Wochenrückblick:
Mit 37,09 Minuten Video
Weg vom ZDF, hin zum ZDF, mehr Blogs, weniger Festanstellungen und eine Zeitschrift ganz ohne Namen – unser Rückblick auf die 48. Kalenderwoche.

Erst biss sie die Hand, die sie doch fütterte, dann stand Elke Heidenreich mit ihrer Literatursendung “Lesen!” auf der Straße und nicht mehr im Nachtprogramm des ZDF. Dort war sie zwar schwer zu finden, hatte aber eine halbe Millionen Zuschauer. Weiter geht’s nun im Internet, obwohl angeblich sogar andere Sender zugegriffen hätten. Auf dem Literatur-Portal Litcolony heißt es nun “Weiterlesen!”, in der ersten Sendung ist Tote-Hosen-Sänger Campino zu Gast:
Der Web-2.0-Check fällt positiv aus, das Video lässt sich auf anderen Websites einbetten und auf der SevenLoad-Seite kommentieren. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob die knapp 50.000 Zuschauer (Stand Sonntagabend) mehr wert sind, als die grob geschätzten 500.000 Zuschauer, die “Lesen!” im ZDF hatte. Ob die echten Abrufe also mehr bedeuten als eine irgendwie interpolierte Quote, die ganze Bevölkerungsgruppen außer acht lässt. Ob sich der Spaß rechnet.
Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dachte Harald Staun über Journalismus, Geldverdienen und das Internet nach – das Wort “Aggregatoren” kommt dort genau so vor wie viele äußerst kluge Gedanken. Wen wundert’s da noch, dass ausgerechnet das Feuilleton der FAZ am Monat gleich zehn neue Blogs startet – mit dabei ist Stefan Niggemeier, der Chefblogger der Nation.
Als in Mumbai Terroristen zuschlugen, kamen aktuelle Informationen nicht zuerst von CNN – sondern über soziale Medien wie die Kurznachrichten-Community Twitter. Alle waren sofort ganz aufgeregt und riefen eine Netz-Revolution aus, angefangen bei TechCrunch über Meedia bis hin zu Thomas Knüwer. Kritischer ging’s Christian Stöcker auf Spiegel Online an: “Netzgeschwätz übertönt Augenzeugenberichte”.
Passend startete Mario Sixtus Techniksendung “Elektrischer Reporter” in die zweite Runde, nun gibt es die kurzen Episoden zum Netzgeschehen nicht nur im Internet – das Handelsblatt und Sixtus Produktionsfirma Blinkenlichten kooperieren nun auch mit dem ZDF (dieser Sender, der gerade die aufmüpfige Moderatorin der Büchersendung ins Internet entlassen hat). Die erste neue Folge dreht sich um – Twitter:
Die Schweizer Illustrierte erschien ohne das Titellogo auf dem Cover – der Verlag gab bekannt, dass das Fehlen des typischen rot-weißen Signets dem Kioskverkauf nicht weiter geschadet hätte. Das ist einerseits erfreulich für Ringier, andererseits wirft es Fragen auf: Millionenausgaben für die Marke – alles umsonst? Oder alles nur ein PR-Gag? Nichts da: Es hätte einen Fehler in der Produktion gegeben, man hätte die Ausgabe aus ökonomischen und ökologischen Gründen dann trotzdem ausgeliefert, zitiert persoenlich.com Ringier-Sprecher Stefan Hackh.
Auf medienlese.com diese Woche: Eine Studie hat enthüllt, was für einen Background Journalistenschüler haben, Fußballchef Theo Zwanziger gab den Presseverschweiger, Zeitungen müssen in der Krise tiefer werden, nicht breiter, wir zeigten die Swiss Press Photo 2008 und fragten uns, warum man kleine Audioclips auf Newsseiten stellen sollte. Und wir haben Buch geführt: In der Schweiz und in Deutschland wird Personal abgebaut, das Wort “Medienkrise” lässt sich kaum mehr vermeiden. Unsere Leser verließen unsere Seite in der vergangenen Woche vor allem über den Link auf den Blogeintrag “Die Deutschen schnappen uns die Frauen weg”.
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Fred David
zu Mumbai: Was nützt es, wenn Twitter und andere aus der “Community” schneller waren? Was einen zumindest aus der Distanz vor allem interessierte: Worum geht es da überhaupt, wo sind die Zusammenhänge, wer steckt dahinter was hat das zu bedeuten etc. ?
Dass in Indien 140 Millionen Muslime leben, wusste ich bis anhin nicht, und dass Indien einer der Staaten mit dem grössten Anteil an muslimischer Bevölkerung ist, auch nicht. Ich hielt das bisher immer für einen Konflikt zwischen dem - muslimischen -Pakistan und dem - hinduistischen- Indien.
Von daher kriegen diese Ereignisse noch eine ganz andere Schärfe, als es die dramatischen Ereignisse für sich genommen schon haben. Die am Boden liegenden TV-Korrepondenten, die auch noch im Liegen durchs Mikro irgendwas stammeln, “live” ud noch schneller als Twitter, haben mich nur bedingt gefesselt, weil man inzwischen weiss: Das ist Teil der news-Show und vielfach bloss Wichtigtuerei. Forget about.
Aber dann : Dass ein paar Gummiboote und ein Dutzend wild Entschlossener genügen, eine Millionen-Business-Metropole drei Tage lang in Ausnahmezustand und den Sicherheitsapparat eines Landes mit einer Milliarde Einwohnern in Schach zu halten, dass das eine neue Dimension des Terrorismus ist, die kein Hightech braucht, dass kein grosses Hotel irgendwo auf der Welt mehr sicher ist usw., dass das alles sehr direkt auch mit uns zu tun hat, habe ich aus den Twitter-Aufgeregtheiten kaum herausdestillieren können.
Wichtiger aber als das alles ist für mich als Medienkonsument: Wem und wessen Informationen vertraue ich in solchen Situationen?
“Vertrauen” ist ein furchtbar langweiliges Kriterium und klingt nach Moral, hat damit aber nichts zu tun. Für mich ist es Nutzungseffizienz. In diesem ganzen Newswirrwar sucht man denn doch refelxartig nach Medien, denen man traut. Twitter und andere wirken auf mich gerade in solchen Situationen ziemlich juvenil. Ich möchte aber gerade dann “erwachsenen” Hintergrund. Nur schon, um Zeit zu sparen.
Und für Medien, egal ob online, elektronisch oder print, bedeutet das auch: Vertrauen ist ein ökonmischer Wert. Setzt man Vertrauen im Inforemationsgeschäft fahrlässig aufs Spiel, zum Beispiel durch überzogene oder falsch angesetzte Sparmassnahmen, gefährdet man auch die ökonomische Substanz. Und die kann man nicht einfach wieder herstellen, wenn das Vertrauen der Konsumenten weg ist.