Journalistenschwemme:
Wohin mit all den Entlassenen?
Angesichts von Jobabbau in Redaktionen sieht unser Autor schwarz: Weniger Mitarbeiter schaffen weniger Qualität – die Leser werden’s merken und Holzhausen den Rücken kehren.
Entlassen werden dort jetzt Menschen, die - um ein altbekanntes Bonmot zu zitieren - ihr Leben lang überlegt haben, welchen Beruf sie eigentlich genau verfehlten. Denn außerhalb des großen Medienzirkus gibt es nur wenige Einsatzgebiete für sie. Auch dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Verleger zunächst nicht ihre ‘besten Pferde im Stall’ mit Auflösungsverträgen und Abfindungen behelligen werden. Zunächst sind die kleinen Redaktionssoldaten dran, die wortarme Heerschar der dpa-Drapierer und Fertigsprachler. Wohin werden die gehen?
Neue Zeitungen, die sie aufnehmen, sind für sie ähnlich selten wie ein Sechser im Lotto. Allenfalls als qualitativer Verdrängungswettbewerb ist so etwas denkbar: Der Kollege von der Süddeutschen besetzt dann den freiwerdenden Platz im Buxtehuder Kreisblatt. Letztlich entlassen aber werden Medienarbeiter in großer Zahl überall. Jene Stellen wiederum, die parallel im DJV oder anderen Ständeorganisationen wegen eines ‘erhöhten Kommunikationsbedarfs’ in der Krise zu besetzen wären, bleibt absolut überschaubar.
Sollen sich also alle arbeitslosen Journalisten an PR oder Unternehmenskommunikation wenden, damit sie dort die Süßholzraspelei erlernen? Auch das halte ich für unwahrscheinlich, denn die Public Relations werden in einer Wirtschaftskrise ebenfalls nicht expandieren; die Agenturen sind schon froh, wenn ihre Etats ungeschoren bleiben. Und selbst, wenn: Selbst die Public Relations und die Werbeagenturen suchen doch eher nach Sprachgewalten statt nach Sprachgestalten.
Meine Einschätzung geht daher in eine andere Richtung: Wer nicht ganz und gar den Beruf wechselt, also vielleicht demnächst an der Volkshochschule Migrantenkindern Deutschunterricht erteilt, der wird wohl ein Redaktionsbüro aufmachen oder in einem solchen unterschlüpfen. Dort wird er dann als ‘freier Schriftsteller’ und als ‘Dienstleister am Wort’ redaktionelle Aufgaben für Zeitungsverlage übernehmen. Hier in Norddeutschland, im Umkreis des Weser-Kurier, gibt es das seit einigen Jahren schon. Die Honorarsätze finden sich hier oder - falls jemand sich mal an SEO versuchen möchte - auch hier.
So setzt sich eine Spirale in Gang, die notwendigerweise den weiteren Niedergang Holzhausens beschleunigen wird. Denn die ‘neuen Freien’ werden sehr viel billiger sein als die festangestellten ‘Edelfedern’ mit dem Tarifvertrag. Und die Verleger finden schon Mittel und Wege, diese neue Ressouce auch anzuzapfen. Zunächst für den alltäglichen Bedarf, für den billigen Online-Content usw. - und das noch nicht einmal aus bösem Willen, sondern deshalb, weil das Anzeigenaufkommen derweil immer weiter einbricht. Dieser Rückgang wird sich schon bald von der Wirtschaftskrise völlig entkoppeln, der Gedanke an ein ‘Überwintern’ der Redaktionen ist damit illusorisch. Weil letztlich die entscheidende Frage für den Werbetreibenden immer lautet: Wer schaltet noch Anzeigen in einem Medium, dass die erwünschten Zielgruppen zunehmend weniger erreicht?
Währenddessen merkt das Publikum nämlich längst, dass in jenem Napf, der ihm als leckerer Qualitätsjournalismus untergeschoben werden soll, zunehmend weniger publizistisch-sprachliche Nährstoffe enthalten sind. Die Flucht aus den Medien verstärkt sich mit dem anwachsenden Einsatz freier Zuarbeit, weil das Publikum - ganz im Gegensatz zum alten Journalistenvorurteil - eben doch nicht blöd ist. So wird durch die selbstgenerierten Zwänge im Medienzirkus der Niedergang Holzhausens sich täglich beschleunigen …
Was tun? Tscha - bin ich denn Lenin?
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11 Kommentare zu diesem Artikel
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- Wochenrückblick: Wir sind alle Reporter » medienlese.com
(7. Dezember 2008 17:44) - Wie weiter ohne Geld: Inhalte, von Spenden finanziert » medienlese.com
(15. Dezember 2008 10:02)
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lupe
Wenn es denn so kommt wie beschrieben, wird es auch jene Wirtschaftsweisen in den Medien treffen, die jahrelang Schönschriften über sinkende Arbeitslosenzahlen fertigten, ohne die Mediennutzer darüber aufzuklären, dass diese Zahlen nur durch allerlei Manipulationen und vor allem durch zunehmende Billigarbeit, Ein-Euro-Sklaven, Minijobber usw. möglich war. Jene Journalisten schrieben auch die spätestens im Frühjahr erkennbare Krise einfach weg, veröffentlichten lieber Bonzengeschwafel nach dem Motto: “Alles bleibt gut.” oder beleidigten kundige Leser mit dem Unsinn über irgendwelche Kauflaunen.
Dass nun jene Schönschreiber, die das nicht erkennen wollten oder die dessen Tragweite verschwiegen, nun möglicherweise selbst Leidtragende werden, zeigt, dass die ganze Wahrheit oft doch an den Tag kommt, ganz ohne Medien und oft ganz brutal für Schönschreiber.
Nico
Was tun? - Wie du schreibst: Das Publikum ist nicht dumm. Es wird den Zeitungen, wenn sie die Qualität nicht halten (oder sogar verbessern) können, den Rücken kehren. Und sich Qualitätsjournalismus anderswo holen. Und wo auch immer das sein mag: Dort braucht es dann plötzlich wieder gute Journalisten.
konmedia.tv
Was geschieht eigentlich mit den Alphatieren, den noch-gut-Bezahlten, falls immer mehr Freie, die ebenfalls gute Arbeit leisten zu viel günstigeren Preisen auf den Markt drängen? Bestimmen die Verleger dann auch, auf die billigere Variante umzusteigen und schlussendlich die Zeitungen nur noch aus angekauftem Material zusammenzustellen?
Klaus Jarchow
Nun ja, Nico, deine Gelassenheit in Ehren - ich weiß aber auch, dass jetzt eine kritische Masse an arbeitslosen ‘Meinungsmachern’ entstehen wird, die sich parallel mit ihrem sozialen Abstieg rasch radikalisieren wird, in welche Richtung auch immer. Ob ich mir das wünschen soll, oder auch nur ganz gelassen bleiben sollte, das weiß ich nicht so recht. Ein akademisches Proletariat ist unter dem Gesichtspunkt von Ruhe und Frieden immer ein gefährliches Potenzial - siehe historisch z.B. Metternich-Zeit, siehe die heimkehrenden Frontstudenten in der Weimarer Republik nach 1919, siehe den Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst nach der ersten Ölkrise. Jetzt fallen eben die große Finanzkrise und der soziale Abstieg solcher künftigen Akadenichtser zusammen …
Hans Krame
Also jeden Mittwoch gibt einen Flug von Frankfurt nach Pjöngjang via Peking. Man kann den Flug für etwa 1200 Euro auch einfach buchen.
Dort ist die Welt für Euch noch in Ordnung: alle sind gleich und ein Auto kann sich sowieso keiner leisten: Natur pur. Was wollt Ihr mehr?
Klaus Jarchow
Wie meinen?
Jeeves
dpa-Drapierer und Fertigsprachler
Wunderbar.
Nur, wieso Tränen über gerade diese Leute? Was ist mit all den Millionen in vielen anderen Branchen? Oder andersrum: Wieso soll es den Angestellten bei Zeitungen anders oder besser gehen als allen anderen? Und wieso sollen sich ausgerechnet diese dpa-Drapierer und Fertigsprachler radikalisieren? Fragen über Fragen…
Klaus Jarchow
Tränen vergieße ich ja gerade nicht - nur sind es eben auch Menschen, die irgendwohin gehen und irgendwovon leben müssen. Über den Mausi-Journalismus unter den Bedingungen der Rezession und die Entstehung des politradikalen Ressentiments hat der Hans Fallada sein bestes Buch geschrieben: “Bauern, Bonzen und Bomben” … es spielt in der hochbedeutenden Presselandschaft von Neumünster im schönen Schleswig-Holstein.
Wolfgang Michal
Vor zwei Wochen haben die freien Journalisten (aus einer anfangs eher kleinen Runde von Netzwerkern heraus) einen Berufsverband geschaffen. Auf der provisorischen Website der Freien - http://www.freischreiber.de - hatten sich in relativ kurzer Zeit mehr als 1100 Journalisten eingetragen. Das ist doch nicht schlecht, oder? Ein geschärftes Problembewusstsein ist also vorhanden.
Richtig ist, dass sich mehr Redaktionsbüros bilden werden, und aus diesen Redaktionsbüros werden z.T. Betriebe entstehen, von reinen Dienstleistern (Zulieferern), die jenseits des Journalismus angesiedelt sind, bis zu alternativen Medienangeboten auf regionaler und überregionaler Ebene. Die Karten werden neu gemischt. Das ist auch eine Chance.
Im übrigen möchte ich der weit verbreiteten (und von Bloggern gern geglaubten) Legende entgegentreten, dass freie Journalisten grundsätzlich die Doofies und Festangestellte grundsätzlich die Cracks sind. Damit übernimmt man die Sichtweise der Verlage, die sich damit ihre (nicht immer von Kompetenz gespeiste) Personalpolitik schönreden. Ich kenne beide Seiten aus langjähriger Erfahrung, und würde sagen: det is sehr jemischt.
Klaus Jarchow
Diejenigen, Wolfgang, die bisher und unter ‘normalen Umständen’ als Freie in dieser Gesellschaft überleben konnten, die sind - so sehe ich das - sogar regelhaft die besseren Journalisten, weil sie nie in einen Redaktionstrott verfallen konnten (Ausnahmen - hier wie überall - bestätigen immer die Regel). Sie kopierten keinen ‘Stil des Hauses’, bis das Kollektiv und die Langeweile jeden Text im Blättchen auch sinnlich zum Grauwert machten. Charakterlich waren sie meist weniger defizitär, weil ‘das tägliche Pensum’ sie seltener zu hallodrihaften Heißluftnummern zwang. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.
Man schliff sich nicht zu austauschbaren Kieselsteinen aneinander ab, man lebte nicht von Flurfunk und Kantinengesabbel und erfuhr schlicht mehr - und zwar ‘vom Leben’ draußen, dem allerbesten Flurfunk, den es gibt. Dafür sah der angestellte Redakteur meist sozial auf diese Freien herab - und so glich sich beim Selbstgefühl letztlich alles wieder aus.
Diejenigen, die aber jetzt auf die Straße gestellt werden, das sind ja keine solchen selbstbewussten Savannentiere, das sind ‘Freie wider Willen’, das Gegenteil autonomer Wesen. Die werden über Nacht jetzt ausgesondert nach darwinistischen Kriterien. Für sie bleibt der Stall mit seiner allmorgendlichen kleinen Nachrichtenlage und den Ansagen vom CvD absehbarerweise noch einige Jahre das höchste Lebensziel. Ein zunehmend unerreichbares … und das macht mir gleich aus mehreren Gründen Sorge.
Eurem neuen Berufsverband alles Gute. Vielleicht tauche ich dort ja auch noch auf.
Wolfgang Michal
Nur zu. Gute Leute können wir immer brauchen.