Die Kampagneros vom Spiegel
Für die Medienmoguln bei Spiegel Online soll der Beck jetzt endlich den Schröder machen. Also schreiben sie sich den ersehnten Abflug herbei. Wie so etwas geht?
Zunächst ist man sich für keine hanebüchene Headline zu schade:
Kein Mensch weiß zunächst, woher sie solche Zahlen für diese Headline überhaupt bezogen haben. Denn die Fakten lauten selbst beim eingangs erwähnten Zeugen Forsa etwas anders. Was man auch gleich darunter ins Lead schreibt, woraus wir wiederum messerscharf schließen, für wie schlau man bei Spiegel Online die Leser hält:
‘Debakel nach Linksflirt und Hessenchaos: Die SPD ist binnen kürzester Zeit in der Wählergunst abgestürzt. Der neuen Forsa-Umfrage zufolge sinkt die Partei im Wochenschnitt auf den Minusrekord von 23 Prozent.’
20 Prozent, 23 Prozent? Ha - das ist doch wohl wurscht! Es geht hier um die Fakten hinter den Fakten, Dummchen! Noch schlimmer wird die Volksaufklärung, wenn man weiß, dass Forsa eine Woche zuvor - am 5. März vor dem großen ‘Metzger-Chaos’ also - die SPD auch nur bei 24 % listete. Der vollmundig angekündigte ‘Sturz’ in den Umfragen beträgt somit ein einziges Prozentpünktchen. Und da es noch immer Leute geben soll, die Forsa aus alter Sentimentalität für ‘ein SPD-freundliches Institut’ halten, stellen wir aus Vergleichsgründen einfach mal Emnid-Zahlen von gestern dagegen, wo sich parallel der ‘Hessen-Sturz’ der SPD am 11. März mit 27 % niederschlug, wo er also ebenfalls ein sattes Prozentpünktchen beträgt, wenn auch von wesentlich höherem Niveau.
Absolut albern wird die Agentur gestützte Spiegel-Online-Story, wenn wir nach dem reißerischen Lead, das uns zum ‘Klick’ verführen soll, dann in die Copy einsteigen. Weil die Schreiber da so ziemlich alles wieder ausräumen müssen, was sie zuvor mit vollen Backen herausposaunten, ohne dass aber die ‘Tonality’ der Ouvertüre darunter leiden darf. Anders ausgedrückt: Jetzt wird’s jetzt vollends abenteuerlich. Der verpatzte Einsatz klingt mit Pauken und allem Tuttifrutti so:
‘Nun, knapp einen Monat und diverse Querelen später, sind die Werte auf einen bitteren Tiefpunkt gesunken. Demnach lag die Zustimmung in der vergangenen Woche im Durchschnitt nur noch bei 23 Prozent - ein historisch niedriger Stand, ein Punkt unter dem der Vorwoche.’ [Bold-Markierung von mir]
Ja, das ist bitter. Was aber heißt das nun? Das heißt, der Spiegel hat sich faktisch an einem Doppelaxel mit Nasenlandung versucht. In eine Headline gebracht: “SENSATION!!! SPD um einen einzigen Prozentpunkt in historischer Weise abgestürzt!”
Hier in der Copy findet sich gen Ende dann übrigens auch der einzige Hinweis auf diese ominösen 20 % vom Anfang: Man hat einen einzigen Tageswert bei den Kollegen vom Stern geklaut, und zwar den vom letzten Freitag. Was uns heute, am Dienstag, als große News serviert wird. Fast möchte man da ironisch anmerken, dass sich seither die SPD schon wieder um sensationelle drei Prozent berappeln konnte. Zu Spiegel-Online-Methoden greife ich aber nicht …
Das aber, was sich heutzutage ‘Qualitätsjournalismus’ nennt, erscheint mir zunehmend als eine Veranstaltung, wo sich possierliche Yorkshire-Terrier in ihrem kleinen Medienzirkus so aufführen, also ob sie große politische Kampfhunde wären.
Schön ist übrigens auch die Anzeige des Braunkohle-Verbandes direkt über dem Text - die flickert und flackert uns ins Auge wie die Schleife im Haar des Hündchens. Und der Leser weiß wenigstens, worum es in dieser Republik und bei solchen Texten eigentlich geht …
» Mehr lesen: Online (188), Spiegel Online (11), Umfrage (2)
» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen
» Nächster Artikel: 6 vor 9
» Älterer Artikel: Journalistin Michèle Roten: Im Idiotenvisier
» Drucken
» Merken/E-Mail
18 Kommentare zu diesem Artikel
Einen Kommentar schreiben
Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.



blogwerk.com
wivo
Danke für die Aufdröselung der Hintergrundinformationen. Nach der Lektüre habe ich mich auch gefragt, warum der Artikel das Gegenteil von der Headline enthält…
Ugugu
Made my day… ;-)
angewidert
“Spin-Spon” halt.
Man sollte die Seite nur mit Adblocker-Plugin anschauen, das hat zwei Vorteile: 1. Die penetrante Werbung wird weggezaubert und die Seite läd schneller, und 2. die Spindoktoren verdienen nix an ihrer Gehirnwäsche, sondern zahlen drauf.
Klaus Jarchow
Die Geschichte geht weiter: “Beck fällt in der Heimat auf historischen Minuswert“, schreiben die Büchsen-SpOnner jetzt. Tschaja - nämlich auf 40 Prozent, so tief ist der Beck gesunken. Übrigens: So schlecht stand er in Rheinland-Pfalz zuletzt im August 2007 bei Forsa. Und das ist ja nun wirklich lange her - fast schon acht Monate …
sven
Naja, das ist auch eine Art mit unliebsamen Umfrageresultaten umzugehen. Wenn die SPD im Lauf der Woche auf 20 Prozent (Tageswert) abgerutscht ist, ist das durchaus berichtenswert. Aber manche möchten halt nur das berichtet sehen, was ihnen gefällt. Und lamentieren dann über den angeblichen Verfall des Qualitätsjournalismus.
Klaus Jarchow
Jaja, wenn ein großes Medium seit Wochen immer in die gleiche imaginierte Kerbe haut, dann ist das sicherlich alles nur Zufall. Wenn es ein demokratisch verursachtes Ergebnis skandalisiert und dies lauthals als unerhörtenTabubruch ausschreit, was wiederum in Berlin seit Jahren gang und gäbe ist und keinen Weltuntergang verursacht, dann ist das natürlich niemals bloßer Dummenfang. Wenn für diese selbst ernannten Medienwächter ewig nicht sein darf, was qua demokratischer Wahl längst Fakt geworden ist, dann ist das natürlich kein Versagen der Medien, sondern ein Versagen des unerzogenen Wählers.
Ich finde ja, die Medien und die Realität haben sich in Deutschland sehr weit auseinander entwickelt. Zum Schaden der Medien, nicht zum Schaden der Realität. Diese Medien haben selbst schuld, wenn ihnen niemand mehr zuhört. Alle haben Interessen, nur die Verleger natürlich niiiieeee …
stefanolix
Hallo? Bei aller berechtigten Kritik: es liegt doch nicht am Spiegel oder an SPON, dass die SPD so abdriftet. Es liegt an einer völlig kopflosen Führung. Und die Zahlen sprechen doch eine deutliche Sprache: ob man nun von 23 oder 27 Prozent Zustimmung zu SPD ausgeht — beides ist ein sehr schlechtes Ergebnis.
Klaus Jarchow
Dies Statement vorab, damit das klar ist: Ich bin selbst weder ein Links- noch SPD-Wähler, wohl aber ein Demokrat, der Wahlentscheidungen respektiert. Viel mehr als diese ominösen ‘Wahlversprechen’.
Dass dort derzeit eine Kampagne läuft - mit dem Spiegel vorneweg und Tante Springer hinterher - das kann niemand ernsthaft bestreiten. Worum geht es dabei: ‘Bei uns’ im Westen, sagt diese Presse, darf das Tabu, mit der Linken nicht zu turteln, keinesfalls gelockert werden, obwohl der gleiche Vorgang im Osten kein Thema ist, also da, wo die ‘wirklichen Kommunisten’ sitzen. Merke: Das Gleiche ist nicht das Gleiche.
Wer dagegen löckt, so etwas in der SPD nur andeutet, der kriegt’s knüppeldick, während die CDU in der neuen 5-Parteien-Landschaft nach Gusto mit den Grünen turteln darf, ohne dass es irgendeinen Meinungsmacher kratzt. Die loben sogar noch die neue Beweglichkeit.
Falls es der Vereinigten Medienmacht Inc. gelänge, den Beck jetzt zu stürzen, dann hätte sie der SPD erfolgreich jede Machtperspektive außerhalb einer großen Koalition für Jahrzehnte amputiert: “Ein Bündnis links der Mitte ist aber ein Albtraum für die Meinungsmacher der Republik, weshalb die SPD sich warm anziehen müsste, wenn sie wirklich gewillt sein sollte, diesen Weg zu gehen”. Das also ist das eine.
Dabei gibt es doch gar keinen besseren Weg, die Linke zu entzaubern, als sie verantwortlich politisch handeln zu machen. Oder sieht dann wirklich noch irgendjemand die roten Garden mit Enteignungsbeschlüssen in den Vorstandsetagen randalieren?
Weiter: Die SPD musste ganz klar dauerhaft schwächer werden, weil der Spagat zwischen dem ‘Anwalt der Entrechteten’ und ‘Neue-Mitte-Partei’ der noch-angestellten Angestellten nicht glaubhaft aufrechtzuerhalten war. Addiert man aber wiederum West-Gewerkschaftler-Linkspartei und Funktionärs-Rest-SPD, dann ist diese virtuelle ‘Doppel-Partei’ noch immer so stark wie zu Zeiten des seligen Brandt und dabei wechselseitig der eigentlich gegebene Koalitionspartner, noch vor den Grünen. Das sieht inzwischen wohl auch jeder Parteienforscher so. Insofern sehe ich für ‘die Linke in toto’ gar kein ’schlechtes Ergebnis’ - eher im Gegenteil.
Das Perfide an der laufenden Pressekampagne besteht für mich jetzt darin, dass man mit moralischen Scheinargumenten (’Wortbruch’usw. - Hä, wie röhrten denn der Ole v. B., der Pofalla, der Hintze in Bezug auf grün einst daher?) dass man mit solchen Scheinargumenten versucht, den Wählerauftrag zu blockieren, der in einer linken Politik bestünde. In Hessen jedenfalls ist das neoliberale Kartell von schwarzgelb vom Souverän gnadenlos in der Minderheit geschubst worden, un dim Bund sieht’s auch nicht gut aus.
Für mich gilt es, solche demokratischen Entscheidungen zu akzeptieren, und sie nicht einer Pressemeute ohne politisches Mandat zur Disposition zu stellen, die dazu noch ohne jede Bereitschaft ist, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, sondern lieber hinterrücks aus allen Hecken schießt. Das, indem man den Fakten versucht, Locken zu drehen. Ob mich die Unverfrorenheit oder die Dummheit dabei allergischer stimmt, habe ich noch gar nicht recht entschieden.
Florian Steglich
» Stefanolix: Hier sind die Ergebnisse der Sonntagsfrage seit 1997 - Werte von unter 30% gab es schon häufiger.
» Klaus: Ich glaube äußerst selten an Kampagnen. Im Zweifelsfall ist einfach die Geschichte unwiderstehlich. Unbekannte Kandidatin reitet ihre Partei zum Sieg und bricht dann ihr Wort; eines, das nicht eindeutiger hätte sein können. Stürzt also wieder dramatisch ab. Innerparteilicher Kampf dazu, die dramatische Nebenhandlung mit dem so unstaatsmännischen Ministerpräsidenten, der Kanzler werden will, dazu … Da verliert der Journalist halt den Kopf. Das ist ein Reißer, so wie die Frau, die nach 2 Jahren Sitzung auf dem Toilettensitz festgewachsen ist. Keine Kampagne meines Erachtens; einfach nur Missverständnisse in der Frage, was intelligenter Journalismus sein soll.
Klaus Jarchow
@ Florian: Ich wünschte, ich könnte mir diesen Kinderglauben an die guten Medien auch bewahren. Nebenbei: Dass die Hessen-SPD ein Piranha-Becken ist, mindestens ebenso groß wie die Hessen-CDU, dass also die Ypsilanti Kamikaze-Allüren zeigte, als sie meinte, ausgerechnet mit dieser SPD-Fraktion ‘42 Freunde wollen wir sein’ spielen zu können, das sehe ich natürlich auch als großen Fehler.
Der Beck aber, der ruckelt und rührt sich zumindest, testet Dinge aus und klebt nicht nibelungentreu in der selbstgeschaffenen Hartz-IV-Falle, er holt die SPD allmählich aus der Sackgasse, in die sie Schröder und Clement einst führten. Manchmal wirkt Beck dabei ‘unabgestimmt’, aber im Prinzip zeigt sein Kompass schon die einzig mögliche Richtung an. Für seine Partei meine ich, nicht unbedingt ‘für das Land’ …
Klaus Jarchow
Zu Vergleichszwecken, um zwischen Dichtung und Wahrheit weiter zu unterscheiden: So sieht der ‘historische Absturz’ der SPD heute bei der Forschungsgruppe Wahlen aus.
Florian Steglich
Klaus: Kinderglaube an die guten Medien? Wo liest du denn den? Ich meine, dass die Medien dümmliche Reißer herbeischreiben, weil sie nur noch ein Gespür für storyboards und Dramaturgie haben, aber Analysen über einen Zeitraum > 14 Tage nicht mehr packen.
Was beck oder andere inhaltlich gut oder schlecht machen, ist dabei doch gleich, so lange Sensation und Spannung stimmt. Die Linie lief vor der Wahl auch bei SpOn deswegen saftig gegen Koch. Ypsilanti war da die Heldin der Story, jetzt ist es hält eine Weile Metzger.
Frank
Die “bürgerliche Mehrheit” wackelt bedrohlich, die gleichgeschalteten medien tun alles, um die SPD a) schlecht zu reden und b)Druck auszuüben auf die SPD, ja die Finger von den Linken zu lassen. Denn solten SPD, Grüne und Linke sich doch zusammenraufen, ist die Gefahr einfach zu groß, daß die Neoliberlen Asozialen in die Minderhiet geraten.
Das ist die ganze Wahrheit. Spiegel gehört zu Gruner und Jahr, das gehört zu bertelsmann. Arvato von bertelsmann macht immer mehr Geschäfte (Kommunenauslagerungen etc.), all das ganze PPP Zeugs gerät in Gefahr, falls die Bürgerlichen die Mehrheit einbüßen. Und so ist dann auch leicht Herzogs Vorschlag erklärt, das Wahlrecht zu ändern; so erklärt sich leicht das fehlerhafte und asoziale Wirtschaftsbonzen-Papier gegen die Einführung eines Mindestlohns und und und…
Der etablierten Presse sollte niemand mehr auch nur einen Schritt weit über den Weg trauen.
Klaus Jarchow
Man muss gar keine Verschwörungstheorien fahren: Als damals die Hatz gegen Schröder eröffnet war, wurde immer wieder gern, um den Braten zu würzen, ein großes Lafontaine-Interview ins Blättchen eingerückt. Man räumte also linken Meinungen recht viel Platz ein. Hauptsache, es gab ordentlich Rummel! So nämlich laufen Kampagnen. Unseren Medien einen Masterplan zu unterstellen, hieße, sie zu überschätzen. Sie haben stattdessen Allergien, so zum Beispiel, dass die Linken im Osten gern ran dürfen, da gehören sie ja zur Folklore; auch in Berlin, das wissen sie, ticken die Uhren anders. Aber doch bitte nicht bei ihnen vor der Haustür! Wenn sie diese skurrilen Figuren schon sehen! Ansonsten lassen sie sich auch mal instrumentieren, vor allem, wenn das ihrer Rappelkiste Quote bringt …
Wolfgang Michal
Unsere ?Qualitätsmedien? geben sich überhaupt keine Mühe mehr, ihr handwerkliches Unvermögen und ihre ideologische Verbohrtheit zu kaschieren. Das sehen wir an der peinlichen Anti-Beck-Kampagne, bei der unsaubere Umfragezahlen ohne jede kritische Prüfung übernommen werden, das sehen wir in der Wahlberichterstattung: Kein Kommentator macht sich mehr die Mühe, die für die Parteien tatsächlich abgegebenen Stimmen mit denen der vorangegangenen Wahl zu vergleichen. Würde man nämlich absolute Zahlen vergleichen, könnte das herbeigesehnte schwarz-grüne Modell nicht mehr gar so frenetisch bejubelt werden. In Hamburg verlor die CDU bei den Wahlen im Februar 15 Prozent ihrer Wähler, die Grünen verloren über 26 Prozent. Daraus konstruiert die deutsche Einheitspresse einen schwarz-grünen Wählerauftrag. Gut, dass es ein paar Medienblogs gibt, die diesen ?Qualitäts?-Journalisten auf die Finger schauen.
Klaus Jarchow
Es gibt schon seit längerem eine ‘linke Mehrheit’ in der Republik (= ballaballarot, rosarot, grün). Da aber nicht sein darf, was Sache ist …
Andi Fluri
Oje, das klingt schon sehr nach verbitterter Verschwörungstheorie.
Was habt ihr denn hier für einen “Medienkritiker”, der immer noch glaubt, Medien würden irgendwelche obskuren politischen Agenden verfolgen, anstatt sich - wie es doch in Wahrheit ist - einfach immer die tollste Story zu backen? Und der dann auch noch seine eigenen Mitblogger anzickt, wenn die es wagen, es nicht so zu sehen wie er mit seiner überlegenen Erfahrung?
Klaus Jarchow
Klar - von Dreyfus über Gleiwitz bis zur jüngsten NeoCon-Medienoffensive vorm Irakkrieg waren das alles nur ganz harmlose Rummelplatzbetreiber und Schießbudenbesitzer, denen es ums Entertainment ging …