«Das Magazin» stellt sich der Revolution
“Die Revolution, die keine war” ist ein Aufsatz von Guido Mingels im Magazin überschrieben (erschienen 2005, neu aufgelegt im Online-Magazin 2007). Er rechnet ab mit “15 Jahren Internet” und provoziert heute mehr als vor zwei Jahren.
Mingels’ Fazit: Das Internet ist nur ein Werkzeug. Gesellschaft und Politik sind weitgehend unberührt. Nur der Konsum ist noch bequemer geworden.
Wie wahr. Es ist genau wie mit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Nichts hat sich geändert, die Bauern haben lediglich die Pferde durch Traktoren ersetzt…
Es ist mehr als ein Detailfehler des Texts, dass 2005 nicht das Internet, sondern das Web knapp 15 Jahre alt war: Wer nur an der Oberfläche guckt, wird den Golfstrom im Ozean nicht erkennen.
Wir Journalisten sind dafür verantwortlich, dass die Menschheit Neuerungen noch immer genau gleich begegnet wie vor Jahrhunderten: Mit anfänglich völlig überrissenen Erwartungen, einer mittelfristigen Enttäuschung und einer langfristig tauben Blindheit für die wahren Umwälzungen - und ihre Folgen. Nur so sind Behauptungen zu erklären wie jene, der Buchdruck, die Elektrifizierung oder das Automobil habe die Welt nicht massgeblich verändert.
Veränderungen kommen IMMER später als wir glauben, und sie sind IMMER stärker als wir erwarten. Das sagt der renommierteste (und bescheidenste) Zukunftsforscher im Silicon Valley, Paul Saffo.
Wer glaubt, Twitter, Pornographie und “Second Life” seien die bedeutendsten Kräfte der digitalen Revolution, hat offensichtlich noch nie einen tieferen Blick in die Informationsindustrie geworfen. In der Gleichstellung der digitalen Revolution mit dem Web (und diesem mit dem “Internet”) offenbart sich die Untiefe des Gedankengangs. Das Web ist die Oberfläche des Ozeans Internet, und dass die nicht grade von einem Sturm mit haushohen Wellen zerrissen wird, heisst nicht, dass sich in den Tiefen nicht Wassermengen verschieben, die das Klima ganzer Kontinente beeinflussen.
Aber schon wer glaubt, die Vernetzung durch das Web sei gesellschaftlich irrelevant, der soll versuchen, heutzutage eine krasse Lüge in die Welt zu setzen. Dass sich an der Trägheit der Menschen allen neuen Informationsströmen zum Trotz nichts ändert, ist tatsächlich eine Enttäuschung - aber erstens ist es für das Fazit, dass das so bleibt, noch viel zu früh, und zweitens kann man einer Bewegung nicht die Existenz absprechen, bloss weil sie nicht zur Ursache einer (vorerst) ausgebliebenen Wirkung geworden ist.
Das Schöne an der Digitalisierung liegt ja grade darin, dass sie anders als praktisch jede bisherige neue Technologie keinen eindeutigen Zweck und keine geschlossene Architektur aufweist. Die Menschen werden bestimmen, was sie damit tun - und sie haben grade erst angefangen.
Zur Dummheit der Aussage, nichts habe sich verändert, gesellt sich allerdings etwas viel schlimmeres: Die masslose Arroganz der Plattitüde, dass keinen Computer braucht, wer sonst nichts hat. Nur eine Marie Antoinette des digitalen Zeitalters könnte zur Schlussfolgerung kommen, dass die Armen solche Werkzeuge nicht brauchen, weil doch schon die Reichen keine Revolution damit zu Stande gebracht hätten.
Die Generation von jungen Menschen in der Dritten Welt, die mit dem 100-Dollar-PC (OLPC) aufwächst, wird die wahre Kraft der Vernetzung erst entfesseln und grössere Veränderungen als alle Amazons, Googles und iTunes zusammen bringen. Weil sie die Möglichkeiten auf Weisen und für Dinge nutzen wird, für die uns gelangweilten Wohlstandsmenschen mit unserem konsumzentrierten Denken schlichtwegs die Kreativität fehlt.
Dass ausgerechnet das “Magazin”, immerhin die Publikation mit einer der mutigsten Online-Strategien im Schweizer Medienmarkt, uns hier diesen Text nochmals zum Frass vorwirft, zeugt indes von einer bewundernswerten Selbstironie. Nur wäre ein Post Scriptum vielleicht grade im Zusammenhang mit der Neulancierung des Magazins angezeigt gewesen.
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2 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- Vlogger, Printsterben & digitale (Nicht-)Revolution « Blogs und Politik
(28. Juni 2007 01:50)
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Markus
Wenn Web 2.0 dereinst auf der Rückseite einer Frolic-Büchse erklärt wird, kann sich der bekennende Hundefanatiker Mingels vielleicht auch noch mal weiterbilden.
gis
Zitat aus dem Selbstportrait von Mingels beim Magi: “Was ich nicht mag: [...] Jugendliche. [...] Alles, was den Fortschritt hindert. [...]” Der Fisch stinkt immer vom Kopf her…