Die graue Welt des gemeinen Redakteurs
Den Autor eines Artikels erkennt man am Namen darunter, richtig? Dem so identifizierten Autor kann man dann in Leserbriefen und Online-Foren schön die Meinung sagen …
Ganz so einfach ist es nicht. Doch der Reihe nach: Ich bin in den Journalismus eher ungeplant geraten - eigentlich wollte ich Elektronik-Hardwareentwickler werden. Dort irritierte mich jedoch das “im Kämmerchen weggesperrt sein” und das mangelhafte Anerkennen der geleisteten Arbeit - wenn etwas gut lief, heimste der Chef das Lob ein, nur wenn es nicht funktionierte, bekam der Entwickler eins auf den Deckel.
Ich glaubte, dies sei im Journalismus anders. Eine unbürokratische Branche ohne Zugangsbeschränkungen, wo der eigene Name direkt unter dem eigenen Werk steht. Vollkommen transparent, weil jeder schwarz auf weiß lesen kann, was man zu leisten imstande ist. Eine Fehleinschätzung: Schließlich versah doch schon in der Schülerzeitung der Chefredakteur regelmäßig meine Artikel mit technisch unsinnigen Ergänzungen oder dummen Kommentaren – oder ließ sie bei Nichtgefallen einfach spurlos verschwinden.
Was beispielsweise in einem bekannten Computermagazin im Kasten “Meine Meinung” unter dem Foto des Redakteurs steht, ist wohl die Meinung des leitenden Redakteurs, des stellvertretenden Chefredakteurs und des Chefredakteurs, aber nie und nimmer die Meinung dessen, der seinen Namen und sein Bild dafür hergibt. Aber ihm können die Leser des Blattes abends vor dem Verlagsgebäude auflauern und die Fresse polieren, wenn ihnen diese “Meinung” missfällt. (Vorausgesetzt natürlich, sie harren bis 2 Uhr früh aus, wenn die Redakteure temporär ihre Betten aufsuchen dürfen, bevor es um 9.30 wieder weitergeht.)
Zu viele Köche verderben den Text
Heute findet die Redakteursbeschimpfung im Internet statt: Wenn der Leser in ausreichend schlechter Stimmung und nachts um 3 Uhr schließlich auch besoffen genug ist, benutzt er das Forum, um dem Verleger zu helfen, seine Mitarbeiter rund zu machen.
Fast überall werden Beiträge vor der Veröffentlichung redigiert (auch hier auf medienlese.com). Mal ist dies mehr, mal weniger, je nachdem, wie gut der Redakteur selbst schreiben kann, wie sein Chef drauf ist und ob es einen Textchef gibt. Dieser hat die Funktion eines Lektors, der Texten einen einheitlichen Stil verpasst und Tipp- sowie Grammatikfehler beseitigt. Er mag den persönlichen Stil des Redakteurs nur selten, wirft dessen Gags aus den Artikeln, hat aber über die Jahre auch viele Redakteure gerettet, die eigenständig gar nicht unfallfrei schreiben können.
Man kann sich schon wundern, was für sprachliche Stoppeleien aus der Tastatur so manches Kollegen fließt. Doch durften dann auch noch diese meine Texte korrigieren, um sie “peppiger” zu machen. Und leider damit oft auch sachlich falsch.
Die einen lesen, die anderen schreiben…
Natürlich gibt es auch Redaktionen mit fleißigen Kollegen, die sich für 150 Euro monatlichem Wochenendzuschlag jeden Tag, auch Samstag und Sonntag, ans Gerät setzen und nach News suchen. Damit am Montagmorgen in den Büros auch was zu tun bzw. zu lesen gibt.
Viele Leser hinterlassen auch sofort dankbar ein “Ich hab den Artikel zwar nicht gelesen, das ist unter meinem Niveau, aber er ist mal weder absoluter Rotz”. Außer bei der Süddeutschen Zeitung, die ihren Lesern die Freizeitbeschäftigung “Trollen”, das liebste Hobby des modernen urbanen Stubenhockers, unnötig erschwert. Die virtuellen Meckerbuden haben doch gar unverschämterweise nur zur Geschäftszeiten geöffnet.
Doch anderswo herrscht absolutes Laissez-faire, vorbildliche Alt-68er-Kultur, wo Leser selbstverständlich ihren aufgestauten Hass abladen dürfen, um ihre freiheitliche Entfaltung nicht zu beeinträchtigen. Redakteure dürfen mitunter diese Dreckhaufen nicht aufkehren, solange keine gerichtliche Anordnung vorliegt, dies doch bitte zu tun. Solche Häufchen bringen schließlich Traffic – auch wenn sich die Leser dreckige Schuhe holen.
Grenzenlose Freiheit?
Auch werden die Artikel der Redakteure bei diesen wirklich vorbildlichen Medien nicht von Text- oder anderen Chefs verhunzt überarbeitet. Jeder Text ist ohne Netz und doppelten Boden sofort im selben. Jeder steht für seine Texte selbst gerade. Also ein Paradies für Redakteure?
Nein, nicht wirklich: Einem Troll ist es nämlich meist ziemlich egal, wer nun gerade einen Text geschrieben hat, den er nicht gelesen hat und der ihm deshalb nicht gefällt. Er hat ohnehin ein Vorurteil gegenüber dem Medium. Und wenn der Chefredakteur ein paarmal in eine bestimmte Richtung polemisiert hat, dann ist es doch viel leichter, den Esel einfachen Redakteur zu treten als das Alphatier.
Es gilt also auch im Journalismus: “Einer muss doch schuldig sein. Warum nicht du?” Nur werden Journalisten von mehr Menschen beobachtet – zwangsweise, denn ihre Werke sind ja dazu da, von möglichst vielen Leuten gelesen zu werden – als andere, nicht immer beliebte Berufsgruppen wie beispielsweise Steuerprüfer oder Verkehrspolizisten. Einen Sympathiebonus wie Blogger haben sie nicht.
Die treuesten Leser sind die, die einen hassen
Im Gegensatz zu Steuerprüfern oder Verkehrspolizisten kann man Journalisten aus dem Weg gehen: Niemand zwingt einen, ihre Erzeugnisse zu konsumieren. Doch die, die ihre Schreibe nicht leiden können, hören trotzdem in einer Art geistigen Masochismus nicht auf, ihre Texte zu lesen. So entdeckte der Moderator Howard Stern, seines Zeichens der Michael Moore des Radios, dass seine Feinde seine Sendungen mehr als doppelt so lange einschalten wie seine Fans …
» Mehr lesen: Internet (10), Journalismus (26), leserbriefe (3), Redaktion (4)
» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen
» Nächster Artikel: Euro 2008:Fußball über alles
» Älterer Artikel: 6 vor 9
» Drucken
» Merken/E-Mail
5 Kommentare zu diesem Artikel
Einen Kommentar schreiben
Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com




Beiträge per RSS
blogwerk.com
Claudia
“Geistiger Masochismus” trifft m.E. ins Schwarze, evtl. könnte man es noch besser “psychischen Masochismus” nennen, denn der Geist ist ja für Gefühle eher nicht zuständig.
Dieses Phänomen ist jedenfalls sehr verbreitet und aus meiner Sicht ist niemand ganz frei davon. Sich über etwas aufregen, das einem missfällt, bringt ja immerhin ein Gefühl der Lebendigkeit und Beteiligtheit mit sich: man lästert ab und kann sich als was Besseres fühlen und so richtig darin suhlen.
Der Troll schaut hin auf das extra aufgesuchte, so wunderbar kritikwürdige Objekt der Begierde, die Erregungskurve kocht während der Betrachtung so richtig schön hoch - und dann der “Orgasmus”, der VERRISS, das Troll-Posting.. Ahhhhhhh….. welche Entspannung! Dem hab ich’s aber gezeigt!
Genau wie im Reich der Erotik agieren da die einen sehr platt und grob, andere mögen es eher feinsinnig und niveauvoll - der psychische Mechanismus ist derselbe.
Leider liegt im (kostenlosen) Internet etwas Frustrierendes, dieser schönen Freizeitbeschäftigung für alle, denen es zu gut geht, entgegen Wirkendes: Warum klickst du hin, wieso liest du es und kommst sogar wieder???
Das sind entlarvende Fragen, die den Troll gelegentlich zwingen, sich im Spiegel anzusehen und zu erkennen, was er da treibt. Allerdings sind es ja regelmäßig Meister der Selbstverleugnung - es hilft also nicht wirklich.
Micha
Hm, wirkt gewaltig desillusioniert. Und vieles davon (Chefs, Kollegen, Trolle) kann ich nachvollziehen. Welche Konsequenzen hast Du denn daraus gezogen, damit die Welt wieder ein wenig farbiger wird? Hast Du überhaupt… ?
Wolf-Dieter Roth
Micha: Nun, ich könnte ein Blog aufmachen, da könnte ich dann schreiben, wie ich will - und hätte trotzdem auch fiese und Spam-Kommentare. Machen manche Kollegen als “Ausgleich”, wobei ich Schreiben als Ausgleich zum Schreiben eben nicht als Ausgleich empfinde. Plus das Risiko, dann als “Großunternehmer” von Neidern wie Intendanten mal wieder auf eine halbe Million verklagt zu werden.
Oder ich könnte die Schreiberei für die öffentlichkeit einfach sein lassen und mich auf Gebrauchsliteratur zurückziehen.
Ich habe momentan letzteres vor.
Deshalb wird es hier auch noch ab & zu weitere derartige Einblicke in den Redaktionsalltag geben. Schreiben könnten diese Texte viele Redakteure - aber danach sind sie nicht mehr so angesehen. Das verschlechtert ja das Image, etwas Show gehört auch zum Job, der Leser soll nicht wirklich wissen, wie seine Zeitschrift oder Lieblingswebsite zustande kommt. Ich habe mich für den Blick hinter die Kulissen entschlossen, denn zumindest momentan mache ich lieber mehr “Langweiliges”, als einen weiteren “aufregenden” Redakteursjob.
Wolf-Dieter Roth
PS: Ich bekam eine erschrockene E-Mail, ob ich etwa durch die Blume mitteilen wolle, daß ich bei Blogwerk aufhören wolle? Selbstverständlich nicht. Blogwerk ist doch etwas völlig anderes, auch wenn Blogwerk journalistische Ansprüche hat und wir intern auch vom Redigieren von Beiträgen sprechen. Das ist für mich überhaupt keine Frage.
Es steht ja auch im obigen Kommentar: “Deshalb wird es hier auch noch ab & zu weitere derartige Einblicke in den Redaktionsalltag geben”. Redakteure glauben alles über Blogger zu wissen, doch Blogger wissen verdammt wenig über Redakteure. Und wie deren Arbeitsalltag aussieht. Da gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch viel, von dem selbst freie Autoren nichts ahnen. Und da möchte ich etwas Transparenz bringen.
jean-claude
Jungs und Mädels, als altes (naja, sage wir mal: älteres) Schlachtross erlaube ich mir, das zu sagen: Lasst eure Köpfe doch nicht so hängen!
Journalismus, ich meine: guter Journalismus, heisst jeden Tag Fight: um den Platz, um die Story, um news, um Interviewpartner, um facts, um Leserinteresse, um Anerkennung, um Auflage, gegen die Konkurrenz usw. usw.
Ich weiss, dass das doof klingt. Aber es stimmt trotzdem.
Wer sich das Privileg herausnimmt, erkämpft oder verdient hat, in einer Auflage, von sagen wir, 300 000, einen - hoffentlich guten - Text zu verbreiten, darf sich nicht darüber beklagen, dass nicht alles in Jubel ausbricht.
Man muss sich das mal so vorstellen: Man steht auf einem Platz mit 300 000 Leuten vor sich und liest denen seinen Text vor. Da muss man damit rechnen, dass ein grosser Teil den Platz gelangweilt verlässt, manche pfeifen und grölen, andere grinsen hämisch, einige brüllen: Aufhören!, manche hören tatsächlich zu und einige applaudiere sogar. It’s part of he game.
Das Bild vom Platz mit den 300 000 kann einen tatsächlich antreiben, noch besser zu werden, und nochmal und nochmal an den Texten zu feilen.
Auf die Gefahr, dass ich jetzt wirklich furchtbar altväterisch klinge: Wer den Dampf nicht erträgt, soll sich aus der Küche scheren. Den Satz habe ich zu letzt live von Henry Nannen seel. gehört. Sorry, stimmt noch immer.
@)Wolf-Dieter Roth: Bleib bitte in der Küche! Deine Durchblicke durch die Dampfschwaden sind erhellend. Sicher nicht nur für Journalisten.