Kreative Nichtschreiber:
Zu Besuch in Hildes Heim
Creative Writing, Prosanova und Poetik: “Möchten Sie später in der Agentur der Supergehälter für bedeutende Industriekunden erfolgreiche Copies texten?”
Weshalb Journalisten den bisher größten ihrer Zunft nicht öfter ehren, das will mir nicht in den Kopf. Joseph Roth – und nicht etwa Kurt Tucholsky – so hieß der große ‘Alpha-Journalist’ der Weimarer Republik, der Marcel Reich-Ranicki der Zeit zwischen den Kriegen, ein an langer Leine geführter Meister-Feuilletonist für die Frankfurter Zeitung, der Vorläuferin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zugleich war der ‘heilige Trinker’ ein begnadeter Schriftsteller, ein Bewohner beider Welten also. Am 24. November 1930 schrieb er:
“Wie viele Schriftsteller hätten das Schreiben gelernt, wenn sie Journalisten geworden wären!” (Werke III, 265)
Dieser Satz ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil er die Stoßrichtung der ästhetischen Kritik, auch diejenige aus Bloghausen, einfach umkehrt. Der Satz lädt uns zugleich zu einer Besichtigung literarischer Werkstätten ein, zu einem Vergleich deutscher Musenställe gewissermaßen, dorthin, wo der Pegasus heute die hohe Schule durchlaufen muss.
Wer sich mittels Buchstaben anderen Menschen mitzuteilen versucht, der betreibt bekanntlich die unsinnlichste aller Künste: Dort, wo ein Maler direkt aufs Auge zielt, wo die Musik unmittelbar unser Ohr finden muss, wo eine Plastik direkt dem Tastsinn schmeichelt, da erzeugt der Schreiber - recht betrachtet - erst einmal einen einheitlichen Buchstabensalat aus 26 immergleichen Zeichen, der schlicht nur ‘gräulich’ aussieht. Der Text eines amerikanischen Steuerprüfers unterscheidet sich visuell nicht von einer Manuskriptseite Ernest Hemingways.
Die Qualität eines Textes erschließt sich also nicht dem Auge. Erst dann, wenn der Betrachter hinter seinen Sinnen den ‘Geist’ aus dem Schlummer rüttelt, wenn der dann ‘mitdenkt’, wenn der Mensch also ‘liest’, dann kann aus dem Text Kunst werden. Als Schreiber muss ich daher immer einen Partner finden, der mein Geschreibsel zum Leben ‘erweckt’. Der diese Arbeit auch noch freiwillig auf sich nimmt. Das wiederum wird er nur dann tun, wenn ich ihn für die Mühe belohne. Dieser Lohn wird meist abkürzend ‘Stil’ oder ‘Textdramaturgie’ genannt. Im Kern aber geht es darum, dass schon der Schreiber ‘mit dem Kopf des Lesers gedacht hat’.
Schauen wir doch mal, ob das auch für die nachwachsende Literatur zutrifft:
“Im Umfeld des Hildesheimer Studienganges für Kreatives Schreiben wurde im Stadtteil Himmelsthür eine Villa angemietet, und zehn junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller wurden eingeladen, dort ein paar Tage miteinander zu verbringen. Bedingung: Sie sollten jeweils einen Text, ihre Poetik, mitbringen, und darüber sollte zusammen diskutiert werden.”
Die ‘Poetik‘ ist bekanntlich das Schreibgesetz für gute Texte. Auf den nun folgenden Aberwitz bin ich durch Jean Stubenzweig gestoßen, dessen Blog ich endlich einmal verlinken darf. Die Statements der jungen Schriftsteller haben es allesamt in sich - besser: sie haben es nicht in sich. So schreibt ein gewisser Steffen Popp ( — “Keine Namenswitze!” — “Ist ja schon gut …” — ):
“Gegen die ständige Bewusstheit und zur Aussteifung des episodischen Erinnerns muss man Strukturen in Anschlag bringen, Handlungen/Geschehen ausfalten, Narration betreiben.”
Tschaja, da ächzt die Vorstellungskraft, zwischen Militanz (’in Anschlag bringen’) und Origami (’ausfalten’) versteift sich des Schriftstellers Imagination auf ein Seminarwort wie ‘Narration‘, das er eben nicht beherrscht.
Hier noch ein paar dieser jungdeutschen Statements, wobei meine studienrätlichen Vorfahren mit mir durchgingen, so dass ich Nörgelfritz die schlimmsten Vergehen gleich unterstrich:
Jagoda Marinic: «Es schreibt sich in diesen schönsten, leuchtendsten Momenten etwas von der Zerrüttetheit der Welt.»
Florian Kessler: «Manchmal, vielleicht, für Momente bloß, könnte etwas wie eine Militanz der Bilder entstehen.»
Dirk Knipphals: «Der Band versammelt die Poetiken sowie Ausschnitte aus den stattgefunden habenden Diskussionen.»
Fast hätte ich ‘versemmelt’ statt ‘versammelt’ getippt - egal. Jedenfalls ist alles da: kranke Bilder, windschiefe Verben, samt attributiver Maulsperre. Die anderen Auswüchse mag jedermann im taz-Artikel selbst bestaunen oder sich auch das Buch zum Delirium via perlentaucher besorgen. Viel interessanter finde ich diese Kumpanei, die angesichts der Un(isono)leistungen zwischen Literatur und Feuilleton prompt einsetzt:
“Es gibt in Deutschland zwei bedeutende Schreibschulen, die junge, erfolgreiche Literatur hervorbringen. Die eine ist das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, die andere der Studiengang für Kreatives Schreiben in Hildesheim. Zum zweiten Mal haben die Hildesheimer Studenten nun zu einem viertägigen Fest eingeladen, um mit den Gästen zu erkunden, wie es um die neue deutsche Literatur, die Prosanova, bestellt ist.”
Der trojanische Krieg zwischen Schreibern und Rezensenten findet also nicht statt, zwischen Produktion und Kritik liegt sich alles in den Armen und versichert sich wechselseitig seiner ungebrochenen Bedeutsamkeit. Nur der Leser ist mal wieder gekniffen. Bei den anderen der Genannten erfahre ich übrigens Folgendes:
“Ein Zuhause ist kein Ort im Raum, sondern ein Ort in der Zeit. Studieren am Deutschen Literaturinstitut gleicht einem Himmel voller Bratschen.”
Ach, ja - ein Himmel voll abgelutschter Metaphern also, denen auch der Wechsel in die tiefere Tonlage auch nicht mehr auf die Beine hilft. Dolle Vorstellung! Und was ist, wenn ich meine alten Geigen wiederhaben will? Zumindest die spätere Ehe zwischen Literatur und PR-Geschwurbel scheint sich so harmonisch schon anzubahnen: ‘Möchten Sie später in der Agentur der Supergehälter für bedeutende Industriekunden aus dem In- und Ausland erfolgreiche Copies texten, dann hängt nach einem Studium in Leipzig der Himmel für Sie voller Bratschen!’
Vollends aberwitzig und unübersichtlich wird die Lage, durchforste ich Google mit den Suchworten ‘Kreatives Schreiben’, woraufhin dann der Tummelplatz aller Halbliteratur im Netz sich 514.000mal getroffen aufheult:
“Creative Writing nennt sich das Schreiben, das dem Individuum bei der Entfaltung neuer Ausdrucksmöglichkeiten und Kommunikationsformen Wege zur Selbsterkenntnis eröffnet. Menschen, die sich schreibend definieren, sind in der Lage ihren Individuationsprozess und den des ?ästhetischen Tuns? zu aktivieren. Creative Writing hat den Anspruch, durch die Aktivierung der Imagination etwas Neues entstehen zu lassen.”
Wieder treffe ich auf diese grundfalsche Sicht des Schreibprozesses, sie ist inzwischen allgegenwärtig. Daher nochmals: Man schreibt NIEMALS ‘für sich’. Der Schreiber hat sich nicht selbst zu ‘verwirklichen’ oder gar zur ‘Selbsterkenntnis’ zu gelangen, vielmehr soll er ein geistiges Ereignis im Kopf seines Lesers bewirken. Nur dann beherrscht er das Handwerk. Dazu gehört - nebst vielem anderen - das Wissen ums Einfache, denn alle Kunst drängt auf Simplizität. Nichts ist’s also mit diesem großschnäuzigen ‘ästhetischen Tun’, es geht schlicht ums ‘Schreiben’. Um nochmals Joseph Roth zu zitieren:
“Ein Schriftsteller, der zum Beispiel seine Person ‘frei über die schwirrenden Bäume blicken’ läßt; ein Autor der schreibt, daß ‘in ihnen nichts anderes wachsen konnte als die gnadenvolle Stille’; ein Berichterstatter, der ausgestattet mit der Partizipialkonstruktion: ‘zwar streng der Rede lauschend’, ‘den Arabesken seiner Gedanken folgt, die sich um den Mann dort oben auf dem Rednerpult verschlungen zogen‘; ein Literat, dem ‘plötzlich klar’ war, ‘nach welcher Seite seine Objektivität sich rang’; ein Meister seiner deutschen Muttersprache, der ‘das Ende seiner Rede nur unverstehend hört’: Dieser Urheber läppischer Wendungen ist zweifellos ebensowenig ein Schriftsteller wie ich ein Fememörder” (Werke III, 240 f).
Es ist übrigens Ernst von Salomon, dem Joseph Roth hier derart die Flügel stutzt. Der Rathenau-Mörder mag ja inzwischen längst gestorben sein, seine Manierismen sind geblieben. Es gilt weiterhin: Wer abends nach dem zweiten Gläschen Rotwein den Schriftsteller in sich selig lallen fühlt, der vergreift sich in der Regel auch schreibend am und im Wort …
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19 Kommentare zu diesem Artikel
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Klaus Jarchow
Die Kommentarfunktion war ‘durch einen Irrtum vom Amt’ übers Wochenende geschlossen - und ist, wie jeder jetzt sieht, nun wieder geöffnet.
arbiter
Geschlossene Gesellschaft von 28.6.-11:44h bis 30.6.-09:31h, auch im Web 2.0 braucht das Fräulein vom Amt Zeit, die es sich läßt. Alles wie gehabt und wie gedruckt.
Aber nur mal so gefragt: “Wie viele Journalisten hätten sich lieber nicht/nie als Schriftsteller versuchen sollen, weil sie schon das Schreiben nicht gelernt haben?” !
Klaus Jarchow
Soll ich auf diese ‘Wie viel?’-Frage tatsächlich präzise mit einer Zahl antworten? Na gut: gefühlte 1.267 …
arbiter
@ KLAUS JARCHOW: Och nee, Null ist ja nicht nur `ne Zahl, die man fühlen kann! Angehängt an 1.267… oder so, macht sie sich ganz gut, je öfter, um so besser.
Joseph Roth verdient gewiß Respekt! Nur das Zitat aus Werke III, S. 265 ist eher zweischneidig. Mehr nicht. Zugestanden, Roth habe den großen Alpa-Journalisten der Weimarer Republik abgegeben, wo bitte gibt RR außer Alpha ausgerechnet einen Journalisten ab?
Wie Bücherwände und Bibliotheken zeigen, wird niemand durch Studium `Schriftsteller´, sondern durch Fleiß, harte Arbeit und durchs Publikum, durch Leser. Dem versuchen gelegentlich Feuilleton und Kritik besserwisserisch nach- oder auch abzuhelfen, was für Puschkin nicht gelang, den Journalisten Simmel durchaus trifft.
Die Helden in Hildes Heim? Sie hätten halt Puschkin fragen sollen, oder zumindest lesen. Sich im Badiou-Nietzsche-Jargon mit pseudophilosophischen Sprachluftnummern dekorieren, mag elegant klingen. Es reicht nicht einmal zum Dandytum, nicht fürs Leben, schon gar nicht zum Schreiben. Deshalb aber muß Schreiben doch keineswegs unsinnlich sein. Im Gegenteil, der Schriftstellerkünstler, ders kann, bereitet Lustgewinn, verzichtet dabei keineswegs auf die Lust am Wort, er verzichtet NIEMALS darauf, außer gelegentlich im tierischen Ernst.
Klaus Jarchow
Der Marcel RR war - bevor er zum belfernden Talkshow-Striezel wurde - lange Zeit Deutschlands erster Alpha-Feuilletonist, und zwar bei der FAZ. Insofern - und bloß also, weil viele ihn nur noch aus Funk und Fernsehen kennen …
Puschkin ist ein gutes Stichwort: Seine Schreibregeln gelten unverändert, obwohl er doch längst bei jedem literarischen Zombietreffen zum Alterspräsidenten gewählt werden würde.
Einst schmückte sich jede neue literarische Generation zumindest mit einem niegelnagelneuen -Ismus, um beim schwerhörigen Publikum mit dem verkaufsfördernden Corporate Branding durchzudringen. Davon ist uns nur der durchdringende Ton geblieben. Ach, wenn dieser Ton doch zumindest nietzscheanisch wäre, gern auch aus seiner letzten wirren Phase - man wäre ja mit so wenigem schon zufrieden.
arbiter
Meinetwegen also RR ein Alpha-Feuilletonist, obwohl er da auch mehr gebelfert hat, der Striezel. Aber Journalist? Und obwohl er durchaus ausdruckstarkes Schreiben gelernt hat, Journalismus hat er ganz und gar nicht gelernt und/oder geübt. RR hat nie Nachricht, immer nur Meinung, zu oft nur RR transportiert.
Mit dem Ismus der neudeutschen Literaturlandschaft geht es zurück zum Da Da als konkrete Lallsprache, Sprechblasen ohne Bild, Wörter beklemmender Leere. Die angloamerikanische Szene kontert mit den zu Clustern verschraubten Versatzstücken für Bestseller à la Dan Brown, erzielt Umsatz. Kein Sakrileg! Teutonen begnügen sich mit BSB, Charlotte Link, Kehlmann und den elenden Versuchen, auch deutscher Literatur die Bauklötzchenkultur verpflichtend zu verschreiben. Ab dafür und ab sofort in Hildes Heim.
Rik
Wahrlich, man möchte nicht meinen, dass Joseph Roth in einem “Medienlesenden Blog” zu Ehren kommt. Respekt. Darauf sollten wir mit einer Flasche anstoßen. Das tät ihn freuen.
Nach Durchsicht des Beitrags und der Kommentare wird mir klar, warum oft nur “Häuptlinge” kommentieren. Viele der “Indianer” sind schlicht und einfach überfordert bzw. eingeschüchtert, ob der imposanten Schreibqualität. Deshalb funktionieren dann die pubertären Frage-Antwort-Spielchen noch am besten (”Findet ihr auch, dass man schon beim ersten Date aufs Ganze gehen soll?”]
Zum Beitrag gibt’s nix zu sagen, außer, dass hier der Nagel auf den Kopf (”AUA”) getroffen wurde.
Grüße an das Fräulein vom Amt.
arbiter
@ KLAUS JARCHOW: Auch beim Schreiben ist wichtig, was hinten raus kommt. Bei all den akademischen Kursen, Zweitbildungsangeboten und Druckkostenzuschuß-Abkassiererofferten für `kreatives Schreiben´ kommt in der Regel Text heraus, der mit Literatur nichts zu tun hat. Andererseits: das Geschäft! Ergo finden sich die noch nicht Schreiber, Nichtschreiber, Feuilleton und Kritik zusammen, schmeißen den Riemen auf die Orgel. Was dabei heraus kommt? Nichtschreiber!
Nur am Rande: Begegnet mir letztens ein stellvertretender Landesvorsitzender eines honorigen Schriftstellerverbandes, vor Urzeiten Studiosus der Musik, Philosophie und Germanistik, bis zum Rentenalter als Kaufmann tätig, literarisch höchstambitioniert. Er berichtet stolz vom frisch erworbenen Zertifikat der von einem gewissen Hensel geleiteten Frankfurter Druckkostenzuschußverlagsgruppe mit angeschlossener Schreibschule. Kreatives Schreiben? Methusalemkomplott? Wieso darf man eigentlich niemandem das Schreiben verbieten? Körperverletzung ist schließlich Straftatbestand, und die entsprechenden Texte waren Körperverletzung!
Was meinen Widerspruch an Ihrem Artikel lockt, Herr Jarchow, ist das NIEMALS, das man, Sie, ich, wer immer, doch nie verwenden sollte. Vielleicht ist es ja nur der völlig anderen Betrachtungsweise des Schreibens durch den Journalisten und/oder `Auftragsschreiber´ geschuldet(?).
Im Briefwechsel mit Baggesen, Körner und dem Prinzen F. CH. von Schleswig-Holstein-Augustenburg stellt Schiller fest, der Arbeit des Geistes gehe ursprünglich etwas `Vorrationales´ voraus, eine `Begeisterung´, die in Abhängigkeit vom Stoff den >Inhalt< erst noch suchen muß.
Der Schriftsteller ist damit nicht in einer verbindlich bindenden Tradition aufgehoben, wären ihm doch sonst Stoff und Inhalt vorgegebene künstlerische Aufgaben, die ihn von der Freiheit und den Nöten, sich nach ihnen auf die Suche zu machen, ausschließen müssen. Vielmehr bedingt im Sinne Schillers freischaffendes Künstlertum, daß dieses Schaffen seinen Grund nur in ihm selbst findet und er in selbstgewählter Selbständigkeit von diesem Grund zum Werk finden muß. Werden dabei Überlieferungen und Traditionen aufgenommen, mag dies hilfreich sein, ist letztlich jedoch subjektive Entscheidung des Schreibers, eine Entscheidung außerhalb im Objektiven aufgehobenen künstlerischen Bildens und ohne plausible Notwendigkeit. Erst auf dem Weg des Kantischen “Bestimme dich aus dir selbst” bekennt sich das heranreifende Werk zur Quelle, nähert sich dem Vorrationalen, findet zur Begründetheit wie Notwendigkeit.
Der Preis, den ein Schriftsteller für das so reich gefüllte Wunderhorn zahlt, gerne zahlt, ist der Preis des Alleinseins mit all den phantastischen Möglichkeiten, ist die Entscheidung, aus all den Varianten jeweils SEIN Sujet auszuwählen, die Verpflichtung, sich damit auseinanderzusetzen und sorgfältig Stilmittel und Wörter zu wählen, sie sorgsam zu behandeln. Hierin ist er, gleich einem Einzelkämpfer, ganz auf sich gestellt. Versteht er sein Handwerk des Denkens, des Beobachtens, dazu dasjenige des Schreibens, glückt ihm dann noch, das Vorrationale in rationale Sprache, in rationelle Erzählung überzuführen, hierzu auch die angemessenen Stilmittel zu treffen, kann etwas Großartiges, kann Kunst entstehen. Und der Schriftsteller erschafft solches Kunstwerk zuerst und ausschließlich für SICH.
Mag sein, ein Autor kann seine Pläne und Absichten hin und wieder mit Partnern, Freunden, Kollegen erörtern. Möglich, daß er mit fortschreitendem Werk über einzelne Abschnitte, über das Werk selbst begleitende Diskussionen aufnehmen, führen kann. Vor der immensen Fläche des leeren, weißen Blattes und vor der Verantwortung für `sein´ Projekt ist und bleibt er alleine im Bemühen, die Wörter aneinander zu reihen, die Fläche zu füllen.
Alleine bleibt der Schriftsteller mit der ausgewählten, selbst gestellten Aufgabe und seiner Anspruchs- und Erwartungshaltung zu deren Bewältigung. Und er bewältigt sie zuerst für sich. Er bleibt alleine mit all seinen Zweifeln und der Frage nach der Berechtigung seines Tuns. Er bleibt alleine mit der Frage nach der Richtigkeit seines Tuns. Er bleibt alleine mit der Frage, ob und in wie weit seine Arbeit auch öffentlichem Anspruch genügt. Er bleibt alleine mit der Verantwortung gegenüber seinem Projekt. Vor dessen Publikation aber glaubt er zumindest, `seine´ Vorgaben und seine Absicht erfüllt zu haben.
In ihre Arbeit ganz auf sich bezogen, völlig zurückgezogen, abgeschieden von der Außenwelt, abgetaucht in Gedankenwelten, sind zeitgenössische Autoren, ganz wie ihre Vorgänger, ganz wie ihre Nachfolger, Egomanen, so wie wir alle halt Egomanen sind. Romantik, Idealismus, Unerwachsensein, die idealistischen Wunschvorstellungen vom Schreiben, finden nicht statt, gehen unter dem Schreiben verloren. Zuletzt bedienen Schriftsteller einen Markt. Zuerst aber schreiben sie für sich.
Rik
@ ARBITER: ja, ein Schriftsteller schreibt zuallererst für sich.
Aber geht er mit seiner Schreibe an die Öffentlichkeit, wird er mit dem “Markt” konfrontiert - sei es in Form eines Lektorats, sei es in Form von Vorab-Lesern. Und wieviele Autoren haben ihre Manuskripte schon ins Feuer werfen wollen, weil hochgeschätzte Kollegen den Kopf schüttelten.
Ja, der Schriftsteller muss nun prüfen, abwägen und immer wieder diskutieren. Im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass es zu Änderungen kommen wird. So oder so, der Schrifsteller muss seine Innenwelt verlassen. Für manch einen ist das kein angenehmer Ausflug.
Sagt ein Erogmane.
Rik
Erogmane = Egomane
[handelt es sich hier um einen Freudschen Vertipper?]
arbiter
Noch mehr Autoren haben ihre Werke ins Feuer geworfen. Selbst Kafka würde Max Brod den Umgang mit seinem Nachlaß wohl übel nehmen wollen. Der `professionelle´ Schriftsteller wird mit jedem Lektor und auch mit dem Publikum um jede seiner Formulierungen ringen, notfalls streiten. All die in Verlagen, vor allem in den Pseudoverlagen bemühten Argumente des Marktes sind Scheingefechte! Ein Schriftsteller wird sich mit (s)einem “Werk” davon weder beeindrucken noch beirren lassen. Lektorat und Korrektorat sind notwendige Arbeitsgänge, doch letzte Instanz muß der Autor bleiben. Elias Canetti hat 4 Jahre benötigt, seinen Erstling unterzubringen, und er wird sich all die Argumente der Kaufleute und Marketingfritzen angehört haben. Nicht jedes “Werk”, wenn es dann eines ist, hat das Zeug zum Bestseller, aber es hat seinen Verleger und sein Publikum. Das Vertrackte ist, der Schriftsteller ist Schreiber seines Werkes, aber oftmals sein schlechtester Vermarkter. Seine Innenwelt hat er spätestens dann verlassen, wenn er seine Arbeit zur Publikation feilbietet. Das bedeutet keineswegs die Verpflichtung zu Zugeständnissen an Märkte oder Zeitgeschmack. Gerade um diese `Kunst´ geht es doch beim Schreiben, das Finden und Erfinden der eigenen Form. Für die Freudschen Versprecher sind Lektoren dann zuständig. Der Vorgang des Prüfens und Abwägens sollte für den Schriftsteller mit dem letzten Satzzeichen seiner Arbeit abgeschlossen sein. Sonst, denke ich, hat er etwas falsch gemacht.
Rik
D’accord: ein Künstler hat nie die Verpflichtung zu Zugeständnissen an Märkte oder Zeitgeschmäcker. Dafür sind die Vermarkter zuständig, die deshalb immer wieder Einfluss auf die Werke nehmen oder es wenigstesn versuchen.
Der (vor allem angehende) Künstler, der sich dem Markt nicht unterwirft bzw. mit diesem “konspiriert”, wird in den meisten aller Fälle von diesem “bestraft”, also entweder ignoriert oder belächelt. Derweil sehnt sich die Seele des Künstlers doch nach Anerkennung und Ruhm. Das ist das Dilemma, in dem sich der Künstler immer wieder findet.
arbiter
Vor die Kunst haben die Musen das Können gesetzt, vor die Inspiration Transpiration. Nicht nur an Tagen wie heute verlangt Kunst also Maloche, Schweiß! Das beklagte Phänomen ist ein anderes: das schnell verdiente Geld, die im vergleich zum Vorjahr höhere Rendite, dann noch das Prinzip der maximalen Faulheit, gefolgt von dem der Benutzung.
Der unbekannte Eleve, der versucht, sein Werk zu vermarkten, erzielt die Aufmerksamkeit der so gestrickten und absolut oberflächlichen Medienwelt nicht mit Qualität, sondern durch Tabubruch, Eklat. Da gehts dann zu BSB und in Feuchtgebiete. Allerdings gilt auch diese Aufmerksamkeit weder dem Werk, noch der Person des Autors, sondern ausschließlich dem Tabubruch. Der Namenlose ist also schon aus diesem Grund chancenlos.
Weiteres Manko ist, in wirklich guten Verlagen sitzen wirklich gut ausgebildete Lektoren und Programmleiter, oftmals promovierte Germanisten, die sich auf ihre wirklich gute Ausbildung etwas einbilden, keine fremde Meinung neben sich dulden und in elitär heiterem darüberstehen nur gutieren, was ihren mühsam erworbenen Vorurteilen entspricht, was allerdings selbst dann nur Aussicht auf Veröffentlichung hat, wenn es gerade mit Tagesaktualität, Programm und der Laune der Verlegergattin übereinstimmt. Wieder keine Chance für den begnadet namenlosen Künstler. Und diese mit reichlich anstudieretem Wissen Begabten wissen dann noch gegenüber jedem Autor, wie es geht, vor allem wie es richtig geht, bevor noch die Marketingabteilung gehustet hat. Eine Frage beantworten die Herrschaften allerdings nur sehr ungern: warum sie nicht selber das schreiben, so schreiben wies geht und was geht. Auf diese Frage wissen sie keine Antwort. Der Manuskriptwerber bekommt dennoch keinen Vertrag.
Es würde zu weit führen, hier jetzt Lebens- und Überlebenskonzepte gegen den Status quo aufzuführen. Wichtig ist, der `Künstler´ müht sich weiter mit Können ab, gibt für das Geschaffene Geduld nicht auf! Daneben muß er Vollendetes natürlich bewerben, was ganz andere Künste aber auch einige Euros erfordert. Das Los des Nebenerwerbsschriftstellers ist also angesagt, es sei denn, der Künstler verfüge über ausreichend Masse wie Stefan Zweig, der Joseph Rot die eine oder andere Flasche und etliches mehr bezahlt hat.
Hin und wieder beschleicht mich das Gefühl, der echte “Künstler” kann mit der Situation umgehen, schiebt nicht Frust. Er kennt das Heilmittel gegen solchen Frust: Arbeiten!!! Und manchmal hilft selbst weniger kunstfertigen Könnern schlicht Vitamin B.
arbiter
Nachtrag: Und wer bei solchem Wetter seinen Text nicht halbwegs gegenliest, muß sich alle Fehler ankreiden lassen! Sory!!! Mein Fehler!
Rik
Na, Arbiter, wer solche beeindruckend geschriebene Kommentare in so kurzer Zeit von sich gibt, der muss sich bitteschön für allfällige Fehler nicht entschuldigen.
Neben dem Joseph Roth passt der gute Musil noch besser in dieses Bild: obwohl Familie, wollte er keinen Nebenerwerbsjob (damals hieß es wohl anders) annehmen. Deshalb mussten ihm öfters so manche Schriftstellerkollegen finanziell aushelfen, damit wenigstens das Nötigste auf den Tisch kommen konnte.
Mit Ablehnungen - sei es vom Verleger, dem Lektor, dem Feuilletonisten oder dem Publikum - konnten auch die besten Künstler nicht immer gut umgehen. Der Zweifel ist nun mal ein ständiger Begleiter, für all jene, die Kunst ernst nehmen.
Und damit diese Diskussion einmal zu einem Abschluss kommt - wir sollten beide wieder an die “Arbeit” - lasse ich Rilke zu Wort kommen (hätte er sein Brot hart erarbeiten müssen, er wäre wie Kafka vertrocknet):
»Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit. Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!« RAINER MARIA RILKE am 23. April 1903
arbiter
So sei es! Obwohl, die Sache mit den Schmerzen? Na, wenn er dann auf Maso steht, der RMR. `Manch Vergnügen besteht darin, daß man mit Vergnügen darauf verzichtet´, wußte Peter Rosegger. Wo er recht hat, …
Rik
Ach, der RMR ist halt ein Lyriker, der gerne über die Maßen übertreibt. Ich bin sicher, wenn er einmal über die Stränge geschlagen hat, hat ihm das ziemlich weh getan. Der Rosegger ist da natürlich erdiger, bodenständiger.
Klaus Jarchow
Yep - der Thread als sich selbst organisierendes System! So liebe ich das. Daher von mir auch nur ein Karl-Gutzkow-Zitat zum Dranknabbern (noch so’n Vergessener, von 1837 und immer noch aktuell):
“Der Literatur gegenüber ist das moderne Genre leicht in der Form, zufällig im Inhalte, subjektiv in Manier und Haltung, witzig und melancholisch, launig in jeder Beziehung, sehr begabt mit kritischem Talente und für die eigne Produktion entweder etwas impotent oder wenig ehrgeizig, es den großen Klassikern der Vergangenheit nachzuthun. … Das moderne Genre entsteht schnell, verbreitet sich schnell, wird schnell verstanden und stirbt schneller noch, als es oft eine Kritik erlebt hat”.
Dabei kannte der Mann das Web 2.0 doch noch gar nicht … ;-)
arbiter
Oui! Dazu von mir: Mode ist der Zeitgeschmack, der sich ewig selbst davon rennt. Und weil hier wie da Künstler gefragt sind noch einen von Ludwig Kirchner: `Künstler wird man aus Verzweiflung.´
Ob Kirchner Web 2.0 kannte?