Sechsmal um den Blog:
Kirchensumpf, ‘adult language’ und massive Phobien

Klaus Jarchow, 20. August 2008 12:29 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre, auf der Suche nach den Blogperlen.

Der rituelle Rundgang durch Blogville im Monat August: Ich bin immer wieder erstaunt, wie mühelos sich diese Rubrik doch füllt, wenn nicht nur gebannt auf die ‘Alphatiere’ starrt.

Weil mich jemand per Mail danach fragte: Mein Lieblings-Musikblog in deutscher Sprache ist und bleibt Slidetone - unter anderem deshalb, weil es dort eben nicht nur um Musik geht. Der Erzähler, selbst ein Saitenverbieger, wurde einst in CBGB-Wasser getauft, fiel dann wohl die Stooges hinunter und hat dementsprechend mit den Trällermiezen von MTV, mit dem glattgeschleckten Countrypolitan einer gleichgeschalteten Angestelltenkultur oder mit jeder Form von Deppen-Tekkno nicht das Geringste am Hut. Dafür aber gibt es eine beeindruckende Blogroll für weiterführende Expeditionen.

Auch schlechte Laune kann durchaus ein Antriebsmoment fürs Schreiben sein. Wie aber das Bellablog solche Misanthropie in Kunst verwandelt, das ist schon kongenial. Seht doch selbst: Zusammenbrechende Tinnef-Zelte, in Reime gefasst, massivste Phobien an jeder Blogecke, genug Witz und Sprachgewalt, um 20 Trottel darin zu ersäufen, herzige Hundehäufchen, trollige Geschäftsideen, ‘adult language’ und das alles fernab von jeder journalismusverdächtigen Mache - wo gibt’s das schon außerhalb Bloghausens?

Auch auf die Gefahr hin, hier mit Aplomp offene Türen einzurennen: Wer wissen will, was die Welt der Wissenschaft über uns Blogger sich aktuell zusammenspintisiert, der kommt an ‘Schmidt mit Dete’ nicht vorbei. Der Medienwissenschaftler Jan Schmidt - vormals Bamberg, heute Hamburg - hat hier sein virtuelles Zelt aufgeschlagen, wo er als eine Art Perlentaucher für blogaffine Themen regiert.

Das Wortreich hat seine Korridore neu tapeziert, der Inhalt ist der gleiche geblieben: die deutsche Sprache, genauer - das, was die Schweizer für die deutsche Sprache zu halten geneigt sind. Wer also wissen will, was der ‘heiße Backfisch’ mit der ‘attraktiven Single-Frau’ gemeinsam hat, der kommt hier auf seine Kosten, obwohl derzeit im neuen Heim noch nicht alles perfekt funktioniert. Zum Exempel die Blogroll …

Man kann ja dafür oder dagegen sein - jedenfalls heißt das militanteste Blog der deutschen Atheistengemeinde derzeit Kirchensumpf. Gewissermaßen ist das Ganze ein ‘Episcopally Incorrect’: Scientology, die Zeugen Jehovas, das Opus Dei, die Pädophilie - egal! Hier wird alles in ein- und dieselbe Pfanne gehauen. Dafür darf bei diesem Anblick das darob entsetzte Lamm Gottes, allen Geboten der Nächstenliebe zum Trotz, endlich auch mal ein wenig im teuflischen Adrenalin paddeln. Während der Skeptiker die Herde seiner Vorurteile streichelt und versonnen wägt: ‘Jaja, der Vatikan - öhem, öhem - ganz schlimme Finger das!’.

Beim österreichischen in|ad|ae|qu|at Blog weiß ich nie, was mich als Nächstes erwartet. Ich darf mir aber sicher sein, dass es bestimmt etwas Gutes ist. So gibt es dort derzeit Kautskys Kommentare zum russischen Einmarsch in Georgien aus dem Jahr 1921. Brandaktuelle Einsichten - und mit Sicherheit bisher von keinem ‘Qualitätsmedium’ trotz aller Rechercheposaunik für die redaktionelle Würze ihrer Einheitsschreibe entdeckt. Wer allerdings kurze Texte, am Ende gar SEO-fähiges sucht, der ist dort in ‘Felix Austria’ an der falschen Adresse: Das ist eben ein Gemeinschaftsblog von Künstlern. Die haben uns viel zu sagen …

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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Jan Schmidt

    schrieb am 20. August 2008 um 14:14 Uhr (#)

    Danke für die freundliche Erwähnung - da freu ich mich doch! :)

  2. Boogie

    schrieb am 20. August 2008 um 18:27 Uhr (#)

    Danke für die Blumen und für die anderen Links. Klingt auch nach einer lesenswerten Expedition.

  3. monarch

    schrieb am 21. August 2008 um 09:54 Uhr (#)

    Danke für den Link. Am Wochenende wird fertig tapeziert (oder wenigstens die Blogroll hingetackert).


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