Wolfgang Münchau:
Nebeneinander geht’s durcheinander

Von Klaus Jarchow, 31. März 2008 15:50 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

Mehr Markt und weniger Staat – oder angesichts von Finanzkrisen plötzlich doch lieber andersherum? Keine einfache Frage für Finanz-Kolumnisten.

Wall Street (Bild Keystone)
Stürzen die Kurse, freut sich der Fotograf: Fünf Krisenbilder (Bilder Keystone)

Das ‘Adenauer-Syndrom’ grassiert. Schon der erste Bundeskanzler soll verkündet haben: ‘Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Viele Wirtschaftskolumnisten, welche die Finanzkrise aus der Bahn des gewinngewohnten Künders ewigen Wachstums warf, müssen nolens volens jetzt leicht errötend auf Adenauers Spuren wandeln.

Ein erzwungener Schwenk, der besonders komisch wirkt, wenn seit dem dicken Wälzer, der kategorisch eine unregulierte Marktwirtschaft sans phrase forderte, und den jetzigen neo-ökonomischen Unkereien über plötzlich doch notwendigen Staatsinterventionismus nur einige Monate liegen. Erblickt man solche Texte plötzlich nebeneinander, wird’s eben widersprüchlich. Wie im Falle von Wolfgang Münchau, des Associate Editor der Financial Times und des langjährigen Chefredakteurs der Financial Times Deutschland.

Ironischerweise trägt mein Band ‘Das Ende der sozialen Marktwirtschaft‘ aus dem Jahre 2006 den Stempel ‘Mängelexemplar’ auf dem Buchblock. Obwohl Münchau da doch frohgemut die reine Lehre und das große Dogma verkündet:


“Den Wettbewerb beschränkende Gesetze … gibt es in einem solchen System nicht [= die Rede ist vonMünchaus damaligem Ideal, seiner 'Marktwirtschaft ohne Adjektiv']. Es gilt das Prinzip: Es ist alles erlaubt, es sei denn, es ist verboten.” (S. 220)

Inzwischen ist Münchau zu den Ideologie-Bäckern in die Lehre gegangen - er formt jetzt die neuerdings gefragten kleinen Brötchen, weil’s einfach ökonomischer ist:

Ich gehe davon aus, dass es in ein paar Jahren keine Hedge-Fonds mehr gibt oder zumindest dass die Hedge-Fonds-Industrie wieder ein Schattendasein führt. Auch das für Banken so lukrative Modell, Kredite sofort weiterzuverkaufen, geht dem Ende entgegen. Bankregulatoren werden die Baseler Eigenkapitalregeln anders als bislang auslegen. Man wird Banken, die mit Tricks versuchen, diesen Regeln zu entgehen, auf Kosten ihrer Eigentümer verstaatlichen”.

Tscha - so schnell kann das bergab gehen mit der Liberalität und mit Dero Majestät, der unbeschränkten ‘Marktwirtschaft ohne Adjektiv’! Auch die Subprimes - also die ungesicherten Häuslebauerhypotheken in den USA - erfuhren bei Münchau im Jahr 2006 noch eine überraschend positive Wertung:

“Einer der Gründe … warum die US-Wirtschaft nach dem Platzen der Internet-Blase und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 so schnell wieder auf die Beine kam, war die Stärke des Immobilienmarkts” (S. 113).

Das muss aus Münchaus heutiger Sicht wohl eine ihm hinterrücks entfleuchte Sprechblase gewesen sein, denn inzwischen ordnet sich dieser ach so bären bullenstarke Markt aus US-Hypotheken längst nahtlos in seine Katastrophen-Historie zahlloser Bubble-Economies ein, so dass man darin fast ein System vermuten möchte:

“Der im Jahr 1987 geplatzten Blase folgte die New-Economy-Blase der 90er-Jahre. Nachdem auch diese geplatzt war, folgte die Kreditblase. Die Abstände zwischen einzelnen Blasen wurden in den vergangenen 20 Jahren immer geringer.”

Kurzum: Es handelt sich bei Münchaus Ausführungen um den berühmten ökonomistischen Doppelspinat mit dem Blubb. Ich frage mich nur, weshalb im journalistischen Milieu diese Blase-Bälger immer so still und heimlich platzen müssen.

Allerdings - es wäre wohlfeil und unfair, jetzt auf dem Herrn Münchau allein herumzuhacken. Die Kolumnen-Schreiber der Finanzmagazine sind qua Beruf auf Optimismus gepolt und mit ihrem Abrakadabra ewig auf Höchstkurse eingestimmt. So lange es läuft, jedenfalls. Echte Schönwetterpropheten im Dienste von ‘Gott weiß schon wer’. Und dann, mitten im schönsten Optionenziehen, passiert plötzlich solch eine dumme Subprime-Panne, die in der ökonomischen Weltordnung doch gar nicht mehr vorgesehen war. Wer konnte denn damit rechnen?

Doch Exkulpation hin, Exkulpation her - andererseits hat der Alfred Döblin mal gesagt: “Ein Kerl muss eine Meinung haben“. Gemeint hat er - glaube ich - dies: “Ein Kerl muss eine Meinung haben” …

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8 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Frank

    schrieb am 31. März 2008 um 16:08 Uhr (#)

    Na ja, man darf seine Meinung ja ändern, allerdings sollte dieses Meinungsänderung dann auch die Folge einer neuen Einsicht sein - was ich bei dem Herrn jedoch nicht vermute. Ich halte den für einen Schreiberling, der dem Zeitgeist hinterherhechelt, was ihm leicht fällt, da er gar keine eigene Meinung hat. Daher würde ich gerade Herrn Münchau eben nicht vorwerfen, daß er seine Meinung ändern würde.

  2. Klaus Jarchow

    schrieb am 31. März 2008 um 21:22 Uhr (#)

    Nichts dagegen - wenn die Meinungsänderung auch ‘kommuniziert’ wird. ‘Bloß so’ ist’s dagegen dürftig, und nicht sehr charakterhaft, wenn auch bezeichnend für die Mediensituation …

  3. Jean-Claude

    schrieb am 2. April 2008 um 12:02 Uhr (#)

    Geschwafel gekonnt zerpflückt. Nur: seltsamerweise scheint das kaum jemanden sonst zu stören. Die angeblich Wissenden schwafeln ungebremst weiter wie eh und je.

    Natürlich kann man als Journalist seine Meinung ändern, aber wenn ausgerechnet Markt-Fundis ihre Meinung derart fundamental ändern müssen, weil einfach die Realitäten völlig anders sind als sie uns seit Jahren beschrieben wurden, geht das ins Grundsätzliche.

    Marktfundementalismus wurde in den letzten Jahren geradezu mit religiösem Eifer eingefordert. Jetzt muss der Markt einmal mehr vom als dumm wie Brot verschrieenen Staat gestützt und korrigiert werden, damit der freieste aller Märkte nicht kollabiert.

    Und auch diese gigantische Wertvernichtung wird uns von den gleichen Alles-Wissenden wiederum als schöpferischer ökonomischer Prozess geschildert, der unbedingt sein muss, damit neue Werte geschaffen werden können.

    Zur Abstrafung solchen Unsinns machte man früher Revolutionen. Heute hingegen kann man als revolutionärsten Akt nur gerade noch das Abo der “Financial Times Deutschland” kündigen. Dessen Mutterblatt “Financial Times” war übrigens interessanterweise nie so bedingungslos marktsektiererisch wie die deutsche Tochter.

    Markt muss natürlich sein, das weiss man seit dem späten Mittelalter. Dass der Markt aber an sich ein primitives Instrument ist (und es geblieben ist), das dauernder Korrekturen bedarf, scheint eine völlig neue Erkenntnis des 21.Jharhunderts zu sein.

    Macht nix. Während ihre Dogmen wanken, machen einschlägige Journalisten mit der gleichen dogmatischen Grandeza weiter wie bis anhin. Als wäre nichts gewesen.

  4. PG

    schrieb am 2. April 2008 um 13:45 Uhr (#)

    Die Finanzkrise ist zu Ende. Das ich nicht lache. Meiner Meinung ist das Einzige was im Moment läuft eine einzige Bilanzsäuberung um den Megagau zeitlich nach hinten zu verschieben. Es erschreckt mich zutiefst, dass Verluste vom Steuerzahler (den Landesbanken) getragen werden. Wenn jedoch Gewinne erzielt werden, hat keiner was davon. Im Gegentail: Arbeitnehmer werden einfach entlassen, um noch schönere Bilanzen zu haben. Ein Skandal!!!

  5. Jean-Claude

    schrieb am 2. April 2008 um 15:05 Uhr (#)

    Ein Kern des Problems liegt darin, dass Eigenkapitalrenditen von 15 % bei Banken schon als Versagerquote gelten -und Wirtschaftsmedien beten das brav nach. Es müssen 25 und mehr % sein, sonst gilt man - laut Jo Ackermann von der Deutschen Bank - als müder Uebernahmekandidat. Das heisst: Innerhalb von vier bis fünf Jahren soll eine Verdoppelung des eingesetzten Kapitals erfolgen.

    Man braucht kein Superökonom zu sein, um zu wissen, dass das mit reellem Geschäft nicht möglich ist. Nachdem sich die US-Immo-Kredite als Pleite erwiesen, sucht man nach neuen Instrumenten - und wird sie finden - die zwangsläufig wieder zu einer Bubble führen werden, deren Folgen dann wieder mit öffentlichen Mitteln beseitigt werden.

    Irgendwann müssen die Leute halt aufstehen und laut vernehmlich brüllen: Schluss jetzt mit diesem hirnverbrannten, völlig überflüssigen Unsinn! Das wäre dann die andere Seite der Globalisierung: So etwas würde sehr schnell breite Kreise ziehen.

    Aber wie man den nahezu durchgehenden Kommentierungen in den Wirtschaftsteilen der Medien entnehmen kann, tun wieder alle so, als wären die Dutzenden von Milliarden an Abschreibungen rein buchhalterische Vorgänge, für die niemand gradestehen muss. Als wären das halt unvermeidliche Begleiterscheinungen der globalen Wirtschaft.

  6. Klaus Jarchow

    schrieb am 2. April 2008 um 17:49 Uhr (#)

    Die Bubble sitzt regelmäßig im Vorstand.

  7. bdsm

    schrieb am 13. August 2008 um 21:36 Uhr (#)

    Ich bin mal gespannt was mit meinen Aktienpaketen passiert die ich letzte Woche gekauft habe. Hoffentlich stürzen die nicht ab…. naja schnell weg damit geht eh noch abwärst so wie es heute aussieht!!

  8. Brille

    schrieb am 15. August 2008 um 16:53 Uhr (#)

    was man derzeit erlebt ist unglaublich. Der Dollar wird stärker obwohl die Amerikanische Wirtschaft wirklich noch nicht am Boden angekommen ist… Noch längst ist nicht alles aufgeploppt!


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