6 vor 9

Ronnie Grob, 10. Juni 2008 08:54 Uhr, 13 Kommentare Kommentare

“Ich warte immer noch auf seinen Anruf. Schnüff.”
(persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Bild-Klatschreporterin Annette Pawlu erzählt, wie sie von Wladimir Putin auf den Mund geküsst wurde und wie sich die Arbeit je nach Land unterscheidet: “In der Schweiz war alles ruhiger und beschaulicher. Man hat das Gefühl, man tuckert auf der Arbeits-Autobahn so mit Tempo 100 auf der rechten Spur. In Deutschland fahren alle plötzlich die 200-km/h-Bleifuss-Nummer. Huch!”

Oh, heile Fussballwelt – im TV
(20min.ch)
“Sportminister Samuel Schmid sah am Sonntag das Spiel in Wien und zog danach ein erstaunliches Fazit: Das Spiel am Vortag in Basel habe ihm sicherheitsmässig besser gefallen - denn mit Rauchpetarden könne er nichts anfangen. Rauchpetarden? Das TV-Publikum stand vor einem Rätsel.”

17 Fragen an… Christian Spannagel von “Chrisp’s Virtual Comments”
(wissenschafts-cafe.net)
Dr. Christian Spannagel plädiert dafür, mutig und vorab zu bloggen: “Mich stört die weit verbreitete Einstellung, man müsse seine Ideen möglichst bis zu dem Zeitpunkt unter Verschluss halten, bis sie in einem peer-reviewed Journal veröffentlicht sind, und zwar aus Angst, jemand könnte die Ideen klauen und vorab veröffentlichen.”

Marketingjournalismus
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Der Medienspiegel macht ein kleines Quiz mit Werbetexten im redaktionellen Teil von Zeitungen.

Der Journalismus lebt - Essay
(welt.de, Mathias Döpfner)
“Die Presse hat immer Krisen erlebt. Auch neben dem Internet wird die Zeitung bestehen - bald ohne Papier. Ihren Lesern muß sie exklusive Neuigkeiten bieten, eigenständige Meinung und begeisternde Sprache.”

Fernsehkritik TV, Folge 13
(fernsehkritik.tv, Video, 48 Minuten)
Im Visier diesmal: “Quoten, Klicks und Kohle” von Thomas Leif, das Model und der Fake, Germanys next Flopmodel, Margarethes letztes Aufbäumen und Fady & Thomas: Alles nur Trick.

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier von Montag bis Freitag handverlesene Links zu Online-Storys aus alten und neuen Medien.
Link-Tipps gerne bis 8 Uhr an tipps.medienlese bei blogwerk punkt com.

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13 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Klaus Jarchow

    schrieb am 10. Juni 2008 um 09:36 Uhr (#)

    Kann mir mal jemand erklären, weshalb das Internet - anders als die Zeitung - nicht in der Lage sein soll, ‘mit Sprache zu wuchern’, wie der Herr Döpfner sich so vorbildhaft ausdrückt?

  2. jean-claude

    schrieb am 10. Juni 2008 um 10:31 Uhr (#)

    Ich glaub schon:

    1. Die Zeitung setzt eine - gewisse - Professionalität und gewisse Standards voraus. Die gibt es natürlich in unüberschaubarer Menge auch im Internet. Aber sie sind dort nicht Voraussetzung. +)

    2. Die Zeitung ist eine Auswahl von Informationen. Das Internet ist uferlos.

    Beide haben somit ihre Vorzüge und Nachteile. Sie ergänzen sich. Das hat nichts damit zu tun, ob die Zeitung auf Papier gedruckt erscheint. Natürlich wird das eines Tages ohne Papier geschehen. Ich habe diese Auseinanderestzung: Papier oder Digital ohnehin nie verstanden. Darum ging es nie.

    Döpfners Analyse - wirklich selten bei Verlagsmanagern - geht in die Tiefe und ist schlicht brillant. Er geht - was noch seltener ist - vom Inhalt aus. Und vom Bedürfnis des users oder Lesers, und nicht von der Technologie und den “Anfoderungen des Marktes”.

    +) Was ich übrigens mit Professionalität meinte: Annette Paluw (deren Interview Ronnie Grob hier gleichfalls quotet) ist eine “Bild”-Klatschrepoterin, die zu dem steht, was sie macht (und gut macht!). Und sie definiert intelligente Standards, die für sie verbindlich sind. Das ist professionell.

  3. Klaus Jarchow

    schrieb am 10. Juni 2008 um 10:39 Uhr (#)

    Ich sehe zunächst einmal nur einen Paradigmenwechsel - mal schauen, wie ernst das gemeint ist: Wer unversehens statt ‘Content’ die ‘Sprache’ predigt, wer den Gottseibeiuns in Person preist, nämlich die Ironie, die als Stilfigur zuvor am Beginn jeder Journalistenausbildung öffentlich auf den Scheiterhaufen geleitet und verbrannt wurde, der kann uns doch nicht ernsthaft diese, seine neuen Einsichten als ‘publizistische Traditionen’ verkaufen wollen. Döpfner in seiner Not hat plötzlich die Literatur entdeckt - das könnte ich ja noch nachvollziehen …

  4. arbiter

    schrieb am 10. Juni 2008 um 11:10 Uhr (#)

    Wer kann schon gegen eine neue `Führerkaste´, als deren Lei[d]thammel Döpfner sich stilisiert, mit Sprache, mit Wörtern wuchern, gar Widerworte geben?! Wäre ja noch schöner, wenn Web 2.0 dem Führer widerspräche.

    Ist schon ein Kreuz, was solche Führer zusammenmixen, um das `Heft´ in der Hand zu behalten, von dessen Papier sie sich kaltlächelnd verabschieden. Wer das Flugzeug als erste Stufe der Globalisierung begreift, gehört einerseits zu den zu spät Geborenen, begreift andererseits nicht, was er zuvor über das “Riepelsche Gesetz” referiert hat. Das Flugzeug ist nur eine weitere der kumulativen Möglichkeiten zur Transporterledigung, nicht Stufe, nicht Wesensbestandteil der Globalisierung. Die Brüder Wright oder Lilienthal hatten mit Globalisierung nichts am Hut, Karl Benz auch nicht. Auch Schumpeter nicht.

    Der Zeitung den ollen Lexikoneffekt der Zufallsrosine beim Durchblättern anhängen zu wollen, gleichzeitig Führerschaft beanspruchen, auch hier nichts, als autoritärer Überheblichkeit, als sei der beschworene `selbstbewußte autoritäre Gestus´ der Zeitung notwendig wie täglich Brot. Prompt findet sich der dezente Hinweis auf “Antiautoritäres” und der Anspruch, den Nachrichtenkonsumenten vorsortiert selektiv bedienen zu müssen als Conditio sine qua non.

    Vielleicht ist es ja falsch oder besonders einfältig, die Nachricht nicht als Geschäft begreifen zu wollen. Nachricht selbst ist kostenfreies Allgemeingut. Erst eine Kollektion von Nachrichten in einem Warenkorb Zeitung macht aus der Summe der Nachrichten ein `Geschäft´. Speziell für Springer/Bild mit dem Start als Groschengrab zeigt sich aber, das Geschäftsmodell selbst trägt sich nicht, wurde und wird querfinanziert, wie nicht zuletzt die Zeitungskrise durch Verschiebung der Werbe- und Inseratetats verdeutlicht. - Die Verlage, Krise hin oder her, fahren für ihre Eigner dennoch stets Rendite ein!- So betrachtet ist Nachricht/Zeitung mit “nur” Nachricht ein höchst zweifelhaftes, nicht lebensfähiges Geschäftsmodell, Nachricht kein Geschäft. Erst die Nachrichtenführerschaft im Sinne Döpfners und die abhängige Querfinanzierung generiert den `unabhängigen, überparteilichen Zeitungen´ Meinungshoheit, definiert Meinungsführerschaft, wobei selbst noch der elitäre Verlagsführer nur Zuarbeiter für eigentliche Elite wird, obwohl er sich völlig anders sieht, vor allem Döpfner. Solches Denken betrachtet Web 2.0 selbstverständlich als `antiautoritäre´ Veranstaltung, obwohl genau das nicht Selbstzweck und/oder Ziel des Web-Nachrichtenflusses ist, dennoch Leuten wie Döpfner Autorität aus der Hand nimmt. Die unkommentierte, nicht `geführte´ Nachricht behält jenes ihr innewohnende meinungsfreie Wesen, zu welchem kein `Führer´vorab seinen Senf dazu getan hat und ermöglicht Meinungsbildung. Genau dafür sind Führer, auch `Verlagsführer´absolut entbehrlich, Hobbyköche mit gesellschaftspolitischer Binse, Vorkoster vom Typ Döpfner auch. Aber sie sind gegen solches -in ihren Augen- Chaos höchst allergisch. Und dann gibt es ganz unvermittelt im Web plötzlich den einen oder anderen User, der auch mit Talent und mit Sprache wuchern kann, wenn er will, was Elite selbstverständlich sauer aufstößt, besteht doch latent die Gefahr, Elite wird vorgeführt, enttarnt. Darf das sein?!

    Da erleichtert es doch beinahe, wenn Graß, der bekennende 68er- und Alt-68er-Verächter, nach neuen 68er anno 2008 hilflos brüllt. Führung!

  5. jean-claude

    schrieb am 10. Juni 2008 um 12:34 Uhr (#)

    @)Klaus Jarchow. …”nur ein Paradigmawechsel”?….

    Laut Lexikon ist ein Paragdigmawechsel ein Wechsel von einer wissenschaftlichen Grundauffassung zu einer andern.

    Damit ist Döpfners Analyse an sich doch schon mal höchst bemerkenswert: Er fährt tatsächlich auf einer neuen Schiene. Was er davon in der Praxis wirklich umsetzt, wird man sehen.

    Sex sells war gestern - und gilt wahrscheinich bis in alle Ewigkeit.

    Dass sich spannnende Inhalte und brillante Sprache gleichfalls verkaufen, entspricht dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage, das sich offenbar erst durchsetzt, wenn das qualitative Angebot immer spärlicher wird, die Nachfrage danach aber zunimmt. Damit steigt der Preis. An dieser Ecke sind wir jetzt.

    Döpfner hat das erkannt. Wenn er neben den ganzen Gratisangeboten noch Geld verdienen will, muss er zwangsläufig in die Qualität investieren, um den Preis zu erzielen, den er braucht.

    Unausgesprochen liess er in seinem Text, dass der Preis für Qualität wesentlich steigen wird. Das ist aber nur dann möglich, wenn das Angebot tatsächlich die qualitativen Erwartungen erfüllt. Die Nachfrage danach gibt es auf alle Fälle. Die ist mit Händen zu greifen. Dazu braucht es keine komplizierte Marktanalyse.

    Wenn wir das hier schon lange wissen, ist das schön, aber bewirkt nicht viel. Wenn ein Medienmanager wie Döpfner sich dazu sozusagen programmatisch äussert, hat das schon eine ganz andere Bedeutung.

    Wir wollen nicht zu viel erwarten, aber was Döpfner da schreibt ist tatsächlich ein Paradigmawechsel.

    ps. Die Ironie als Stilmittel sei auf den Scheiterhaufen verbannt, schreiben Sie. Das habe ich auch noch so gelernt. Aber das ist es ja gerade: Subtil ironische Texte sind heute Mangelware - trotz hoher Nachfrage. Solche Elemente sind wieder sehr viel mehr gefragt, setzen aber hohe Professionalität voraus. Gepflegter, origineller, trefssicherer, soveräner, sprachwitziger Stil hat Zukunft: Simply it sells!

    Es ist wie mit Fastfood. Kriegt man an jeder Ecke und im hektischen Alltag gehts gar nicht mehr ohne. Und doch sucht man unentwegt nach der besonderen, nicht überkandidelten, aber charakterstarken Küche: das Besondere eben, für das man bereit ist, mehr Geld locker zu machen. Nicht jeden Tag. Aber doch öfters.

  6. Florian Steglich

    schrieb am 10. Juni 2008 um 12:39 Uhr (#)

    Nicht jeden Tag. Aber doch öfters.

    Ja. Die These, dass die Zukunft den Wochenzeitungen gehört, nicht der Tagespresse.

  7. Klaus Jarchow

    schrieb am 10. Juni 2008 um 12:57 Uhr (#)

    @ Jean-Claude: Genau - die Zeitung kann dort kein Informationsmedium mehr sein, wo sie produktionstechnisch immer erst 24 Stunden zu spät am Bahnsteig stehen kann und ‘Extrablatt!’ brüllt. Nachdem nämlich der Internet-Zug mit den brandheißen Neuigkeiten längst durch das verschnarchte Printhausen hindurchbretterte.

    Also folgt - nolens, volens - die publizistische Rückbesinnung auf Heine, Fontane, Polgar oder Börne. Ich finde es ja auch nicht schlimm - vermutlich ist das tatsächlich die einzige Chance. Was mich ein wenig reizt, ist ja auch nur der Habitus, so zu tun, als wäre diese notgeborene Renaissance antiker Sprach- und Pressetugenden seit jeher und bruchlos ein Teil der Qualitätsstilmöbel bei Verlegers daheim gewesen, obwohl man dort die Redaktionen vom Bauhaus bis zum Trash-Mobiliar schon mit allem Möglichen ausstaffiert hatte …

  8. jean-claude

    schrieb am 10. Juni 2008 um 14:09 Uhr (#)

    @)Klaus Jarchow: Darum fällt der Döpfner-Text ja so auf. Ich habe noch nie einen Verlagsmanager über die Bedeutung der Sprache in seinen “Objekten” reflektieren hören.

    Das Motiv ist gar nicht so wichtig. Es kommt drauf an, dass sich die Erkenntnis auf der Teppich-Etage durchsetzt: It sells! Nur so kommt Bewegung in die richtige Richtung.

    Qualität ist viel schwerer zurückzuholen oder gar neu zu erzeugen als die meisten Verlagsmanager meinen: Man kann sie nicht einfach einkaufen. Ich glaube, Döpfner ist einer der wenigen, der das weiss. Drum macht er sich offensichtlich Gedanken darüber.

    Wer als Chefredakteur schon mal händeringend nach ueberdurchschnittlichen Ideen, Texten, Fotos etc. gesucht hat - ja, so altmodisch ist das Kerngeschäft noch immer und wird es auch in Zukunft bleiben, print oder digital, what ever - weiss, wie wenig gute Autorinnen und Autoren, Fotografinnen und Fotografen, Produzntinnen und Produzenten etc. es wirklich gibt.

    Journalistische Qualität heisst eben alles andere als Langeweile - wirklich alles andere!

    Mich hat immer gewundert, wie fahrlässig Medienunternehmen mit ihrer einzigen wirklichen Substanz umgehen: den Leuten, die vorne die Köpfe hinhalten, die originär das entwickeln und produzieren, was letztlich verkauft wird (oder eben nicht verkauft wird). Sie werden häufig genug wie Haussklaven behandelt (ich weiss das deswegen, weil ich selber mal Sklaventreiber war).

    Die alten Römer behandelten ihre Haussklaven durchaus nicht schlecht. Aber eben immer als austauschbares Menschenmaterial.

    Im Mediengeschäft ist der Glaube weit verbreitet, man könne die Schreibsklaven einfach austauschen, wenn sie einem nicht mehr ins Konzept passen und neue auf dem Sklavenmarkt einkaufen.
    Wenn man Qualität längefristig anstrebt (so, wie es Döpfner offenbar vorschwebt), wird man mit dieser Sklavenhaltermentalität nicht weit kommen.

    Das hat nichts mit Moral, “sozialer Kompetenz” oder sowas zu tun, sondern mit rein ökonomischen Mechanismen. Das müssen auch Journalisten so verstehen lernen und diese Mechanismen für ihre Zwecke nutzen. Sie müssen immer im Hinterkopf haben: It sells.

    Wenn sich also Qualität letztlich doch verkauft, wie uns Herr Döpfner vorrechnet - wenn auch zu deutlich höherem Preis - worauf warten wir denn noch?

    Aber keine Illusionen: Es ist ein mühsamer Prozess, der eine andere Redaktionskultur erfordert. Die lässt sich nicht mit einem der üblichen 08-15- Reorganisationprogrammen mal eben von heute auf morgen von oben verordnen.

  9. Klaus Jarchow

    schrieb am 10. Juni 2008 um 18:10 Uhr (#)

    Wir haben ja in der Sache keinen Dissens, Jean-Claude: Wenn ästhetische Qualität zur medialen Handelsware im Textbereich würde - fein! Ein mühsamer Prozess wird es vor allem deshalb, weil es paradoxerweise in den Printmedien viele (oder gar allzuviele?) Journalisten gibt, die gar nicht schreiben können. In dem Sinne, dass sie zu einem vorgegebenen Thema dank eigenem Hinzutun etwas spannend, ungewöhnlich oder unterhaltsam erzählen könnten. Das würden folglich schlechte Zeiten für Abschreiber und Contentlieferanten werden, da gibt es massive Widerstände und Einflussnahmen. Es geht ja nicht nur um Ökonomie, sondern auch um Stellen und Lebensentwürfe. Wohin zum Beispiel mit all den PR-Onkels und Marketing-Tanten, denen ja meist keine gute Fee ein Schreibtalent in die Wiege legte …?

  10. jean-claude

    schrieb am 10. Juni 2008 um 20:51 Uhr (#)

    Diese Beobachtung mache ich auch. Story telling ist eine Disziplin, die erstaunlicherweise gerade jüngeren Journalisten wenig liegt.

    Dabei ist das die Form der Zukunft, mit der sich der Print profilieren kann, muss und wird. Ist ja schon interessant, dass der kraftvolle Anstoss dazu - siehe Döpfner - von Verlagsseite kommt und nicht etwa aus den Redaktionen. Vielleicht sitzen tatsächlich dort die energischsten Bremser.

    Die Anforderungen an Journalisten werden jedenfalls künftig noch härter werden - und auch die Konkurrenzkämpfe, weil die Auslese zwangsläufig nach andern Kriterien erfolgen wird und es weniger Stellen mit diesem Profil gibt.

    Dem Ansehen des Gewerbes dürfte das aber nicht schaden.Im Gegenteil.

  11. arbiter

    schrieb am 11. Juni 2008 um 00:04 Uhr (#)

    Huch, Döpfner und Paradigmawechsel?! Dem ist einfach nur das Hemd näher als der Rock! Fazit seines wörterreichen Sermons ist der `Verlegerführer´, und er läßt keinen Zweifel daran, daß er dieser Führer sein will und wird. Diesem Ziel nähert er sich mit der Variabilität und Anpassungsfähigkeit, die Managereliten des 21. Jahrhunderts auszeichnet. Soviel Wirbel um soviel Rückratlosigkeit ist schlicht zu viel der Ehre. Kraftvoller Anstoß? Nicht einmal Sturm im Wasserglas! Eher Bahnsteig und die roten Lichter.

    Wer in dem, was Blogosphäre geheißen wird, ein wenig umeinander schaut, wird feststellen, je jünger der Blogger, gerade der professionelle, um so höher die Wahrscheinlichkeit eines Sprachverhaltens abseits derzeitiger Orthographie- und Grammatikregeln. Mit solchem Sprachverhalten/ Sprechgewohnheit eine Story erzählen, liegt nicht nur gerade den `jüngeren´ Journalisten weniger, sondern, gelinde gesagt, muß den Leser irritieren. Also nimmt auf beiden Seiten die Bereitschaft zum Story telling ab, wird Qualitätsverfall Programm. Wer also beklagt, schon heute könne eine Vielzahl der Printmedien-Journalisten im Sinne ästhetischer Qualität ohnehin nicht schreiben, wird sich wundern, wie wenig das künftig Web- und Blog-geübten Journalisten gelingen will.

    Binse ist, wenn Döpfner Web 2.0 als Angebotserweiterung im Nachrichtengeschäft ausgibt. Interessant wird es aber gerade für den mit Führungsanspruch Gesegneten, wenn er Renditeerwartungen erfüllen muß, auch im und mit dem Web. Vielleicht läßt sich ja der PIN-Erfolg wiederholen? Auf die Gilde der professionellen Journalisten kommen dann freilich härtere Auslesekriterien zu. Ob das dem Ansehen des Gewerbes nicht schadet? Es schadet in jedem Falle der Qualität. Das, was als Paradigmawechsel daherkommt, ist nichts anderes als das Drehbuch zur Absicherung der Meinungsführerschaft für die Verleger. Damit geht dann auch noch die viel gerühmte demokratische Freiheit im Web flöten. Zumindest für letzteres bietet der Lösungsansatz eines Rupert Murdoch eher eine Chance, auch wenn selbst die sehr ungewiß ist.

    @ JEAN-CLAUDE: Sind Redaktionen nicht Verlagsseite?

  12. jean-claude

    schrieb am 11. Juni 2008 um 12:23 Uhr (#)

    @) Arbiter: Es gibt schon noch Medienunternehmen, die neben vielem andern, auch noch publizistische Interessen verfolgen. Dort gibt es mehr oder weniger klare Abgrenzungen zwischen Redaktion und Verlag. Natürlich gibt es auch hier Auflösungserscheinungen, je stärker der Konkurrenzdruck wächst.

    Die Interessen der Anzeigenabteilungen sind naturgemäss häufig anders als die der Redaktion und umgekehrt. Die Vermischung von PR und redaktionellem Inhalt ist bei allen Medien eine akute Gefahr. Da kommts auf das Standvermögen des Chefredakteurs an. Bei der Wahl und Gewichtung von Themen muss eine Redaktion, die Ernst genommen werden will, freie Hand haben, ebenso bei der personellen Besetzung. Die Einhaltung dieser Abgrenzung lässt sich nur bedingt festschreiben. Sie hängt, wie gesagt, stark vom Rückgrat des Chefredakteurs ab (es gibt durchaus noch Exemplare ohne sklerotische Schwächen im Rücken), und vom Willen der Verlagsetage, die Grenzen zu respektieren.

  13. arbiter

    schrieb am 11. Juni 2008 um 14:00 Uhr (#)

    @ JEAN-CLAUDE: Solche Grenze zwischen publizistischem Interesse und Verlag/Verleger soll es ausgerechnet im Hause Springer geben? Wenn überhaupt, und wenn überhaupt ein kraftvoller Anstoß, dann in Axel Caesars Reich doch nur und ausschließlich von ganz oben.

    Ganz ketzerisch könnte man natürlich Döpfners `Vorstoß´ als Verrat am Auftrag sehen. Was gehört schließlich im Web 2.0 zum Verleger-/Verlagsmetier, außer der Absicht Geld verdienen zu wollen? Der Wille, niemanden im Nachrichtengeschäft neben sich zu dulden, sollte nicht dazu führen, daß sich Verlage des Web bemächtigen und journalistische Rituale nach dort übertragen.


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