Das Aus für Webradios

Peter Sennhauser, 13. Juli 2007 09:07 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Seit gestern ist das Webradio in den USA akut vom Aussterben bedroht: Extreme Tantiemenforderungen der Musikindustrie machen die grösste Plattform für unbekannte Künstler kaputt.

Ein Appellationsgericht für den District of Columbia in den USA hat gestern die Berufung verschiedener Web-Radio-Organisationen sowie des National Public Radio (NPR) gegen extreme Erhöhungen der Sendetantiemen für kommerzielle Musik durch das “Copyright Royalty Board” abgelehnt. Damit würden ab Sonntag die Gebühren für das öffentliche Abspielen von geschützten Musikstücken (wozu das Webcasting auch gehört) um bis zu 1200 Prozent teurer, und das teilweise rückwirkend. Webradios müssten ausserdem 500 Dollar pauschaler Jahresgebühr bezahlen. Die Anpassungen wurden initiiert von SoundExchange, einer Organisation der Musikindustrie.

Nach Ansicht der Webcaster würde das den Untergang zahlreicher kleiner Webcasting-Betriebe bedeuten, die derzeit rund 7 Millionen Zuhörer via Internet meist mit Sparten-Musikprogramme bedienen.

Die grössten Musikdienste wie Yahoo, Pandora und andere, schreibt die Washington Post, könnten sich die Gebühren zwar problemlos leisten. Viele der kleinen Stationen und Hunderte von Hobby-Discjockeyes müssten ihren Laden dichtmachen - oder haben das schon getan.

Die Musikindustrie argumentiert natürlich einmal mehr damit, dass es darum gehe, dass die Künstler ihren fairen Anteil erhielten (fünfzig Prozent der Tantiemen kassieren alleridings die Produktionsfirmen).

Die Webcaster und viele Musiker hingegen sind aufgebracht, weil sie in der extremen Erhöhung den Versuch sehen, die lästige Konkurrenz der kommerziellen Radiostationen abzuwürgen, die sich seit der Marktliberalisierung vor rund zehn Jahren in den USA grösstenteils in der Hand gigantischer Werbekonzerne wie Clearchannel befinden und aus zentralen Computerstudios mehr mit Musik durchzogene Dauerwerbesendungen als Musikprogramme ausstrahlen. Sie dienen ausserdem der Musikindustrie für den “Aufbau” und das Marketing von Künstlern.

Diese Werbeschleudern haben in den letzten fünf Jahren massiv Hörer verloren - grösstenteils an die kostenpflichtigen Satellitensender XM und Sirius, daneben aber auch an die Internet-Radiostationen.

Man könnte argumentieren, dass die neuen Gebühren zu einer Ent-Kommerzialisierung der Webcastings führen und unbekannten und Indie-Musikern noch mehr Präsenz im Internet verleihen. Das ist ein Trugschluss. Die grossen Namen der Musikszene werden von diesen Websendern nicht nur als Lockvögel, sondern vor allem zur Stilbeschreibung eingesetzt: Auf Pandora.com beispielsweise kann sich ein Hörer anhand des Stils eines bekannten Musikers ein eigenes Programm zusammenstellen lassen, das mit über einem Drittel unbekannter Künstler ähnlicher Stilrichtung für diese eine nie gekannte Präsentationsplattform darstellt - genauso wie die unzähligen Sparten-Webradios, die von Enthusiasten in ihrer Freizeit gestaltet werden (oder vielmehr wurden).

Der “Radio and Internet Newsletter” (RAIN) berichtet jetzt, dass das Handelskomitte des Hauses in Washington versucht, die Musikindustrie und die Webcaster notfallmöässig an einen Tisch zu kriegen, um eine Einigung zu erzielen.

Die Gruppe SaveNetRadio.org ruft auf ihrer Webseite Zuhörer aus der ganzen Welt dazu auf, den Politikern in Washington zu verdeutlichen, welche wichtige Aufgabe die Internetradiostationen inzwischen haben.

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. martin

    schrieb am 14. Juli 2007 um 09:59 Uhr (#)

    eine wirklich traurige entwicklung. welche auswirkungen entstehen für web-radios in europa?

    im artikel hat es noch zwei fehler: beim link zu pandora.com (drittletzter abschnitt) fehlt das “http://” (Link bleibt dadurch bei medienlese); im zweitletzten abschnitt wird von “[...] die Webcaster notfallmöässig an einen Tisch zu kriegen [...]” geschrieben; das “ö” bei “notfallmöässig” könnte man sich wohl sparen..

  2. tom

    schrieb am 18. Juli 2007 um 23:56 Uhr (#)

    die musikindustrie verdient genug ..langsam reicht es!!immer wieder was neues an hiobbotschaften

  3. Magnus

    schrieb am 6. August 2007 um 18:25 Uhr (#)

    Auf eine Art finde ich das ja richtig, was die Musikindustrie da durchsetzt.
    Denn nehmen wir mal an, in Zukunft hören 80 oder 90% der Radiohörer nur noch alternative nicht kommerzielle Sender, bleibt entsprechend auch nichts oder kaum mehr was für die Künstler übrig. Die Folge wird dann sein, dass es weniger Künstler gibt und/oder die Qualität der Musikstücke leidet.
    Die heutige Vielfalt an Musik ist doch erst durch kommerzielles Verhalten der Musikindustrie zu Stande gekommen …

  4. Musikhörer

    schrieb am 8. August 2007 um 21:51 Uhr (#)

    Die Musikindustrie macht sich mit ihren überrissenen und teilweise doppelt erhobenen Forderungen zum angeblichen “Schutz der Urheberrechte” wirklich keine Freunde.

    Die Frage ist auch, ob diese finanziellen Forderungen wirklich dem “Schutz der Urheberrechte” und zur angeblichen Förderung von unbekannten Musikern dient, oder ob es nicht eher darum geht, einfach überall abzukassieren.

    Diese Frage ist angesichts der völlig überrissenen Gagen gewisser Musiker durchaus berechtigt.

    So muss sich die Musikindustrie die Frage gefallen lassen, ob diese zwei- z.T. sogar dreistellige Millionen-Verträge wirklich der Entschädigung für den künstlerischen Wert dienen oder eher zur Finanzierung der exorbitanten Lebenstile gewisser Künstler, die nach ein paar erfolgreichen Jahren zu regelrechten Sozialfälle absteigen.

    Beispiele dafür gibt es genügend: der zum lebenden Monster der plastischen Chirurgie mutierte M.Jackson; die psychisch gestörte und zur Dauer-Patientin psychiatrischer Kliniken gewordene Britney Spears; die ständig nicht an Konzerten erscheinende Amy Winehouse, die wenn sie ‘mal erscheint ihr eigenes Konzertpublikum beschimpft und anspuckt; der sich wegen Sex mit Minderjährigen vor Gericht zu verantwortende R.Kelly, etc etc.

    Damit die Frage zurück an die Musikindustrie: Wie nimmt sich diese das Recht, Konsumenten finanziell zu schröpfen, während dem eine ganze Reihe von mit Millionenverträgen steinreich gewordene Musiker nicht einmal ein Leben innerhalb der Gesetze führen, und manche nicht nur mit Drogen-, Alkohol- oder psychische Probleme auf sich Aufmerksam machen, sondern in einzelnen Fällen auch mit Randalieren und sogar mit Gewaltverbrechen.

    Musikindustrie, brauchst du das von uns Konsumenten eingeforderte Geld wirklich zum angeblichen “Schutz der Urheberrechte”? Wohl kaum?

  5. Musik-Hoerer

    schrieb am 8. August 2007 um 21:52 Uhr (#)

    Die Musikindustrie macht sich mit ihren überrissenen und teilweise doppelt erhobenen Forderungen zum angeblichen “Schutz der Urheberrechte” wirklich keine Freunde.

    Die Frage ist auch, ob diese finanziellen Forderungen wirklich dem “Schutz der Urheberrechte” und zur angeblichen Förderung von unbekannten Musikern dient, oder ob es nicht eher darum geht, einfach überall abzukassieren.

    Diese Frage ist angesichts der völlig überrissenen Gagen gewisser Musiker durchaus berechtigt.

    So muss sich die Musikindustrie die Frage gefallen lassen, ob diese zwei- z.T. sogar dreistellige Millionen-Verträge wirklich der Entschädigung für den künstlerischen Wert dienen oder eher zur Finanzierung der exorbitanten Lebenstile gewisser Künstler, die nach ein paar erfolgreichen Jahren zu regelrechten Sozialfälle absteigen.

    Beispiele dafür gibt es genügend: der zum lebenden Monster der plastischen Chirurgie mutierte M.Jackson; die psychisch gestörte und zur Dauer-Patientin psychiatrischer Kliniken gewordene Britney Spears; die ständig nicht an Konzerten erscheinende Amy Winehouse, die wenn sie ‘mal erscheint ihr eigenes Konzertpublikum beschimpft und anspuckt; der sich wegen Sex mit Minderjährigen vor Gericht zu verantwortende R.Kelly, etc etc.

    Damit die Frage zurück an die Musikindustrie: Wie nimmt sich diese das Recht, Konsumenten finanziell zu schröpfen, während dem eine ganze Reihe von mit Millionenverträgen steinreich gewordene Musiker nicht einmal ein Leben innerhalb der Gesetze führen, und manche nicht nur mit Drogen-, Alkohol- oder psychische Probleme auf sich Aufmerksam machen, sondern in einzelnen Fällen auch mit Randalieren und sogar mit Gewaltverbrechen.

    Musikindustrie, brauchst du das von uns Konsumenten eingeforderte Geld wirklich zum angeblichen “Schutz der Urheberrechte”? Wohl kaum?


2 Trackbacks

  1. neuerdings.com » Blog Archiv » Kleinst-Studio für Webradiohelden
    (16. Juli 2007 10:12)
  2. Notizblog No.30 at slidetone.blog
    (16. Juli 2007 16:00)

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