Selbstreferentialität – der dümmste Vorwurf im Web 2.0

Klaus Jarchow, 28. Januar 2008 15:05 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Wenn sich Blogger und Journalisten ineinander verbeißen, dann kommt er mit Sicherheit irgendwann: der wechselseitige Vorwurf der ‘Selbstreferentialität’.

Selbstreferentialität
Wir beziehen uns auf uns

Der Schreiber der FAZ mokiert sich dann über ‘den Blogger, der einen anderen Blogger beim Filmen filmt’ – und er vergisst beim Lachen darüber das parallele Phänomen im eigenen Beritt, wo die BILD-Zeitung für den Abdruck von Frank Schirrmachers hessischer FAZ-Wahlhilfe in ihrem Blatt zwei Seiten freiräumt, wo also der eine Journalist dem anderen Journalisten beim Veröffentlichen noch mehr Öffentlichkeit verschafft. Woraufhin die Blogger nach Herzenslust daherpolemisieren und sich wiederum über die Selbstreferentialität des alten Mediensystems lustig machen. Was die getroffenen Journalisten lauthals zetern lässt, weil ihre ‘Selbstreferentialität’ doch angeblich ‘Seriosität’ und ‘öffentliche Verantwortung’ heißt. Manche sagen dazu allerdings auch ‘Kampagne’. Kurzum: Ohne Selbstreferentialität läuft heute nichts mehr – noch nicht einmal auf Journalistenschulen.

Ich jedenfalls wundere mich längst nur noch darüber, wie ’selbstreferentiell’ der Begriff der Selbstreferentialität inzwischen geworden ist, er dient in seiner Unanschaulichkeit förmlich dazu, den Streit zwischen Journalisten und Bloggern selbstreferentiell am Köcheln zu halten. Andererseits wenden den Begriff viele in ihren Texten nach folgendem vereinfachten Verfahren an: Sagt oder schreibt irgendwo irgendwer über irgendetwas, was irgendwer anderes auch schon mal irgendwo meinte oder schrieb, dann juckt es diesen Schreiber in jedem Tippfinger, jupitergleich ’selbstreferentiell’ in die Tastatur zu donnern. Schließlich gibt das Wort auch dem intellektuellen Auftritt eines Mäuschens mehr Gewicht …

Vielleicht könnten sich alle Raufbolde ja darauf einigen, dass es sich – ob Blog oder Zeitung – bei Mediensystemen zunächst einmal um ’soziale Systeme’ im Sinne Luhmanns handelt; Systeme also, die kommunikativ durch Sinngebung Differenzen zur Umwelt ausbilden und damit überlebensfähig werden. Wobei sie auf ihre sinnkonstituierenden Lego-Steinchen notwendigerweise deshalb zurückgreifen müssen, weil nur unaufhörliche Rekursivität – um hier mal den konkurrienden kybernetischen Ausdruck zu verwenden – ein System geschlossen und damit stabil erhält. Weshalb alle sozialen Systeme notwendigerweise immer selbstbezogen sind. Womit wir dann glücklich auf dem Boden der derzeit elaboriertesten soziologischen Theorie angekommen wären.

Zugleich ist der Vorwurf ’selbstreferentiell’ an die Adresse eines Medienschaffenden – ob Blogger, ob Journalist, ob PR-Berater – genau deswegen einfach dämlich. Die Selbstreferentialität ist das Erzeugungsgesetz aller sozialen Systeme – und eben auch des Mediensystems. Ebensogut könnten wir einem Maurer vorwerfen, dass er Mörtel verwendet.

Jedes soziale System entwickelt dabei seinen kommunikativen Fetisch – sein ’symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium’ (Luhmann): Im Falle des sozialen Systems der ‘Wirtschaft’ heißt dieser Fetisch ‘Markt’, die Wirtschaft kann eben nur über Marktgesetze, Umsatz, Cash Flow oder Rendite schwafeln, oder sie verlässt den Systembereich rekursiver Kommunikation, was destabilisierend wirken würde. Im Falle der ‘Kirche’ heißt der Fetisch ‘Gott’: eine Kirche, die nicht in Bezug auf Gott redet, wäre keine. Im Falle des Sozialsystems ‘Recht’ wirkt die ‘Gerechtigkeit’ mit ‘Gesetz’, ‘Strafe’, ‘Urteil’ usf. Im Falle des Systems ‘Herrschaft’ kommt der ‘Staat’ mit seinen verbalen Hilfstruppen ins Spiel. Und unsere ‘Medien’ wiederum tanzen um das goldene Kalb der ‘Öffentlichkeit’. Das Zusammenwirken solcher sozialen Systeme wird als ‘Ko-Evolution‘ bezeichnet. Das Resultat: die ‘Gesellschaft der Gesellschaft‘. (*Luhmann möge mir, einem ‘terrible simplificateur’, diesen theoretischen Gewaltritt verzeihen …*)

An all diesen Sachverhalten ist aber nicht die ‘Selbstreferentialität’ interessant, sondern die Frage, ob ein System ‘im Kern’ gesund ist, ob es innerhalb jener anschlussfähigen Sinnkommunikationen verbleibt, die das System unaufhörlich von neuem erzeugen. Mit einer gewissen Malice lässt sich da sagen, dass das soziale System ‘Massenmedien’ in den letzten Jahren den Fokus auf seinen ureigenen ‘Fetisch’ verloren hat. Es bezieht seine Kommunikation, mit der es sich konstituiert, nicht länger auf die ‘Öffentlichkeit’, die im Zentrum seiner Seinskategorien stehen sollte, es wird zunehmend fremdbestimmt. Der Wesenskern verlagert sich, weil das Medium immer mehr auf das ökonomische und systemfremde Kommunikationsmedium des ‘Marktes’ bezogen wird – und zwar von ’systemblinden’ Eigentümern, die das Gesetz gar nicht kennen, nach dem sie im Bereich der ‘Öffentlichkeit’ angetreten sind.

Folgerichtig – ganz im Sinne Luhmanns, und auch aus der Kybernetik, aus Konstruktivismus und aus der Systemtheorie zu prophezeien – zerbröselt das soziale System ‘Massenmedium’, es gerät in Perturbationen, in Übergangsturbulenzen, es verliert seine soziale Rolle, es ist nicht länger ‘überlebensfähig’, weil die Autopoiese , die ‘Selbsterdichtung’, plötzlich mit ’systemfalschen’ Prämissen operieren soll. Wenn ein solches System irgendwann ganz ‘Wirtschaft’ geworden ist, wird es auch keine ‘Öffentlichkeit’ mehr erzeugen können, sondern zu einem Verkaufsstand mehr auf dem hypertrophen ‘Markt’ geworden sein.

Wann das so weit wäre? Nun, wir erkennen Marktteilnehmer an ihrer Verwendung von Selbstreferentialitäten: Würde – wovor uns Gott bewahre! – ein Massenmedium plötzlich über sich reden, als bestünde seine vornehmliche Aufgabe in ‘Umsatz’, ‘Ertrag’ oder ‘Quote’, statt dass es ihm um ‘Aufklärung’, ‘politische Kontrolle’, ‘Sprache’ und andere genuin mediale Kategorien ginge, dann wüssten wir: Hier hat ein mediales System seine besten Zeiten hinter sich. Es wird demnächst in Schönheit und Sklerose sterben – und taucht vielleicht mit gleichem Markenzeichen als Verkaufsmesse oder als ein bunter Werbeprospekt wieder auf. Glücklicherweise aber sind wir ja von solchen Zuständen weit entfernt. (*Hinweis: aus irgendwelchen Gründen schlug an dieser Stelle mein Ironiedetektor aus*)

Für die Blogger wiederum wäre systemtheoretisch eine andere, sehr viel kleinere ‘Öffentlichkeit’ konstituierend. Für derartige Ein-Personen-Medien – jaja, ich weiß, es gibt da auch einige größere! – ist die Öffentlichkeit viel nachbarschaftlicher gefasst, viel kollegialer, viel mehr ‘community-haft’. Hier darf der Mikromedienarbeiter eben nicht tricksen und betrügen, nicht à la Schirrmacher Kampagnen vom Zaun brechen, nicht falsch Zeugnis ablegen, denn sonst verlässt er den Boden seiner eher kleinräumigen ‘Salonkultur’, wo idealerweise Gespräche auf Augenhöhe und ohne Hintersinn verlaufen. Damit verlöre er dann auch den Bezug zur ‘partizipativen Öffentlichkeit’, auch sein soziales System würde zerfallen.

Viele Missverständnisse zwischen Bloggern und Journalisten rühren in meinen Augen von solchen systemischen Unterschieden her: Makromedien und Mikromedien erfinden sich eine jeweils andere Realität, sie beziehen sich auf eine jeweils anders konstruierte ‘Öffentlichkeit’ – hauen sich aber die gleichen Begriffe um die Ohren …

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6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Mark

    schrieb am 28. Januar 2008 um 17:14 Uhr (#)

    Addiert man dazu noch das, was Luhmann-Epigonen wie beispielsweise Urs Stäheli über das Populäre oder populäre Kommunikationsformen gesagt haben, dann hat man, glaube ich, auch den Grund, warum die Kommunikation zwischen den Systemen nicht klappt. Dafür aber umso mehr ein Spektakel nach dem anderen inszeniert wird – auf beiden Seiten.

    Man kann eben schwer raus aus der Selbstreproduktion ;)

  2. Klaus Jarchow

    schrieb am 28. Januar 2008 um 18:58 Uhr (#)

    Hihi, welches System will das schon wirklich? Und wenn eins doch mal den Schritt ins Systemfremde wagt, klingt es so, wie das Toupet vom Bouffier aussieht …

    Systeme sind im Kern alle ein wenig narzisstisch: Sie können ‘überzeugend’ nur über sich reden. Es klingt für den Beobachter immer schräg, wenn sie in einer fremden Tonart daherträllern. Oder – am konkreten Beispiel: Wirtschaft mit Moral ist wie Sachertorte mit Löwensenf. Da schmeckt der Dümmste die Systemfremdheit heraus. Manche nennen diesen Geschmack auch PR …

    ;-)

  3. Mark

    schrieb am 28. Januar 2008 um 20:52 Uhr (#)

    Eben ;)

    Das mit der Wirtschaft, und das die kein Gut und Böse kennt, schreib ich schon immer. Das wird dann immer von außen herangetragen und ist im besten Fall ein Versuch, die Systemgrenzen, die man vorher verschoben hat, wieder zurückzutreiben.

    Mein neuestes Lieblingswort in diesem Zusammenhang ist ‘Nachhaltigkeit’. Das wirtschaftliche Nachhaltigkeit anders aussieht als ökologische, das bleibt immer im Dunklen. Woran die PR auch nicht unschuldig ist ;)

  4. Klaus Jarchow

    schrieb am 29. Januar 2008 um 10:10 Uhr (#)

    Hier das Credo der ‘wirtschaftlichen Nachhaltigkeit’ (ich hatte doch glatt zunächst ‘Naschhaltigkeit’ getippt):

    Auch unsere Kinder und Kindeskinder müssen noch satte Renditen einfahren dürfen …“. Systemstabilität ist bei solchen Selbstreferentialitäten geradezu unausweichlich. Manche sagen dazu auch ‘Sklerose’, um mal einen anderen dieser Systembegriffe hier einzuführen …

    ;-)

  5. Andreas Mertens

    schrieb am 12. August 2008 um 11:11 Uhr (#)

    Lieber Klaus,

    vielen Dank für den wundervollen Beitrag, insbesondere mit der Brücke von der Selbstreferentialität zur rekursiven Rückoppelungsschleife aus der Kybernetik 1. Ordnung.

    Ich vermute jedoch, dass sich die Bedeutung der Selbstreferentialität bzw. der Rekursivität nur den Menschen offenbart, die in der Lage sind, Dinge des einen Systems in ein anderes System zu übertragen im weitesten Sinn.

    So sieht vielleicht ein Informatiker in der durch eine Mandelbrotmenge erzeugten Fraktale “nur” die Schönheit auf dem Bildschrim? Ein anderer “nur” den Algorithmus, ein weiterer “nur” den kybernetischen Mechanismus dahinter und ein weiterer vielleicht auch die natürlichen Fraktale?

    Möglicherweise ist die Bedeutung und die Tragweite kybernetischer Grundgesetze nur solchen Menschen zugänglich, die aus der Selbstreferentialität des eigenen Systems zumindest vorübergehend ausbrechen können? Ich habe die Antwort noch nicht gefunden? Was denkst Du dazu? Und, wie kann man Menschen dazu verhelfen? Sollte man das überhaupt tun, wenn Sie es nicht aus eigener Kraft wollen? Fragen über Fragen ….

    Mit kybernEthischen Grüßen, Andreas Mertens :-)

  6. Klaus Jarchow

    schrieb am 12. August 2008 um 14:03 Uhr (#)

    Man muss – um Heinz von Foerster ins Spiel zu bringen – ein ‘Beobachter zweiter Ordnung’ werden – sich selbst also beim Beobachten (bzw. Beschreiben) beobachten können. Mit gewissermaßen einem solchen ‘Godlike-Modus’ erkläre ich mir den Ausweg aus der ewigen Rekursivität. Nur dann sieht man, wie man sich dort als Affe im Käfig selbstreferentiell abhampelt …

    ;-)


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