Facts:
Nach Börsenschluss wurde zur Sitzung gebeten
Nach Börsenschluss kam die Einladung zur “Mitarbeiterversammlung”, und aus der Ahnung wurde Gewissheit: Facts macht dicht. Der Verlag stellt der Redaktion trotz deren “Gegenvorschlagsrecht” keine Zahlen zur Verfügung. Ein Insiderbericht zu den Abläufen.
Bereits an der morgendlichen Sitzung, sagt ein Mitglied der Facts-Redaktion, sei irgendwie die Ahnung aufgekommen, dass dies der Tag X ist, an dem Einstellung von “Facts” verkündet werde.
In den vergangenen Tagen hatte die Redaktion von der “Bereichsleiterin Zeitschriften”, Uli Rubner, offenbar mehrfach per Email eine Aussprache zu den anderswo vermeldeten Gesprächen mit dem deutschen “Spiegel” über eine Kooperation verlangt und die Antwort erhalten, zu Gerüchten nehme sie nicht Stellung, es werde zu gegebener Zeit Informationen geben.
Im Laufe des Tages hätten sich die Anzeichen gemehrt, dass etwas im Gange sei, sagt unsere Quelle. Zuerst habe sich wie ein Lauffeuer die Information verbreitet, dass die Inserenten von “Facts” über Veränderungen informiert worden seien, dann, dass der “Tages-Anzeiger”, das Flaggschiff der Tamedia, angehalten worden sei, sechzig Zeilen auf der Front frei zu halten - damit, sagt unsere Facts-Informantin, sei die Sache am frühen Nachmittag intern gegessen gewesen.
Die Gewissheit kam nach Börsenschluss um 17.30, als zu einer Mitarbeiterversammlung eingeladen wurde.
Im Fall von börsenkotierten Unternehmen seien eben die Anleger viel wichtiger als die Mitarbeiter, bemerkt unser Facts-Lieferant etwas bitter.
Vor die Belegschaft traten demgemäss VR-Präsident Pietro Supino, Tamedia-Geschäftsleiter Martin Kall, Zeitschriften-Bereichsleiterin Uli Rubner und Chefredaktor Andreas Durisch, der im Hauptamt die “Sonntags-Zeitung” leitet - was ein ironisches Detail darstellt, weil Kall die Schliessung des Nachrichtenmagazins auch damit begründet haben soll, dass im Schweizer Markt neben den Sonntags- keine weiteren Wochenzeitungen Platz hätten.
Es folgte ein kleiner Aufruhr, als klar wurde, dass die Redaktion noch eine weitere Nummer des Hefts herstellen muss, plus die üblichen Aussagen von verlagsseite, man habe alles versucht, um Facts auf einen gewinnbringenden Kurs zu lenken - vergeblich.
Auf Fragen nach den Verhandlungen mit dem “Spiegel”, der am kommenden Montag einen Versuch mit einer Schweizer Splittausgabe plant und mit dem die Tamedia über eine diesbezügliche Zusammenarbeit gesprochen hat, sagte Kall, die Hamburger hätten das Interesse an den Verhandlungen verloren.
Kritik der Belegschaft an der Ausrichtung von “Facts” in der Vergangenheit, insbesondere daran, dass man nie versucht habe, mit tiefschürfenden Hintergründen (statt Bildlastigkeit und Schlagzeilen) der wahren Konkurrenz, etwa der “Zeit” und eben dem “Spiegel” etwas entgegenzusetzen, sondern auf oberflächlichen Mainstream-Journalismus gemacht habe, liess niemand gelten.
Dann hätten einige der Redaktionsmitglieder nach den Zahlen der Zeitschrift gefragt. Denn die Belegschaft muss, wie im offiziellen Communiqué gleich mehrfach betont wird, “konsultiert” werden - theoretisch handelt es sich um den Anspruch auf einen Rückkommensantrag mit konkreten Strategien zur Wiederbelebung des Produkts, über den die Geschäftsleitung nochmals befinden müsste:
“Alle Entscheide, die die Einstellung von FACTS betreffen, stehen unter dem Vorbehalt der Ergebnisse der Konsultation der Mitarbeitenden.”
Der salbungsvolle Zusatz entpuppte sich aber schon deshalb als Feigenblatt, weil Martin Kall den auskunfterheischenden Mitarbeitern die Übergabe jeglichen Zahlenmaterials “zum Schutze des Unternehmens” kategorisch verweigerte.
Was bleibt, sind die ausstehenden Verhandlungen über den Sozialplan; allerdings hat sich inzwischen die Regelung mit sechs Monaten vollen Gehalts in der gebeutelten Schweizer Medienszene etabliert. Zu reden geben werden nur noch die Abgeltung ausstehender Ferien und die Entschädigung fester Freier Mitarbeiter.
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6 Kommentare zu diesem Artikel
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???????
Sehr informativ ? merci!
Einige Anmerkungen und Fragen ?
Die Tamedia AG ist börsenkotiert und hat sich entsprechend an die entsprechenden Vorschriften zu halten, i.c. inbesondere auch bezüglich Ad hoc-Publizität.
Wie sehen die relevanten Zahlen für SPIEGEL und ZEIT in der Schweiz aus?
Für Nicht-Juristen: Art. 335f OR.
Empfindest Du das nicht als angemessen?
Zu reden geben werden nur noch die Abgeltung ausstehender Ferien und die Entschädigung fester Freier Mitarbeiter.
Inwiefern bestehen diesbezüglich Unklarheiten?
Peter Sennhauser
1. Die gesetzlichen bestimmungen betreffend Börse stellt niemand in Frage.
2. Ich kenne weder die Spiegel- noch die Zeit- Zahlen. Die werden aber in den nächsten Tagen ein Thema.
3. Danke für den OR-Link
4. Frag die Gewerkschaften. Mit 100 arbeitslosen Medienprofis auf einen Schlag im Raum Zürich dürfte es auch nach sechs Monaten für Familienernährer mit 70% oder 80% Stempelgeld schwierige werden.
5. Die Frage lautet zum Beispiel: Wer ist fester Freier Mitarbeiter und hat Anspruch auf eine Entschädigung?
Sosicles
Ich verstehe ehrlich gesagt das heute ausgebrochene Gejammer in den Medien und den Blogs nicht: Ein schlechtes Produkt (journalistisch und verlegerisch) verschwindet endlich vom Markt - das ist doch grundsätzlich gut und richtig so. Und die Redaktoren, die angeblich mit der Ausrichtung nicht zufrieden waren, aber dennoch - offenbar gegen die eigene Überzeugung - weiter dort gearbeitet haben, müssen sich selbst an der Nase nehmen (auch wenn ich natürlich niemandem wünsche, arbeitslos zu werden).
insider
sosicles, was würdest du denn vorschlagen? wohin hätte man als redaktor gehen sollen, wenn man mit der ausrichtung von facts nicht einverstanden war? für einige war das engagement bei facts der versuch, aus dem von kurt zimmermann (dem mann von tamedia-zeitschriften-chefin rubner) konzipierten werbeabschöpf-heftchen noch etwas zu machen. ob man jetzt facts gut fand oder nicht: hintergrundjournalismus wird von den verlagen totgespart.
martin
offenbar hat der platz dann für eine solche meldung dann doch nicht mehr gereicht (wäre spannend zu wissen, welche meldung nun die 60 teilen auf der front erhalten hat).
im heutigen tages-anzeiger wird von der einstellung von facts erst auf seite 25 von stefan eiselin berichtet (”Nach 11 Jahren mit roten Zahlen wird das Magazin ‘Facts’ eingestellt”, online leider nur für abonnenten zugänglich).
auf tages-anzeiger online findet sich übrigens nicht ein hinweis auf die einstellung des magazins. auch eine form der reaktion.
und die webseite von facts hat ihren hinweis auch nicht wirklich als eye-catcher platziert: auf der startseite unterhalb der “themen der woche” im bereich wirtschaft - angekündigt, wie eine ganz normale meldung.
und bei klick auf “abo-service” (der link wurde fast überall von der webseite genommen - nur oben in der schwarzen leiste ist er in der grafik noch drin..), erscheint ein popup-fenster, das besagt, dass “technische umstellungen” im gange wären und der abo-service erst wieder ab montag online sei.
hildon
Der Beitrag zeigt eigentlich nur, dass es der Qualität journalistischer Berichterstattung nicht zuträglich ist, wenn sich Insider anonym zitieren lassen. Aus persönlichen Meinungen werden dann plötzlich Tatsachen und eine verstädliche Frustration entlädt sich in allerlei wilden Behauptungen. Na ja.