Die Schönste im ganzen Land

Florian Steglich, 5. Juni 2007 20:11 Uhr, 11 Kommentare Kommentare

Seit wenigen Stunden erscheint der Tagesspiegel online in neuem Design. Um das Urteil vorwegzunehmen: Der Relaunch ist gelungen. Sehr, sehr gelungen. So bringt man heutzutage eine Tageszeitung ins Netz.

Die Anmutung der neuen Website konnte man schon ein paar Tage lang im Redaktionsblog “Innenansichten” sehen. Die Gestaltung kommt von der Agentur Fork Unstable Media, deren Name Designfans wohlige Seufzer entlockt. Und in der Tat: Die Agentur hat eine etwas verspielte und trotzdem seriös-schlichte Seite gebastelt, die den Zeitungscharakter beibehält und dennoch aussieht, wie Internet 2007 aussehen muss. Schauen wir uns doch mal zum Vergleich nochmal Tagesspiegel.de vor dem Relaunch an:

tagesspiegel_layout_alt_klein.jpg

Das war vielleicht nicht die hässlichste Zeitungswebsite des Landes, aber doch reichlich verrostet.

Mit dem neuen Layout wechselt Tagesspiegel.de nicht nur die Hauptfarbe von blau zu rot und breitet sich weiter im Browserfenster aus, sondern wird optisch zu einer Hauptstadtzeitung: Serifenschrift, die Teaser-Kopfzeile unter dem Tagesspiegel-Logo, gedeckte Hintergründe in beige und grau und Inhalt, Inhalt, Inhalt:

tagesspiegel_layout_neu_klein.jpg

Das ist der gelungenste Relaunch der letzten Monate. Die Welt präsentiert sich sauber und angenehm, der Focus modern und die Zeit zwar etwas puzzle-artig, aber gleichzeitig wertig und avantgardistisch - aber der Tagesspiegel hat von allen das eigenständigste und stimmigste Layout.

Ein paar augenfällige Neuerungen:

* Im Mediacenter werden alle Videos, Fotos, aber auch Karikaturen abgelegt und lassen sich auch nach Ressort geordnet anzeigen.

* Die Nachrichten lassen sich, ähnlich wie in der Schlagzeilen-Ansicht von Spiegel Online, nach Uhrzeit sortieren.

* Neben Videos und Fotogalerien sind auch Interviews prominent auf der Startseite präsentiert - eine schöne Betonung dieser Darstellungsform.

* In der Rubrik “Meinung” sind Kommentare, Blogs, Umfragen etcetera versammelt - allerdings längst nicht so offensiv wie bei Welt Debatte.

* Dossiers werden hervorgehoben, das stärkt auch hier die steinalte Hoffnung, dass der Onlinejournalismus perspektivreicher und hintergründiger sein könnte als andere Medien mit ihren Platzbeschränkungen.

* Artikel lassen sich als “Meine Lesezeichen” und als PDF speichern, etwas, das Standard auch bei Regionalzeitungen werden sollte.

* Sicherlich nicht am bedeutendsten, aber trotzdem mein Lieblingsfeature: Die Favoritenseite. Dort sieht man wie so häufig, welche Artikel am meisten gelesen, kommentiert und per E-Mail verschickt wurden - aber auch, welche am häufigsten editiert/aktualisiert wurden, und vor allem, welche Texte die Leser verschmähten. Eine lustige Idee, um wenig gelesenen Artikeln zu etwas mehr Zugriffen zu verhelfen.

Zwar üblich, aber dennoch schade, dass man sich zum Kommentieren bei Tagesspiegel.de erst registrieren muss. Und schade auch, dass sich die RSS-Feeds zwar nach Ressort separieren lassen, aber nicht noch weiter aufgeschlüsselt wurden. Ebenfalls nicht sehr gelungen finde ich die Anzeige der aktuellen Themen auf einigen der Unterseiten:

tagesspiegel_detail_1.jpg

Das wirkt wie ein Ausklappmenü, wie man es von so vielen Nachrichtenportalen kennt, und verwirrt, weil es eben nicht aus- und einklappt, sondern irgendwie nach eingefrorenem Browser aussieht. Außerdem finde ich das hier auf der Ressort-Startseite “Wirtschaft” etwas bedenklich:

tagesspiegel_detail_2.jpg

Das Wörtchen “Anzeige” sehe ich da nirgends.

Aber dennoch und alles in allem: Es ist dem Tagesspiegel ähnlich wie der Frankfurter Rundschau mit ihrem magazinigen Tabloid zu wünschen, dass Mut belohnt wird. Die neue Seite ist so schick geworden, dass man sogar den Versuch der Redaktion verschmerzen kann, die nächste weißbefellte Sau durchs Dorf zu treiben:

tagesspiegel_detail_3.jpg

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sprachnudel

    schrieb am 8. Juni 2007 um 17:10 Uhr (#)

    sorry, aber ich kann das lob überhaupt nicht verstehen. für mich kommt das neue layout zwar wesentlich frischer als das alte daher, aber optisch kann ich mich damit überhaupt nicht anfreunden. vorallem die startseite erinnert stark an das klickibunti layout der bild, und beim anblick des footers dachte ich erst, dass mein browser probleme mit der darstellung hat. aber scheinbar ist das so gewollt, und wahrscheinlich ist auch nur mein auge föllig überfordert damit. naja, zumindest kommen die unterseiten aufgeräumt daher und lassen mich in aller ruhe meine artikel lesen.

    am besten gefällt mir übrigens der einsatz der diversen linienkonstrukte. sieht so aus als hätte man sich nicht auf eine form einigen können.

    aber was solls, design ist ja immer eine frage des geschmacks, und darüber lässt sich ja bekannter weise ausgiebigst diskutieren…

  2. Florian Steglich

    schrieb am 8. Juni 2007 um 19:29 Uhr (#)

    Sprachnudel: Geschmackssache ist natürlich auch dieses Design in großen Teilen; aber mit Bild.T-Online ist es nun wirklich nicht zu vergleichen, gar nicht, überhaupt nicht und auch subjektiv nicht, nein.

  3. Sprachnudel

    schrieb am 8. Juni 2007 um 20:59 Uhr (#)

    Hallo Florian, damit wollte ich nur zum Ausdruck bringen, dass die Startseite vollkommen überladen ist - nicht mehr und nicht weniger…

  4. mike

    schrieb am 9. Juni 2007 um 02:45 Uhr (#)

    von “Geschmackssache” zu sprechen finde ich ein klassisches Totschlagargument, ich muss zugeben, dass sich das Angebot aus meiner Sicht verbessert hat, aber von “schön” oder was auch immer zu sprechen ist weit weg von der Realität. Das ist von vorn bis hinten zusammengeschludert, da beisst die Maus keinen Faden ab, ich habe nicht einen blassen Schimmer, wie unkritisch mit dem Kram hier und überhaupt anderswo damit umgegangen wird.

  5. Florian Steglich

    schrieb am 11. Juni 2007 um 10:22 Uhr (#)

    Mike: Von “schön” im Zusammenhang mit “Realität” zu sprechen macht allerdings die Diskussion auch nicht einfacher. Das da oben ist sozusagen eine Rezension, ich habe mich auf die Anmutung bezogen, die natürlich subjektiv ist wie nur was, und auf einige der “Features”, die ich für gelungen halte. Abgesehend davon zähle ich in meinem Artikel eine Handvoll Kritikpunkte auf, ich war also nicht ausschließlich am Bauchpinseln.


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