Politikjournalismus à la Bling-Bling
Journalisten beklagen sich darüber, dass Politik nur noch eine Boulevardshow ist. Dabei sind sie selbst dafür verantwortlich.
Seifenoper im ARD-Weltspiegel: Ein Beitrag über den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Man filmt ihn bei SMS-Schreiben bei einem Staatsbesuch (”während andere wichtige Verträge unterschreiben”). Man informiert, dass er Frühlingsurlaub, Sommerurlaub und Winterurlaub macht. Ihm wird unterstellt, die “Hauptsache” seien für ihn “Schlagzeilen, egal welche”. Grosse Gesten und einfache Botschaften werden festgestellt. Eine endlose “Sarko-Show” sei das.
Der Beitrag von vergangenem Sonntag, in dem es fast ausschliesslich um diese Äusserlichkeiten geht, wurde aber von der ARD produziert. Und die ist ja, von den Gebührengeldern mal abgesehen, unabhängig. Und hätte gut auch einen Beitrag machen können, in dem es um Inhalte geht.
Im Text heisst es:
Er will um jeden Preis den Bruch mit den Traditionen seiner Vorgänger.
Eine solche Tradition will, dass der Präsident im Januar den Journalisten seine Neujahrsgrüße ausspricht. Sarkozy will es anders machen: er gibt eine richtige Pressekonferenz mit Fragen und Antworten. Doch hier geht es mitnichten nur um Politik. Es geht vor allem um Gefühle.
Aber hallo? Wem genau geht es um Gefühle? Der Journalistin, die fragt, wann Sarkozy heirate? Oder Sarkozy, der “Madame, Sie und Ihre Kollegen haben ganz schön Vertrauen zu mir, dass Sie mir eine Frage stellen, die Sie nie gewagt hätten, meinen Vorgängern zu stellen” antwortet?
Dann wird der Medienkritiker Daniel Schneidermann befragt:
Bei der Pressekonferenz wurden Fragen gestellt zu den politischen Institutionen, zur Heirat, zur Heirat, zur Heirat, aber keine einzige Frage zu sozialen Themen. Das Wort Kaufkraft ist nur einmal gefallen.
Wie wird im Weltspiegel auf diese Kritik an der eigenen Branche eingegangen? Gar nicht, man nimmt sie nicht auf, sondern leitet sie einfach weiter an Sarkozy (und spinnt das Thema Kaufkraft weiter).
Zwei Beiträge später im Weltspiegel dann ein Bericht über die Vorvorvorvorvorwahlen in den USA. “Wahlpoker in Las Vegas” nennt sich das, auch wenn die politische Entscheidung erst am 04.11.2008 fallen wird, also noch fast ein Jahr ausstehend ist. Informationen zu den inhaltlichen Programmen der Kandidaten erhält der Zuseher fast keine, wie auch beim Bericht über Sarkozy. Es geht fast ausschliesslich um Wirkung, die, ich will das gar nicht abstreiten, ein entscheidender Wahlfaktor ist. Dennoch: Man kann nicht gleichzeitig die Boulevardisierung der Politik anprangern und dann Beiträge machen, die nur von Äusserlichkeiten und nicht von Inhalten handeln. Und das dann auch noch den Politikern in die Schuhe schieben.
Klar, es ist ein Spiel, bei dem sich beide Akteure gegenseitig hochschaukeln. Ein Spiel, hinter dem auf beiden Seiten kommerzielle Interessen liegen. Auf der Strecke bleibt aber der Wähler und der Medienkonsument. Man könnte argumentieren, dass sich der hiesige Medienkonsument doch gar nicht um die konkreten politischen Inhalte in fremden Staaten interessiere. Doch dann müsste das im Inland anders sein. Doch das ist es nicht. Die politischen Akteure hetzen derart ruhelos von Event zu Event, von Medieninformation zu Medieninformation, von symbolischem Akt zu symbolischen Akt durch In- und Ausland, dass man sich zurecht fragt, wann die eigentlich noch zum Arbeiten kommen. Die Antwort liegt auf der Hand: Selten bis nie.
Angela Merkel beispielsweise lässt über ihren Sprecher ausrichten, sie werde ihr Nokia-Handy nicht abgeben, denn “funktionale Überlegungen” überwiegen (anders als Peter Struck und Horst Seehofer, die darin offenbar Moral sehen).
Müssen es tatsächlich solche Themen sein, die unsere Polit-Debatte bestimmen? Also ich kann mich an eine Zeit erinnern, als über konkrete Gesetze (oder die Vorschläge dazu) geschrieben wurde, die Auswirkungen auf unseren Alltag hatten. Als Parlamentsjournalisten wichtige Sätze, die Politiker im oder ausserhalb des Parlaments äusserten, aufschrieben. Heute ist das nur noch teilweise so. Es könnte daran liegen, dass Politiker keine wichtigen Sätze mehr äussern. Vielmehr liegt es aber an den Journalisten. Die sich ja gerne ärgern über die Beliebigkeit in im Web 2.0. Doch vielleicht werden Angebote wie trupoli.com irgendwann mehr Aussagekraft haben als zusammengeschusterte Vorurteile einzelner Schreiberlinge.
Gesetze mit Auswirkungen gibt es jedenfalls weiterhin. Und Bedarf, dass sich jemand damit auseinandersetzt, ebenfalls. Die Journalisten, als Beispiel die Nachrichtenformate des Schweizer Fernsehens, kümmern sich aber lieber um Parkbussen von Ministern oder um die Kleiderwahl von Ministern.
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2 Kommentare zu diesem Artikel
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(28. Januar 2008 16:18) - medienlese.com » Blog Archiv » Politikjournalismus: Wer ist denn hier apolitisch?
(28. April 2008 21:34)
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arbiter
Nun gut, am Ruck für Stecker raus führt letztlich kein Weg vorbei. Dabei hätte niemand nach Frankreich schielen oder gar auf Sarkoszy warten müssen. Unser Schröder wurde Medienkanzler gescholten, obwohl er genau das nicht war, wozu ihn erst Medien gemacht hatten. Kohl lief ständig ins Vorwurfsmesser eines ehemaligen Propagandaoffiziers wg. schlechter Außendarstellung seiner Politik. Zumindest sah FJS das so, obwohl diese Politik nur von Mediendarstellung lebte und gelegentlich überlebte. Scheinheiligkeit und Heiligenschein leben eben vom Schein, auch von solchen, die über den Tisch gehen.
Nick99
Man schaue sich eine Politiksendung im ÖR aus der vor-Kohl Ära an. Das war tatsächlich ganz was anderes.
Es ist wohl für beide bequemer: Der Politiker muss sich nicht Festlegen, und der Journalist nicht wirklich arbeiten. Dumme Konsumenten sind der Wunschtraum.
Das gejammere über die ach so dummen Wähler bzw. Konsumenten dient doch wohl eher zur Distanzierung von dem seblstfabrizierten Trash. “Wir” wissen bescheid..
Das Ergebnis: Geringe Wahlbeteiligung und Zeitungssterben. Da kann man trefflich weiterjammern und noch trashiger agieren.