medienlese - der Wochenrückblick

Von Ole Reißmann, 11. Mai 2008 23:24 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Zwei Medienkampagnen, das Ende des Interviews, ein Spielverderber, neue Pop-Recherche und der entfesselte Internet-Mob.

Vor dem Ende des Interviews warnt Adrian Schimpf, Ex-Chefjustiziar der Financial Times Deutschland und Manager bei Gruner und Jahr, auf Spiegel Online. Anlass ist ein Urteil der Zivilkammer 24 des Hamburger Landgerichts, nachdem Medien für die Wahrheit von Interviewäußerungen Dritter haften. (Wir hatten dazu zwei Tage vorher auf eine Meldung von newsroom.de verlinkt.)

Zwei Medienkampagnen wurden in der vergangenen Woche kritisiert: Die Süddeutsche blickt zurück auf den angeblichen “Sachsensumpf”, der vom sächsischen Verfassungsschutz “im Zusammenspiel mit Politikern und Journalisten” erfunden wurde. Und die NZZ gruselt sich vor einer Kampagne der Medien gegen Rechts, weil der ehemalige Junge-Freiheit-Redakteur und CDU-Politiker Peter Krause nicht Kulturminister von Thüringen geworden ist. Der eine Vorwurf ist nachvollziehbar, der andere immerhin interessant zu lesen.

Mob statt Gegenöffentlichkeit: In einem Artikel über Weblogs für das Internet-Special der Zeit ärgert sich Stefan Niggemeier über die islamfeindliche Seite “Politically Incorrect”: “Seit einiger Zeit werden die meisten Artikel von PI anonym verfasst, ein Impressum gibt es nicht, die Seite ist ins ferne Ausland gerückt, wo sie für keine Lüge und keine Persönlichkeitsrechtsverletzung belangt werden kann.”

Was für ein Spielverderber! Thomas Knüwer verrät, wer bei Germany’s Next Topmodel nach seinen Informationen gewinnen wird. Das steht längst fest, weil die Sendung Wochen im voraus aufgezeichnet wird.

Jetzt.de-Chef Dirk von Gehlen hat mit dem Webdienst TimeTube, der YouTube-Videos in eine zeitliche Reihenfolge bringt, nach der Hamburger Indierockband Tocotronic gesucht – gefunden hat er ein Interview auf dem längst begrabenen Sender Viva Zwei, einen Besuch bei Sarah Kuttner, einen Tagesthemen-Beitrag, der von Ulrich Wickert anmoderiert wird, und Live-Mitschnitte. Ein interessantes und mindestens für popkulturelle Themen gut einsetzbares Recherche-Tool.

Der meistgeklickte “6 vor 9″-Link führte auf den Artikel “Hilfe, Ruf! Was taugt eigentlich die Niels-Ruf-Show” von Julian Bernstein in der Jungle World. Hier auf medienlese.com wurden die Medienblogcharts 4/08 unter der Überschrift “Bloggerland scheint ausgebrannt” am häufigsten angeklickt.

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9 Kommentare zu diesem Artikel

  1. dms

    schrieb am 11. Mai 2008 um 23:48 Uhr (#)

    Mob statt Gegenöffentlichkeit: In einem Artikel über Weblogs für das Internet-Special der Zeit ärgert sich Stefan Niggemeier über die islamfeindliche Seite ?Politically Incorrect?: ?Seit einiger Zeit werden die meisten Artikel von PI anonym verfasst, ein Impressum gibt es nicht, die Seite ist ins ferne Ausland gerückt, wo sie für keine Lüge und keine Persönlichkeitsrechtsverletzung belangt werden kann.?

    Kann sich Herr Niggemeier denn wirklich nicht erklären, wieso das Kritisierte notwendig ist? Manche kämpfen für die Meinungsfreiheit, andere wie Niggemeier gewähren ein bescheidenes Mass an Meinungsfreiheit nur noch während den entsprechenden «Öffnungszeiten» ?

  2. jean-claude

    schrieb am 12. Mai 2008 um 12:55 Uhr (#)

    Zum NZZ-Artikel: “Kampagnen der Medien gegen Rechts”

    Ich finde, die NZZ hat Recht.

    Dieser Automatismus, sobald irgendwo das Wort Faschismus auftaucht, ist von vorgestern, eine - zwar angesichts der Geschichte des 20.Jahrhunderts verständliche - Reflexhandlung. Aber Faschismus ist in Deutschland nun wirklich keine reale Gefahr, die es rechtfertigen würde, alles was weit rechts ist, in den Faschismustopf zu schmeissen.

    Man mag die “Neue Freiheit” mögen oder nicht, aber allein die Tatsache , dort Artikel veröffentlicht zu haben, die - laut NZZ - durchaus im Rahmen eines weiten Meinungsspektrums liegen, reicht nicht, um eine politische Karriere von dritter Seite zu beenden.

    Mich hat zum Beispiel auch nie gestört, dass Joschka Fischer im Frankfurter Szenemagazin “Pflasterstrand” als junger Spund Artikel veröffentlichte, für die er später als Aussenminister wohl keine Verantwortung mehr hätte übernehmen wollen.

    Die deutsche Demokratie ist doch nicht so instabil - im Gegenteil -, dass sie solche reflexartigen Reaktionen von seiten der Medien bedürfte, um politische Rechts- und Linksausleger zu eliminieren. - Eliminieren? Grauenhaftes Wort - aber genau das geschieht. Da braucht nur irgendwer das Wort Faschismus bez. Kommunismus in den Mund zu nehmen.

  3. arbiter

    schrieb am 12. Mai 2008 um 15:14 Uhr (#)

    Wenn die NZZ Herrn Krause als Holocaust-Leugner bezeichnet, hat der nachfolgende Artikel eher einen heuchlerischen Gusto.

    Zweifellos haben sich in der BRD Verleger/Verlage der Printmedien gegen Rechts zusammengeschlossen und fahren eine deutliche Kampagne, u.a. mit ganzseitigen Anzeigen. Sie richtet sich nicht gegen CDU/CSU, sondern nimmt NPD, DVU und Rechtsradikale aufs Korn. Dagegen wird sich schwerlich etwas einwenden lassen.

    Hinsichtlich Herrn Krause sollte vielleicht doch die Gesamtperson im Focus stehen, nicht seine zum Anlaß genommenen Publikationen in u.a. “Neue Freiheit”, von denen er sich keineswegs distanziert. Es zeichnet eher die BRD aus, daß da, wo eine politische Partei in der Kandidatenkür versagt, über Öffentlichkeit und Medien ausreichend Druck ausgeübt werden kann, jemanden zur Resignation zu veranlassen. Nehmen Medien die von ihnen okkupierte Wächterolle wahr, wird gemeckert, zuerst natürlich von der Konkurrenz. Nehmen sie diese Rolle nicht wahr, wird nicht weniger gemault.

    Der Vergleich Fischer/Krause: Fischer hat nicht nur eine Springer-Kampagne durchgestanden, ausgesessen. Krause hat resigniert. Zumindest das unterscheidet den einen vom anderen.

  4. jean-claude

    schrieb am 12. Mai 2008 um 15:52 Uhr (#)

    @Arbiter: Bei solchen Dingen muss man präzis sein. Die NZZ schreibt, nach ihren Recherchen hätten sich “bisher keine belastbaren Belege für Krauses ‘rechtslastige’ bez. ‘ultrakonservative’ Gesinnung ergeben. Auch hätten andere Medien diese Beweise nicht erbracht.

    Dass Krause von der NZZ nicht als Holocaustleugner bezeichnet wird, sollte man gleichfalls zur Kenntnis nehmen (die öffentliche Leugnung des Holocaus wäre ein Straftatbestand). Die NZZ schreibt velmehr, drei linke Parteien hätten den Zugriff eines Holocausteugners auf das Kultusministerium “skandalisiert”. Das heisst demnach nicht, dass der NZZ-Autor davon ausgeht, Krause sei tatsächlich ein Holocaustleugner. Offensichtlich gibt es dafür auch keine Belege, sonst wäre der Fall ja sonnenklar - und Krause zurecht “eliminiert”.

    Rechts - auch weit rechts - zu stehen ist ebenso wenig ein Verbrechen wie links - auch weit links - zu stehen.

    Man sollte das etwas entspannter sehen.

  5. arbiter

    schrieb am 12. Mai 2008 um 16:49 Uhr (#)

    @JEAN-CLAUDE: Ok, Präzision war nicht die Stärke meines Beitrags, auch nicht die des NZZ-Features. Also sehen wir den rechten Rand ganz entspannt und geben Straftätern freie Bahn. Als wenn wir die `Entspannung´ nicht schon bis zum Abwinken gehabt hätten! Zumindest Herr Krause hat verstanden.

  6. jean-claude

    schrieb am 12. Mai 2008 um 17:14 Uhr (#)

    @) Arbiter: Das verstehe ich nicht. Von “straftätern” war weder in der NZZ noch in andern Beiträgen zu dem Thema die Rede.

  7. arbiter

    schrieb am 12. Mai 2008 um 17:32 Uhr (#)

    @ JEAN-CLAUDE: Steht auch nicht in meinem Beitrag, daß von Straftätern in der NZZ oder in den Beiträgen hier die Rede gewesen sei.
    Apropos `eliminiert´: Hat K. sich nun selbst vom Platz gestellt, oder wurde er eliminiert? Und dann gibt es da noch die Pressekampagne gegen Rechts, die ungehindert weiter geht. die wollen das alle einfach nicht entspannter sehen. Müssen sie?

  8. jean-claude

    schrieb am 12. Mai 2008 um 18:41 Uhr (#)

    Klar müssen sie. “Rechts” bedeutet ja nicht zwangsläufig Faschisten und Neonazis. Ebenso wenig, wie “links” zwangsläufig Kommunisten bezeichnet.

    Sorry, aber man muss mit diesen Begriffen schon sehr präzis umgehen. Darauf hat die NZZ meiner Meinung nach zu Recht - und als Einzige - hingewiesen.

    Dass man im demokratisch politischen Spektrum weder Faschisten noch Neonazis akzeptiert, ist doch irgendwie selbstverständlich.

    Aber Herr Krause (mit dem ich übrigens überhaupt nichts am Hut habe) ist nach meinem Verständnis weder das eine noch das andere, sondern ein von mir aus weit rechts politikmachender Mensch. Ja und? Das ist nun mal zulässig in einer Demokratie.

  9. arbiter

    schrieb am 12. Mai 2008 um 18:58 Uhr (#)

    Noch ein Mal Krause hören, und dann sterben! Selten so verschwurbelte Statements gehört, nur um ja nicht laut werden zu lassen, was eigentlich verlautbart werden soll, er sich aber nicht getraut haben gedurft hat. Finde ich toll von der Demokratie, daß sie ihm gestattet hat, sich selbst zu `eliminieren´. Eine durchaus angenehme Seite des Legalismus. Selbst wenn sie müssen, irgendwie macht es mich nicht unfroh, daß die Medien den `rechten Rand´ nicht entspannter sehen. Wenn schon Anspruch auf Meinungsbeeinflussung, dann ist das doch ein hoffnungsvoller Ansatz(?).


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