5. Deutscher Derivate Tag:
War was?

Klaus Jarchow, 18. Oktober 2008 11:19 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Derivate: Das Gold vor Augen (Keystone)

Gelegentlich ist schon die Wortwurzel erhellend: ‚Derivare‘ bedeutet im Lateinischen ‚ableiten‘, ‚abfließen lassen‘ oder ‚etwas auf jemand anderen abwälzen‘. Den privaten Anlegern, deren ersparte Werte in den letzten Tagen auf den Deponien des internationalen Bankwesens zu Kompost zerfallen sind, denen kann dies semantische Wissen leider nichts mehr nutzen, jetzt, wo ihr Vermögen dahingeflossen ist.

Festhalten aber lässt sich an dieser Stelle, wie artistisch die Banken mit Euphemismen und mit unverständlichen Begriffen alle Risiken verniedlicht haben und den Flohzirkus ihrer Produkte als Rennstall zum Reichtum ‚aufhübschten‘. Nicht nur, aber auch, indem sie ihre Wettscheine auf den Hochsicherheit suggerierenden Namen eines zertifizierten ‚Zertifikats‘ getauft haben: ‘Certum facere’ - auch das kann höchst doppeldeutig ’sicher machen’ heißen, aber auch ‘in Sicherheit wiegen’ …

Selbst den unbedarfteren Finanzwissenschaftlern schwante es längst, dass es sich bei Derivaten wohl um ‚pathologische Produkte‘ handeln könnte, weil sie komplett vom Wert oder Unwert eines oder mehrerer gut versteckter ‚Waren‘ bzw. von ‘Wetten’ in ihrem Inneren ‘abgeleitet’ sind, zu denen dann durchaus auch mal ‘das Wetter’ oder irgendwelche anderen Indices zählen können. Wobei jede Wertänderung durch einen eingebauten ‚Hebel‘ noch potenziert werden kann. Ausgeklügelt wurden diese Rechenkunstpapiere von nerdigen Mathematikern an großen SAP-Rechenmaschinen. Die verquirlten, von einer vorgegebenen Renditevorgabe ausgehend, solange bestehende ‘Produkte’ - womit Banken zumeist solche ‘Dinge’ wie Kreditrisiken, Rohstoffpreise, Junk Bonds oder Kurswetten meinten - bis selbst der Bankvorstand nur noch Bahnhof verstand. Jetzt jedenfalls ist der ganze ‘Shit’ in den großen Ventilator des Weltfinanzplatzes geflogen und er kommt peu à peu und feinverteilt duftend auf uns nieder. So zumindest sehe ich das …

Quicklebendig ist hierzulande dennoch der unverwüstlich optimistische Deutsche Derivate Verband (DDV): Am 20. Oktober 2008 steigt standesgemäß der 5. Deutsche Derivate Tag in der Villa Kennedy in Frankfurt - ganz so, als wäre nichts geschehen. Vollmundig tönt es dem Besucher auf der Willkommensseite im Internet entgegen.

Der Nutzen des Derivatemarktes für Privatanleger einerseits und für den Finanzplatz Deutschland andererseits wird noch immer unterschätzt.“

Was blühende PR-Lyrik ist. Denn nach den Katastrophenberichten der letzten Wochen über Schieflagen und Untergänge bei Lehman Brothers, Hypo Real Estate, Freddie Mac oder IKB ‘unterschätzt’ der gesunde Menschenverstand auf dem Finanzsektor wohl kaum noch irgendetwas. Ob sich allerdings die Berufsoptimisten im Verein selbst noch glauben, das bleibt eine offene Frage. Zwischen den Banken tröpfelt das Geld jedenfalls nur noch dahin - da ist das große Misstrauen einer der Indikatoren für die allgemeine Krise geworden.

Der ungebremste Ausstoß immer neuer solcher „Produktinnovationen“, schreiben diese Herren, würde die Derivate - mitten in der einsetzenden Rezession - zu „Wachstumsmotoren“ machen. Das jedenfalls versprechen diese Vereinsmitglieder ungebeugt ihren verbliebenen Interessenten. Als Mitglieder dieses Clubs firmieren dabei erlauchte Namen wie Citibank, Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank, DZ Bank, Goldman Sachs, HypoVereinsbank, J.P. Morgan, Sal. Oppenheim, Vontobel, WestLB usw. Und einen Kodex gibt’s auch …

Welche Zielgruppe diese Unternehmen mit ihren absatzförderlichen Beraterschulungen ins Auge fassen, das wird aus der Selbstdarstellung klar:

Die Schulungsangebote richten sich neben Anlageberatern vor allem an Berater aus Vermögensverwaltungen, Private Banking und Wealth Management“.

Deutschlands Investmentbanker installierten also, über den Consulting-Transmissionsriemen ihres Vereins, ein argumentationsgeschultes Robin-Hood-System, nur mit dem feinsinnigen Unterschied, dass diesmal die Reichen die ‚vermögenden Armen‘ ins Auge fassten: Vor allem der ‚Petit Bourgeois‘ ist heute das unglückliche Opfer derartiger ‚Beratungen‘; ihn sehen wir jetzt bei Anne Will & Co. in den Talkshows sitzen, wo er völlig gleichlautend zu berichten weiß, dass das Wort ‚Risiko‘ während des gesamten Gesprächs mit dem wohlgeschulten Berater nicht einmal gefallen sei. Außerdem hätte er ja gar nicht gewusst, was diese Banker für Leute seien …

Im Umfeld des Deutschen Derivate Verbandes jedenfalls entstand in Deutschland der große ‚Hype‘, natürlich mit Hilfe dienstwilliger Medien. Dann, wenn ein solcher Zug nach El Dorado erst einmal angerollt ist, dann ist eben nicht nur der Salonwagen gefüllt. Mit satten 8 Mio. Treffern reagiert Google inzwischen auf den Reizbegriff ‚Derivate‘, auch wenn sich hiervon einige Nachweise auf den informationstechnischen Derivat-Begriff beziehen.

Im Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit kommt es auf dem Markt der Trittbrettfahrer dabei zu Szenen, die an Realsatire grenzen. So winkt DAS DERIVAT, das kapitalfixierte Online-Magazin für den innovationsfreudigen Kleinspekulanten, auf seiner Titelseite mit einem steigenden Ölpreis von bis zu 250 Dollar im nächsten Jahr, nachdem es zuvor ellenlang die Indikatoren gelistet hat, die derzeit die Ölpreise auf breiter Front sinken lassen. Die schreibenden Spekulanten dort können es einfach nicht lassen, sie wetten schon wieder gegen die Realität - und ihre einzigen Argumente lauten ‘Trotzdem’ und ‘Dennoch’ und ‘Andere sagen das auch’. Sogar vor Zombies und Wiedergängern ist man zwischen den Zeilen nicht sicher, die Lehmänner reiten noch immer wie einst im Mai:

“Analysten von Lehman Brothers rechnen daher mit einem Rückgang des Ölpreises … bis zum Jahresende”.

Im Magazin ‚Das Derivat‘ - unter dem Dach von ‘Das Investment.com‘ - fönen derweil unverdrossen fleißige PR-Journalisten auserlesenen Zertifikaten eine krisentaugliche Sturmfrisur:

Um ihr Kapital müssen Anleger zudem erst fürchten, wenn es noch deutlich schlimmer kommt: Solange der Index nicht mehr als 50 Prozent verliert, gibt es zum Laufzeitende den Einsatz zurück. Wir diese Marke überschritten, wandelt sich das Papier zu einem Indexzertifikat.”

Na siehste - auch wenn das Geld mal weg sein sollte, ein indexiertes Zertifikat zumindest hält jeder garantiert noch in der Hand. Derweil zeigt der DerivateCheck das Hin- und Hergerissensein zwischen unverwüstlichem Berufsoptimismus und realen Börsennachrichten. In Kombination mit dem genreüblichen Greifreflex führt das zu skurrilen Headlines:

DAX, entscheidendes Tief greifbar“.

Wohin der interessierte Blick auch schaut – die internationale Börsenkrise findet im Umfeld des Derivate- und Zertifikatehandels nicht so recht statt. Vermutlich aus Morgenstern’schen Gründen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass die Deutschen aber ausgerechnet ‘aus Risikoscheu’ in Derivate investierten, das ist ein echter Treppenwitz der Börsengeschichte:

In Deutschland (und in diesem Umfang NUR in Deutschland) investieren so viele Menschen vor allem aus Risikoscheu in Derivate aller Art: Sie vertrauen auf die “Kapital auf jeden Fall zurück”-Garantien, mit denen viele Zertifikate ausgestattet sind. Die allermeisten Anleger aber verstehen nicht, was da überhaupt in ihrem Depot herumliegt”.

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  1. stilstand» Blogarchiv » Neues aus Spamhausen …
    (18. Oktober 2008 13:06)

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