. Oder um es mit deinen Worten zu sagen, mit der besten “medizinischen Betreuung” - haha!

  7. Thommy

    schrieb am 25. Juli 2007 um 21:05 Uhr (#)

    Also ich muss mir bei deiner Aussage wirklich das lachen verkneifen. Du widersprichst die selbst in mehreren Punkten.

    Ich bin zwar kein Radsport-Fan, und ich bin mir auch sicher das in anderen Sportarten fleißig gedopt wird, aber ich muss sagen das ich die TdF-Teilnehmer total bescheuert find. Wie kann man sich nur dopen wenn sich eh alles nur ums Doping dreht??

    Und mit deiner Aussage du willst eher die sportlichen Leistungen sehen, was für sportliche Leistungen??? Ich versteh auch nicht wie man einen Rasmussen weiter fahren lässt wenn schon so viele Indizien für Doping sprechen. Ich bin eher dafür das man alle Fahrer disqualifiziert und endlich wieder ehrlichen Radsport betreibt.

    Klar gibt es genügend Sportarten in denen auch gedopt wird. Aber einen so extremen Fall hab ich wirklich noch nie gesehen. Und alle Radfans tun mir im Moment etwas leid so verarscht zu werden von ihren “Idolen”.

  8. Ronnie Grob

    schrieb am 26. Juli 2007 um 10:06 Uhr (#)

    @Thommy: Wenn man alle Fahrer disqualifiziert, dann hat man noch keinen ehrlichen Radsport, sondern nur gar keinen Radsport.

  9. Florian Steglich

    schrieb am 26. Juli 2007 um 10:11 Uhr (#)

    Vielleicht wär ja gar kein Radsport ehrlicher als so ein Radsport?
    (Aua! Autsch! Nicht schlagen, Ronnie!) ;)

  10. Ronnie Grob

    schrieb am 26. Juli 2007 um 10:37 Uhr (#)

    Das ist gut möglich. Ich mag Radsport und fände es schade, wenn es keinen mehr geben würde.

    Die jetzt veranstaltete Hexenjagd finde ich aber schon etwas befremdlich. Da wird auf Druck der Sponsoren (und der Medien?) der Leader der Tour ausgeschlossen, weil er (wie viele andere auch) einmal nicht für die Doping-Kontrolleure greifbar war? Ein Fahrer, der bisher des Dopings gar nicht überführt ist? Wieso wird er verdammt, Fahrer wie Armstrong, Indurain oder Coppi aber weiterhin verherrlicht?

    Der Focus hat eine schöne Bildergalerie erstellt. Darin sind diese Zitate zu lesen:

    Fausto Coppi:

    Alle nehmen es, und alle, die das Gegenteil behaupten, verdienen nicht, dass man mit ihnen über Radsport spricht.

    Jacques Anquetil:

    Ich nehme Amphetamine und verstecke mich nicht. Alle Fahrer brauchen Stimulantien.

    Auch ich hätte gerne “sauberen” und “ehrlichen” Radsport. Falls das mal gelingen sollte, würde ich mich darüber freuen. Mir fehlt nur der Glaube daran.

    Und mir tut es leid um Rasmussen, der sich sicher sehr gewissenhaft auf diese Tour vorbereitet hat. Ich finde, er hat all die Häme nicht verdient. Jedenfalls nicht mehr, als die meisten anderen erfolgreichen professionellen Radfahrer.

  11. Thommy

    schrieb am 26. Juli 2007 um 14:50 Uhr (#)

    @Ronny: Klar hätte man dann für ein Jahr keinen Radsport mehr, aber vielleicht könnte man dann mal “sauber” machen und alles wieder auf null setzen.

    Das mit Rasmussen war ja nicht nur ein mal, er hat seine Trainingsplätze geheim gehalten und somit eine Prüfbarkeit verhindert. Wenn nicht mal die Sponsoren und beteiligten wissen wo er trainiert muss was faul sein. Zumindest wirft das ein komisches Licht auf einen.

    Aber viel schlimmer finde ich das keiner der Fahrer eine “ehrliche” Reue verspürt.

    Ich muss aber auch sagen das ich keinen Hass oder so auf Rasmussen hab. Das im Radsport häufig gedopt wird ist ja schon sehr lange bekannt. Nur wie weit gedopt wird erschreckt mich. Auch der hinterste Hilfsfahrer nimmt das Zeug als wäre es selbstverständlich. Bei sowas kann man doch nicht mehr von “Sport” reden.


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  1. medienlese.com » Blog Archiv » Sieg der Moralisten: Öffentlich-rechtliches Aus für die Tour de France
    (18. Juli 2007 15:40)

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