ORF:
Lahme TV-Ente in Not

Markus Kirchsteiger, 7. Februar 2008 10:48 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Sinkende Einschaltquoten, eine missglückte Programmreform und jetzt erhöht der ORF auch noch die Rundfunkgebühren: Langsam aber sicher schlittert der öffentlich-rechtliche Sender in die Krise. Während Defizite in Millionenhöhe drohen, sucht ORF-Boss Alexander Wrabetz sein Heil in höheren Gebühren und Personaleinsparungen. Um den ORF zu retten, meinen Experten und Medienmanager, braucht es allerdings radikale Reformen.

Lahme Ente ORF?
Ist die Ente müde? (Bild [M] cc:maessive)

Seit Samstag ist es beschlossene Sache: Um 1,30 Euro im Monat steigt die ORF-Gebühr ab Juni 2008. Hart erkämpften musste sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz dieses Plus von 9,4 Prozent. Doch trotz sinkender Einschaltquoten fiel die Entscheidung im Stiftungsrat, dem Aufsichts- und Kontrollorgan des österreichischen Rundfunks, schließlich klar für die Gebührenerhöhung aus – mit 16 Ja- zu 12 Nein-Stimmen (bei zwei Enthaltungen).

Zahlreiche Experten und ehemalige Medienmanager fordern seit Monaten mehr Geld für den ORF. Die österreichischen Gebührenzahler allerdings sind wenig begeistert vom zusätzlichen Obolus. Zum Ärgern sind weniger die zusätzlichen 1,30 Euro pro Monat, sondern vielmehr die Negativschlagzeilen der letzen Monate, welche der ORF am laufenden Band produzierte. So können im Zuge der Umstellung auf Digital-TV 153.000 Haushalte den ORF nicht mehr empfangen. Wer sich einen neuen Decoder kauft, muss rund 40 Euro dafür berappen. Und nach der misslungenen ?größten Programmreform aller Zeiten? wollen rund 400.000 Menschen das neue Programm überhaupt nicht mehr sehen (siehe Marktanteil 2007). Eine Erhöhung der Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diesem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, das ruft bei Vielen Unmut hervor.

Künftig beträgt die monatliche Rundfunkgebühr je nach Bundesland zwischen 18,61 Euro (Vorarlberg und Oberösterreich) und 23,71 Euro (Steiermark). Der ORF erhält davon 15,10 Euro, den Rest bekommen Länder und Bund. Vergleicht man das Plus von 9,4 Prozent mit der Inflation seit der letzten Gebührenerhöhung (10,1 Prozent), so erscheint Wrabetz Wunsch nach mehr Geld für den ORF durchaus legitim. Somit würde die Anstalt heuer 23,6 Mio. Euro zusätzlich einheben.

Der ORF braucht dringend Geld

Mit diesen Mehreinnahmen will ORF-Boss Wrabetz die Verluste des ORF abmildern. 27,9 Mio. Euro minus werden für 2008 erwartet. Neben den Zusatzeinnahmen sollen auch Personal- und Budgeteinsparungen zu einem niedrigeren Defizit beitragen. Ohne Gebührenerhöhung und Einsparungen hätten sich die Verluste bis 2010 sogar auf 127 Mio. Euro summiert.

Sorgen bereitet dem Management auch, dass die werberelevante Zielgruppe vom ORF zu den deutschen Privatsendern abwandert – trotz der verzweifelten Bemühungen, ORF 1 mit einer Daily Soap und zeitgemäßen Programmen wieder attraktiv für junge Zuseher zu machen. Bei den Zuschauerzahlen einigte sich der Stiftungsrat auf 40 Prozent Zielmarktanteil für 2008, das sind weniger als die für 2007 angepeilten 41 Prozent. Trotz der hoch gelobten und umfassend beworbenen Programmreform lag der Marktanteil des ORF im vergangenen Jahr allerdings nur bei mageren 39,4 Prozent. Sehr zum Missfallen von Wrabetz, denn auf eine saftige Erfolgsprämie musste der Generaldirektor verzichten.

Auf den ersten Blick erscheint daher nichts abwegiger als die Gebühren bei sinkenden Zuschauerzahlen zu erhöhen. Eine Erhöhung war allerdings längst überfällig und ist lebensnotwendig für gutes öffentlich-rechtliches Programm. Dass der ORF die Qualitätskriterien eines öffentlich-rechtlichen Senders erfüllt, bezweifeln jedoch viele Kritiker. Nun äußert auch die EU-Kommission Zweifel daran, ob die Höhe der Gebühren der tatsächlichen Leistung entspricht.

Weniger Personal, weniger Programm?

Die Finanzierung des ORF ist nicht mit dem Gemeinsamen Markt der EU vereinbart, urteilt Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes in einem Brief an Österreich Ende Januar. Zu schwammig sei die Definition der Republik für den öffentlich-rechtlichen Auftrag der Anstalt. Vor allem einige Online-Diensten und Veranstaltungen des ORF-Sports dienten nicht unbedingt den ?demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft?.

Das findet auch der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher, der vom Branchenmagazin Der österreichische Journalist kürzlich für sein ?gigantomanisches und geniales? Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Bacher verlangt ein ?neues Rundfunkgesetz der radikalen Veränderung?. Der ORF soll sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren und gesund schrumpfen, weil Struktur und Personal von heute auf Dauer nicht finanzierbar seien. Gleichzeitig sollte die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen reduziert und der Quotenwahn beendet werden.

?Aus dem Teufelskreis der totalen Quotenabhängigkeit? kommen soll der ORF auch laut Medienmanager Rudi Klausnitzer, der ein ?radikales, aber nachhaltiges? Rundfunkgesetz fordert. Klausnitzer managte den erfolgreichsten Radiosender Österreichs (Ö3), Premiere, Sat 1 und die News-Gruppe, in der die meistverkauften Zeitschriften des Landes erscheinen. 2006 bewarb er sich vergeblich neben Wrabetz um den Posten des ORF-Chefs. Aus dem ORF will Klausnitzer drei eigenständige Firmen schaffen: ein rein öffentlich-rechtliches Unternehmen, das sich über Gebühren finanziert und nur seinem öffentlichen Auftrag verpflichtet ist; ein rein kommerzielles Börsenunternehmen, das sich ausschließlich privat und kommerziell finanziert; und eine Infrastrukturfirma für die Technik.

Wrabetz will mehr Werbung

Gut gemachte und anspruchsvolle Programme hätten weltweit Erfolg, wie die BBC beweise. Obwohl diese beiden Vorschläge Erfolg versprechend sind, für eine derart radikale Reform scheint der ORF noch nicht bereit wie die politischen Machtspielchen im Betriebs- und Stiftungsrat immer wieder zeigen. Und die Konkurrenz des österreichischen Privatfernsehens zwingt den TV-Monopolisten ORF auch nicht zu schnellen Veränderungen.

Selbst wenn weiterhin weniger Zuschauer ORF einschalten und die Werbeeinnahmen deshalb sinken: ORF-Boss Wrabetz hat bereits eine Heilmittel gegen das drohende finanzielle Desaster. Er verhandelt bereits um eine Erhöhung der Werbezeiten von 42 Minuten auf 50 Minuten pro Kanal und Tag. Als Gegenleistung will der ORF dafür auf Online-Werbung verzichten. Damit trifft Wrabetz zwei Fliegen mit einer Klatsche: der ORF nimmt mit der zusätzlichen TV-Werbung wohl weit mehr als im Internet ein und erspart sich Streit darüber, inwiefern Werbung im öffentlich-rechtlichen Webangebot überhaupt zulässig ist.

Am Ende schauen daher wohl die Gebührenzahler durch die Finger, und müssen mehr Geld für schlechteres Programm ausgeben.

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