Robin Meyer-Lucht hatte 2007 natürlich völlig recht, als er - im Gegensatz zur vereinten Verlegerschaft - die Öffentlich-Rechtlichen vollumfänglich im Internet vertreten sehen wollte. Ob er sich allerdings unter der gleichfalls geforderten Kontrolle so etwas vorstellte, wie es noch heute in dieser Babyklappe des ZDF abläuft, das wage ich dann doch zu bezweifeln:
“Die Doku-Soap erzählt von bewegenden, glücklichen und aufregenden Momenten rund um die Geburt - Geschichten über Frauen und Männer, die sich auf das Abenteuer Kind einlassen.”
Seit einigen Jahren schon featured der Sender das Sendeformat der ‘Babystation’ - mit anderen Worten, er wirbt dank elternaffiner ‘Homestories’ und mit niedlichen Babybildchen für das Perinatalzentrum der privaten Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona. Allen voran und immer vor Ort “ZDF-Reporter” Christopher Butt, ein Dienstleister für freundlich-mundgerechte Interviews, journalistisches Talmi und verbalen Glasperlenhandel.
Sie sind genau. Sie arbeiten gewissenhaft. Sie erschaffen Realität. Sie sind Fact Checkers. Dan Beers hat über die heimlichen Helden des Journalismus einen Kurzfilm gemacht – mit Bill Murray in einer Nebenrolle. In “Fact Checkers Unit” wird aus dem tristen Büroalltag der Dokumentare und Rechercheure ein Job für knallharte Ermittler im Außeneinsatz. Wie die Kollegen von “CSI” machen sich die knallharten Checker in schwarzen Blousons mit gelbem “FCU”-Aufdruck an die Arbeit. An einer Straßenecke wartet schon ihr geheimer Informant mit exklusiven Fakten …
Radikal und subjektiv: Der Dokumentarfilm “Gonzo” blickt zurück auf Leben und Werk von Hunter S. Thompson. Der Reporter und Schriftsteller gilt als Begründer des New Journalism.
Natürlich muss ein Film über den Begründer des so genannten “gonzo journalism” auch so heißen: “Gonzo”. Oscar-Preisträger Alex Gibney hat mit Originalaufnahmen, Zeitzeugen und nicht zuletzt mitreißende Musik eine knapp zweistündigen Dokumentation über den legendären Journalisten Hunter S. Thompson gedreht. Erzählt wird der Film von Johnny Depp, der den manischen Schreiber schon in dem drogenlastigen Roadmovie “Fear and Loathing in Las Vegas” gespielt hat. Klar, dass auch die Doku keine Jugendfreigabe bekommen hat: “Rated R for drug and sexual content, language and some nudity.” Trailer nach dem Klick:
Google verändere die Recherche, steht im Tagesspiegel. Das stimmt. Außerdem steht dort, in Deutschland gebe es keine “fact checkers”. Das stimmt nicht.
Im Tagesspiegel wird eine Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) über “journalistische Online-Recherche” vorgestellt. Die Ergebnisse sind nicht überraschend: Über Google und Spiegel Online wird recherchiert, das Telefon ist auch sehr wichtig. Aha. Okay. Gut. Weil die Informationen aus dem Netz natürlich sehr verdächtig sind, sollte das Berufsbild des Dokumentationsjournalisten nach anglo-amerikanischem Vorbild gefördert werden. Sagen die Autoren der Studie, und so steht es auch im Tagesspiegel.
Der Artikel fährt fort mit der Feststellung, “fact checkers” gebe es “hierzulande noch nicht”.
Ein Fest für Filmfreunde: In München wird heute Abend das Dokumentarfilm-Festival “Dok.Fest” eröffnet. An den darauffolgenden sieben Tagen werden über 60 Filme gezeigt.
Wer sich für Dokumentarfilme begeistert, hat es nicht gerade leicht. Die wenigen Kopien der Filme tingeln erst Monate durch die Festival-Welt, verschwinden oftmals in Archiven und irgendwann später tauchen die Filme dann verstreut pötzlich im Nachtprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders auf. Der Name des Münchner Festivals “Dok.Fest” greift also nicht zu hoch: Es ist ein Fest, über 60 Dokumentationen an sieben Tagen gezeigt werden. Also auf nach München und zusammen mit den erwarteten 13.000 Zuschauern ins Kino – denn in nächster Zeit laufen in Deutschland nur vier der gezeigten Beiträge auf der Leinwand.
Unter anderem stehen folgende Filme auf dem Programm:
Er nervt wieder: Günter Wallraff hat verdeckt in zwielichtigen Callcentern gearbeitet und die ganze Misere aufgeschrieben. Heute Abend zeigt das ZDF Wallraffs Dokumentation, in der Insider zu Wort kommen.
Günter Wallraff redet mit Insidern, Opfer und Tätern (Bild: Keystone)
Der Film von Günter Wallraff und Pagonis Pagonakis zeigt mit verdeckter Kamera gemachte Aufnahmen von internen Schulungen der Telefon-Operateure, zu Wort kommen die abgezockten Opfer und die Billiglöhner am Telefon - “ein schöner Coup”, findet Thomas Gehringer auf DerWesten.
Vom DOK-Video Die Deutschen kommen - und wie lieb wir sie haben, das im Ende Januar 2007 im Schweizer Fernsehen lief, ist nun eine untertitelte Fassung auf YouTube zu sehen. Gut angekommen ist der Film bei den YouTube-Nutzern aber bisher nicht: 4 Bewertungen, Durchschnitt 1 von 5 Sternen (öde):
Im Film, den ich ganz interessant finde, sieht man Schweizer, für die alle Deutsche grundsätzlich arrogant sind (eine seltsam arrogante Haltung). Deutsche, die schweizerdeutsch lernen. Deutsche, die vor den deutschen Steuereintreibern flüchten. Deutsche, für die es kein Spass ist, Fussball zu gucken in der Schweiz. Deutsche, die nie mehr in Deutschland wohnen möchten wollen und nur zum Einkaufen nach Deutschland gehen. Deutsche, die unbedingt eingebürgert werden möchten. Und noch ein paar Deutsche und Schweizer mehr.
Die um 30 Minuten erweiterte Fassung des Dokumentarfilms “Das Schweigen der Quandts” läuft am Donnerstag um 21 Uhr im NDR. Unterdessen hat die Familie Quandt auf den Vorwurf, ihr Besitz gründe auf Kollaboration mit den Nazis, reagiert und einen Historiker mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte beauftragt.
Heimlich, ohne Ankündigung lief Ende September der Dokumentarfilm erst auf dem Hamburger Filmfest und im Fernseh-Spätprogramm. Das Medienecho auf den Film von Eric Friedler und Barbara Siebert war beeindruckend: Fragen zur Rolle der Familie Quandt im Dritten Reich wurden aufgeworfen - und die Filmemacher und der NDR für eine mutige, aufwendige Recherche gelobt. Endlich zeige die ARD mal wieder “Spitzenfernsehen”, schreibt zum Beispiel Bernd Gäbler auf stern.de.
Unterdessen hat die Familie Quandt reagiert und lässt den Historiker Joachim Scholtyseck in den Archiven wühlen. Der Dokumentarfilm hat damit geschafft, was einzelne Autoren und Wissenschaftler vorher nicht erreichen konnten: Er hat geholfen, das Schweigen der Quandts zu brechen.
Das Vermögen der Quandts, eine der reichsten Unternehmerfamilien in Deutschland, soll auch aus fragwürdiger Zusammenarbeit mit den Nazis stammen. Dass in Fabriken Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, so die NDR-Dokumentation “Das Schweigen der Quandts”, möchte die Familie weder kommentieren noch aufarbeiten.
Sonntag, 23:30 Uhr. Nicht Inge Meysel kommt im Ersten, wie es die Programmzeitschriften eigentlich voraussagen. Stattdessen läuft die Dokumentation “Das Schweigen der Quandts”. In der NDR-Produktion, die am Nachmittag auf dem Hamburger Filmfest uraufgeführt wurde, wird die Rolle der Akkumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) und anderer Unternehmen Günther Quandts im Dritten Reich kritisch beleuchtet - und wie die Familie mit dem schweren Erbe heute umgeht: Schweigen.
Fünf Jahre haben AutorEric Friedler und Barbara Siebert recherchiert. Puzzleartig fügten sich dabei die Informationen aus verschiedenen Archiven zusammen, verdichteten sich viele kleine Hinweise zu einer erdrückenden Faktenlage. Neben Historikern kommen in der Dokumentation auch Zeitzeugen zu Wort: Ehemalige Zwangsarbeiter, die für Quandts Unternehmen arbeiten mussten.
Nach der Aufführung auf dem Hamburger Filmfest bekamen Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Fiktion und Unterhaltung, und Eric Friedler viel Applaus. Sie haben eine packende Dokumentation präsentiert, aufwendig und gut produziert. Ein Film, der viele der Anwesenden sprachlos macht - und in den kommenden Tagen sicher einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten wird. Auf die einstündige Fassung soll eine um 30 Minuten erweiterte Version folgen, zu der es dann auch Pressearbeit geben soll.
Jetzt aber ist der Film erst mal draußen - ein echter Coup für die ARD. Viel bekannt gegeben wurde im Vorfeld nicht. Im Programm des Filmfestes fehlten Angaben zu Autoren und zum Namen der Unternehmerfamilie, die im Mittelpunkt der Doku steht, völlig. Ähnlich gut getarnt versteckt sich die Sendung im ARD-Programm hinter Inge Meysel. Angst haben die Macher trotzdem nicht: Der Film sei schließlich sauber recherchiert. Friedler wünscht sich für die ehemaligen Zwangsarbeiter und Geschädigten, dass die Familie Quandt die Geschichte ihrer Unternehmen anerkennen und hofft auf unabhängige Aufarbeitung.
Das Interview-Magazin Folge ist anders: In aufwendig produzierten Filmen werden Persönlichkeiten vorgestellt. Interviewgäste und Macher haben sichtlich Spaß daran.
Mit großem Brimborium werden auf der IFA gerade neue Onlineplattformen präsentiert - auf denen dann doch nur die bekannten Sendungen laufen. Währenddessen schneidet Frerk Lintz an der vierten Ausgabe des Interview-Magazins Folge, fünfzehn Minuten lange Filme, die es im Internet zu sehen gibt.
Schauspieler Axel Prahl, Radiomoderator Klaus Fiehe, Designer Mario Lombardo und der Koch Otto Pfeiffer werden in den ersten vier Ausgaben vorgestellt, in einer Mischung aus Interview und dokumentarischen Aufnahmen. Mit bis zu drei Kameras ist das kleine Team unterwegs, aus vielen Stunden Rohmaterial werden die Filme in Final Cut Pro montiert. Dabei wird viel Wert gelegt auf gut eingerichtete, schöne Bilder. Das kann dauern, “lieber länger brauchen und Arbeit investieren, als schnell und huddelig”, sagt Lintz. Dafür unterscheiden sich die Interviews von allem, was es in Deutschland online gibt.
Beslan, 9/11, Vietnam: Das amerikanische Magazin Esquire feiert 75. Geburtstag und verschenkt sieben herausragende Artikel auf seiner Website – einige davon sind erstmals online zugänglich. » weiterlesen
Die Presseschau heute mit zwei langen Texten zur Filmkritik mit Weblogs, einem Peter Turi, der auspackt und einer unsinnigen Sperrfrist für eine PR-Meldung. » weiterlesen
CDU und CSU sprechen sich für die Nationale Initiative Printmedien aus – mit einem Sprachwust aus Blähsätzen und Politiker-Phrasen, der hier gebührend gewürdigt werden soll. » weiterlesen