Die Schweizer SonntagsZeitung macht sich einen Spass daraus, eine völlig unvorbereitete Person (”technisch unverdorben” laut Überschrift) an die CeBIT zu schicken. Es fragt sich, was der Erkenntnisgewinn für die Leser des Multimedia-Bunds sein soll.
Chris Winteler, die sonst für die Zürcher Schwesterblätter “Tagesanzeiger” und “SonntagsZeitung” über alles mögliche schreibt, unter anderem über Reisen, aber nicht über Technologie, war wohl gerade in Hannover und wurde daher abkommandiert.
Sie beginnt mit dem Kuckucksuhrenladen, der mitten auf dem Messegelände liegt und mir auch jedes Jahr auffällt. Und weil sie das für ihren besten Einfall hält, nennt sie den ganzen Artikel auch gleich so: Was zum Kuckuck soll das?
Das denkt man allerdings auch, wenn man weiterliest, was Chris Winteler über ihr Erlebnis am O2-Stand schreibt:
Beim Stand von Mobilfunkanbieter O2, gibts «Fernsehen auf dem Handy». Wie bitte geht das? «Also», sagt der Herr, «Sie brauchen erst mal ein UMTS-Gerät». UMTS? «Universal Mobile Telephone System, Mobilfunknetz der dritten Generation», hilft er weiter. Wir schauen ein bisschen Skirennen auf seinem Handy. Die Namen der Fahrer kann ich nicht entziffern.
Natürlich, “UMTS” muss man nicht kennen. Gibt es allerdings seit 2003 und stand seitdem einige hundert Mal sowohl unter Technologie als auch unter Wirtschaft in allen Zeitungen (swissdox.ch findet mehr als 500 Treffer). Aber seit etwa zwei Jahren ist fast jedes neu verkaufte Handy UMTS-fähig, daher bringt es beim besten Willen nichts mehr, die Abkürzung mit spitzen Fingern anzufassen. Die Kritik, dass man auf einem kleinen Handy-Bildschirm wenig erkennen kann, ist berechtigt, aber auch nicht wahnsinnig originell.
Zum Vergleich nehmen wir einen beliebigen Multimedia-Bund aus der SonntagsZeitung-Ablage der letzten Wochen vor - wir landen beim 11. Februar - und überfliegen zwei fachkundig geschriebene Artikel von Barnaby Skinner (über Zattoo) und Simone Luchetta (über das “Wireless DJ Music System” von Logitech). In beiden Artikeln nicht weiter erläutert werden die Kürzel “Bluewin TV”, “Skype”, “USB”, “MP3, WMA, AAC” und so weiter. Das halte ich für richtig, denn dieser Bund dürfte von einem interessierten Publikum gelesen werden. Was ist nun also normal? Dass Frau Winteler “UMTS” nicht kennt oder alle anderen Autoren nicht jedes Kürzel bei Adam und Eva anfangend erklären?
Ich erkundige mich nach einem im Handy integrierten Navigationssystem. Davon hats eine ganze Halle voll. Die Ulrike vom Becker-Stand findet, ihr Modell sei «total easy to control». Ulrike trägt roten Mini, rote Pumps, roten Lippenstift. Und ist blond. Ulrike tippt los, bei jeder Tastenberührung sagt sie «so». Sie tippt etwa 15 Mal – «ups, falsch getippt». Sie tippt weiter. Sie sagt, «das funktioniert mit 3-D- oder 2-D-Modus, super toll über die SD-Karte». Aha. «Navi» nennt sie das Gerät liebevoll. Ich lass sie tippen.
Ein interessanter Quantensprung, von “UMTS, was ist das?” direkt zur Frontlinie der technischen Entwicklung, zu einem Navigationsgerät im Handy, was von mehreren Herstellern an der CeBIT erstmals gezeigt wird. Über Messehasen, blond-rote zumal, und ihre Demonstrations- und Ausdrucksweise zu lästern, ist ein einfaches Ziel. Das in den letzten beiden Jahren zur Massenware geworde Navigationsgerät wird allerdings inzwischen von Hunderttausenden “Navi” genannt, sogar in der Schweiz. “Handy” wäre sonst auch noch ein Kosewort, über das man lästern könnte; es ist nicht mal richtiges Englisch. Das tut Frau Winteler am Stand von Samsung jedoch nicht:
Welches Handy, bitte schön, würden Sie mir empfehlen? «Die neue Ultra2-Linie», empfiehlt der Herr, «besonders flach, besonders leicht.» 5,9 Millimeter dick, was für ein Interface, diese Keys, das Rad zum Scrollen – schwärmt der Herr. Was das Ding kostet, will er nicht sagen.
Sie sei “normal begabte Benutzerin von Handy und Computer”, schreibt die Autorin weiter oben. Dann könnte sie bereits die Erfahrung gemacht haben, dass Handys in der Regel nicht vom Hersteller, sondern von den Netzbetreibern vertrieben werden, und daher gibt es so etwas wie eine unverbindliche Preisempfehlung nicht, sondern der Preis für ein neues Handy variiert je nach Anbieter und Vertragslaufzeit. Das Samsung SGH-D900, das rund um die CeBIT viel beworben wird, gibt es für 0 bis 400 Euro. Welchen Preis soll der Mann am Samsung-Stand ihr also sagen?
Ich will zu den Fernsehern. Da, an der Wand, schnittig, flach wie ein Brett, was für ein scharfes Bild. Das ist kein TV, sagt der Mann. «Das ist ein Blue Ray Disc, ein Speichermedium, ähnlich einem DVD mit höherer Kapazität.» Aha.
“DVD mit höherer Kapazität” ist eine perfekte Erklärung für eine Blu Ray Disc, wenn jemand es nicht genauer wissen will. Aber das “aha” hätte sich der Standmitarbeiter wohl für jeden freundlich gemeinten Versuch eingefangen.
Zwei, drei Absätze mit relevanten Aussagen hat der Artikel. Dass überall als Polizistinnen verkleidete Hostessen herumlaufen, stimmt. Da hatte wohl mal einer die Idee, und nun machen alle sie nach. Ob unter den Overalls kein Platz für Unterwäsche ist, konnte ich allerdings ohne zu fragen nicht beurteilen. Und dass der Schweizer Bundesrätin Leuthard der Laptop gestohlen wurde, stand auch in “20 Minuten”; dies scheint das einzige aktuelle IT-Vorwissen zu sein, das die Autorin einbringt. Dass sie sich nach dem Messerundgang, der offenbar zur Evaluation neuer Handys für den Eigenbedarf gedacht war, allerdings wirklich als nächstes das Seniorenmodell “Big Easy” kaufen will, mag ich nicht recht glauben.
Keine Frage: An der CeBIT gibt es viel Skurriles bis Sinnloses zu sehen. So wie an den meisten Fachmessen übrigens. Doch was bringt es dem geneigten Leser, jemanden dort hinzuschicken, der alles absurd findet? Genauso würde sich der Eremit im Supermarkt fühlen, oder beim Autohändler oder am Flughafen. “Da stelle mer uns janz dumm” (Die Feuerzangenbowle, 1944) mag ein legitimer journalistischer Ansatz sein, doch hier führt er bis auf wenige treffende Spitzen nur zu 7000 an prominenter Stelle verschwendete Zeichen.
Schöne Grüsse aus Hannover. Wir sind übrigens in ein paar Tagen wieder da, Frau Winteler, wenn Sie jemanden suchen, der mit Ihnen mal in einen Swisscom-Shop geht, und die Kollegen nicht fragen wollen - Mail genügt.