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Burda Digital-Life-Design 08:
“Und nun die Werbe-Pause”

Von Wolf-Dieter Roth am 21. Januar 2008 um 10:24 Uhr Kommentare (14)
Kategorien: Allgemein, Online, Weblogs

Ursprünglich hieß es “Digital Lifestyle Day”, doch dann wurden es erst zwei und inzwischen sogar drei Tage, auch wenn davon zwei wiederum nur halbe Tage sind. Deshalb wurde die Veranstaltung umbenannt zu “Digital Life Design”. 2008 platzt sie aus allen Nähten.

DLD 08 Schlange W.D.Roth
Wie vor Münchens Nobeldiscos: Teure Autos, Türsteher und eine Warteschlange (Bild: W.D.Roth)

Der DLD war von Anfang an eine Hype-Veranstaltung, auf der sich so manches Interessante fand, insbesondere wenn sich Vortragende öffentlich demaskierten, weil sie dachten, nur unter Gleichgesinnten zu sein.

Ähnlich wie bei der Elefantenrunde der Münchner Medientage finden sich auch immer wieder die gleichen Verdächtigen als Vortragende ein, doch das scheint das Interesse nicht zu schmälern: dieses Jahr sind über 1000 Gäste eingeladen, von denen manche schon vorab lästern, was bei solchen Ankündigungen ja auch wirklich kein Wunder ist.

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Das Mittagessen war diesmal dummerweise von XING gesponsort… (Bild: W.D.Roth)

Noch viel mehr schnauben jedoch vor Wut, weil sie nicht eingeladen wurden. Und dann gibt es noch die, deren Chef ihnen mit der Kündigung droht, falls sie wirklich auf diese entsetzliche Veranstaltung gehen werden, weil es da doch so dolle Sachen zu essen gäbe…

Die Veranstaltung, die immer kurz vor dem Treffen der wichtigen Leute in Davos stattfindet, damit diese sie auf dem Hinweg noch mitnehmen können, unterscheidet sich mittlerweile im Erscheinungsbild nicht mehr so sehr von den Treiben vor und in einer Münchner in Disco: nicht jeder kommt rein, es steht eine lange Schlange vor der Tür und was man in der U-Bahn “total überfüllt” nennen würde, das heißt hier dann “Super Stimmung”.

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Wenn man trotz pünktlichen Erscheinens durch die Einlassprobleme schließlich doch etwas verspätet die Veranstaltung betritt, wird man als erstes in den Keller geschickt, zu den Schmuddelkindern: Oben, im eigentlichen Veranstaltungsraum, ist nämlich schon lange kein Sitz- und mittlerweile auch kein Stehplatz mehr frei.

Unten trifft man dann zwar nicht so viele Leute, die man kennt, doch dafür ist es auch nicht so heiß. Dummerweise werden allerdings nach der boulevardjournalistischen Grundregel “Menschen wollen immer Menschen sehen und keine Technik” zwar jeweils die Vortragenden mit einer Videokamera in den Keller übertragen, doch die auf den Laptops gezeigten Fotos, Webseiten oder Powerpoint-Vorträge, die sehen die Leute im Keller nicht. Aus glaubwürdigen Kreisen wird anschließend jedoch berichtet, dass sie dabei auch nichts versäumt haben.

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Fernsehen im Keller (Bild: W.D.Roth)

Als erstes unterhalten sich old boys, die als smart boys angekündigt wurden, über Zukunftsmärkte. Der Gastgeber Dr. Hubert Burda erzählt, dass seine Kinder, die vor einigen Jahren noch gerne ferngesehen haben, heute noch maximal 10 oder 15 Minuten fernsehen und das Gerät ansonsten nur noch zum DVD anschauen nutzen, während sie stundenlang online sind.

Martin Sorrel sagt, dass die Verbraucher bereits 20% ihrer Freizeit online verbringen. Nächstes Jahr werde Online das Fernsehen im Werbeaufkommen überflügeln und Bagalore sowie Peking in Zukunft als Universitätsstandorte ebenso wichtig wie Harvard und Stanford.

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Buchautor Paulo Coelho Simpsons-Regisseur David Silverman (Bild: W.D.Roth)

Wie allgemein befürchtet, liefert nun die amerikanische Vorzeige-Hausfrau Eva Herman Martha Stewart, die bei uns durch aufgeflogene Aktien-Insidergeschäfte und in der Folge einer Gemeinsamkeit mit Britney Spears und Paris Hilton bekannt wurde (nein, nicht die Haarfarbe!), die bei Martha jedoch nicht zwei Wochen, sondern fünf Monate dauerte, den ersten Höhepunkt: gegenüber ihrem Vortrag ist die Weight Watchers-Schleichwerbung von Andrea Kiewel kalter Kaffee.

Martha Stewart zeigt zuerst mal ihren Elektronik-Reisekoffer vor, aus denen sie unter anderem eine Canon EOS-5, ein Sony Notebook und ein iPhone zieht, für das sie aber vergessen hatte, Roaming freischalten zu lassen und das deshalb leider nicht funktioniert. Alle Geräte sind schön säuberlich in auch werbetechnisch gut als solche erkennbare Ziplock-Tüten gepackt - eine gute Hausfrau hat halt immer das passende Material zur Hand, das auch zum Einfrieren der Geräte ausgezeichnet geeignet ist.

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Martha Stewart präsentiert den Inhalt ihres Elektronik-Reisekoffers, alle Artikel sind online bestellbar auf: … (Bild: W.D.Roth)

Während mein Sitznachbar schon befürchtet, dass als Nächstes einige Elektronikgeräte in Tupperware vorgezeigt werden und dann eine Verkaufsveranstaltung startet, listet Martha Stewart als nächste unentbehrliche Geräte zwei weitere Kameras, ein Blitzgerät, einen Blackberry, einen Kindle und noch ein Telefon auf und beklagt sich darüber, dass all dieser Ladegeräte und Adapter auch noch mitzunehmen sind, nur um dann zu erläutern:

We want to simplify a womans life

während sie das für Männer nicht tun würde.

Ein Geek hat weniger Elektronik auf der Reise dabei als diese amerikanische Vorzeige-Hausfrau, die alle ihre Geräte einzeln vorstellt und erläutert, als ob sie gerade die Vormitagssendung auf QVC bestreiten würde. Oh Schreck, sie bloggt auch, weil ihre Zuschauer so denken, sie sei ihr Freund. Nicht ohne zu betonen, womit sie besonders viele Hits auf ihrem Blog erzielen konnte: 244.000 Pageviews erhielt sie nach dem Tod ihrer Mutter und Tausende Kommentare. Na wenn das kein Erfolg ist! Das hat sich doch gelohnt - außer für Mutti natürlich.

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Youtube-TV-Studio auf dem DLD08 (Bild: W.D.Roth)

Nun fährt sie damit fort, die von ihr verwendeten Microsoft- und Adobe-Programme aufzulisten und von Barcodes zur Verwaltung der umfangreichen Büchersammlung zu schwärmen. Anschließend stellt sie eine High-Tech-Küch vor, in der die Fische in der Küche selbst im Aquarium schwimmen, bis sie gekocht und gegessen werden und der Geschirrschrank mit der Spülmaschine identisch ist: das Geschirr wird einfach dreckig wieder in den Schrank gestellt und dann automatisch gespült. Etwas Verwirrung verursacht allerdings noch der Satz

I’ve been in Bill Gates bedroom and I saw how he’s plugged in!

Danach erzählt Martha Stewart, dass Körbe flechten und Besen binden inzwischen kein Handwerk mehr ist, sondern eine Kunst (spricht sie etwa von ihrer Zeit im Gefängnis?), und dann bekommt der Begriff Werbepause eine ganz neue Bedeutung, weil angesagt wird:

The following break is brought to you by Deutsche Messe

Allerdings hat die Deutsche Messe offensichtlich kein Organisationstalent, die Gäste beklagen sich darüber, dass es absolut nichts zu essen gibt. Die Sprache der gesamten Konferenz ist inzwischen übrigens einheitlich englisch.

Recht interessant ist dann doch der Abschluss des Abends, es geht darum, Universen zu erzeugen, womit gemeint ist, spannende Geschichten zu erzählen. Der brasilianische Autor Paulo Coelho erzählt dabei, dass sich sein Buch in Russland viel besser verkauft hat, nachdem er es kostenlos ins Internet gestellt hat. Der Cartoonzeichner David Silverman berichtet von den Ablauf der Erstellung von Simpsons-Cartoons.

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Carolyn Porco im verdunkelten Vortragssaal (Bild: W.D.Roth)

Carolyn Porco erzählt schließlich wirklich vom Universum, und dies sehr spannend, indem sie Filme von der Erkundung des Saturns, seiner Ringe und einiger seiner Monde zeigt mit Aufnahmen, die auch wissenschaftlich Interessierte so noch nicht gesehen hatten.

Sie ist dabei so begeistert, dass sie den Versuch von Veranstaltungsleiterin Stefanie Czerny, das Ende der Sprechzeit durch lauten Applaus anzudeuten, dezent ignoriert und noch 20 Minuten weiter erzählt - 20 Minuten, die es zugegeben absolut wert sind.

Einen spannenden Roman, der den ersten Flug zum Saturn schildert, könnte Carolyn Porco bestimmt schreiben, erhielt auch gerade den Isaac Asiimov Science Award. Ein Musikvideo mit Beatles-Stücken, das sehr beeindruckend gewesen sein soll, mußte sie allerdings aus Copyright-Gründen wieder offline nehmen.

Und an dieser Stelle versöhnt die Veranstaltung dann doch mit dem störenden Wichtigtuern, weil eben nicht nur Web-0.0-, 1.0-, 2.0-, 3.0- oder 4.0-Figuren oder in Werbung und Selbstvermarktung sowie praktischer Wirtschaftskriminalität erfahrene Hausfrauen eingeladen wurden, sondern auch interessante Wissenschaftler und andere Fachleute.

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Carolyn Porco mit Veranstaltungsleiter Marcel Reichart (Bild: W.D.Roth)


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14 Kommentare

Klaus Jarchow

Für die Teilnahme an solchen Verkaufsveranstaltungen bekommen Rentner bei uns eine 1-kg-Mettwurst und einen Topf Original-Imkerhonig zum Mitnehmen.


ugugu

Meinst Du Bloggerware-Parties?


Florian Steglich

Tyler Brûlé hat seinen Moderatorenjob wirklich mit diesem dekorativen Schal über den Schultern gemacht?


arbiter

Manche Sause -oder muß das jetzt Event heißen?- schlägt halt durch bis in den Keller. Zum Lachen ein für son`ne gewohnter Platz.

Hubert Burdas Kinderstubenfersehen, heißt das etwa, die seinen können Mama, die sie ohnehin nie sehen, schon nicht mehr sehen? Und Martha Stewart, vielleicht ist Eva Herman auch nicht schlechter, Martha also mit Paris- und Britney-Erfahrung, oder wie Korbflechten und Besenbinden jetzt heißt, war natürlich auf der richtigen Veranstaltung, egal, wie der Digital(k) Lyfstyle Day umgetauft ist. Und da gehen Martha und Eva natürlich Hand in Hand “to simplyfy a users/womans brain”. Demnächst teilen sie sich eins.

Hat schon mal jemand mit Mengenlehre oder richtiger Mathematik grafisch und/oder in arabischen Zahlen erfaßt, wieviel Semester Knastologie unsere Bildschirme bevölkern? Kommt echt was zusammen. Lohnt sich. :-)


Klaus Jarchow

@ Ugugu - ‘Kaffeefahrten’ heißt das hier: Der Bus wird rappelvoll mit Pensionären gestopft - und dann werden in irgendeinem Landgasthof die Toiletten abgeschlossen und die zunehmend inkontinenten Senioren solange mit Gesabbel gekeult, bis sie den Vertrag für die Rheumadecke unterschreiben. Frei übertragen geht es hier wohl eher um die ‘Digi-Taler’ von twitternden CEOs im besten Prä-Rentner-Alter …


[…] einigen sehr komischen Showeinlagen wie der Verkaufssendung von Martha Stewart hatte der Burda Digital-Life-Design 08 auch einige künstlerisch höchst wertvolle Momente zu […]


DLD 2008 « NAGGEN.DE

[…] habe ich in der Blogosphäre bisher wenig lesen können. Ein paar Positivbeispiele auf Heise, Medienlese und bei Jens […]


[…] Burda DLD 08 ist nun schon einige Tage hier, der Abschlussbericht fehlte aber noch. Das hatte zweierlei Gründe: […]


[…] reicht keine Plastiktüte für die Gefriertruhe; diese würde nicht nur eine mangelhafte optische Qualität liefern, sondern auch nicht dem […]


[…] noch zuviel Schutz ihrer Hardware auf interkontinentalen Flügen darstellt und die deshalb Zip-Lock-Tiefkühlbeutel bevorzugt. Weiterleiten Drucken yigg it! wong it! del.icio.us Trackback URL FACTS […]


Christian von Kamp

Nicht erst bei Paulo Coelho: Schon seit Jahren findet sich im Internet gute Literatur zum kostenlosen Download. Ich selbst veröffentliche seit 2004 Romane im Web - mit zunehmendem Erfolg. Ähnliches gilt für manche anderen Schriftsteller.


arbiter

@ CHRISTIAN VON KAMP: Schöne Werbung, das. Und so passend zum Blog. Gott sei Dank, daß Paulo Coelho zu Wort kommen durfte. Aber wo sind sie nur alle abgeblieben, die Erfolgsschriftsteller guter Literatur, die im Web veröffentlichen. Und wie kommod sich ein dreihundert Seiten-Opus im Web zügig lesen läßt! Diese `Qualität´ erst ist es, die dem Literaten Coelho Umsatzsteigerung gewährt. Der Appetithappen führt/zwingt einstweilen ob der Technik noch zum Buch.


Christian von Kamp

“Aber wo sind sie nur alle abgeblieben, die Erfolgsschriftsteller guter Literatur, die im Web veröffentlichen.” Danke, daß Sie diese Frage stellen! Zunächst muß ich Ihnen natürlich zustimmen: Autoren, die im Web veröffentlichen, sind eben oft, vielleicht sogar meist, keine “Erfolgsschriftsteller” - insofern jedenfalls, als sie keine Bestseller verkaufen. Und ein Zweites: Sie werden viele Autoren finden, die manche gerne als Hobbyschriftsteller oder junge Autoren bezeichnen, also solche, die entweder keinen hohen Anspruch haben an ihre Werke, oder solche, die erst beginnen und vielleicht auf der Suche nach einem Verlag sind. Somit trifft Ihre in Ihrer Frage enthaltene Aussage in der Mehrzahl der Fälle zu.
Andererseits: Wo finden Sie Perlen auf der Straße? Sie müssen schon suchen. Und wenn Sie ehrlich sind: Wie sieht es denn mit den Produkten aus, die Buchverlage auf den Markt werfen? Ein Großteil davon ist, um es milde zu sagen, nicht ernstzunehmende Literatur, sondern Schrott. Auch hier müssen Sie suchen.
Meine Antwort auf Ihre Frage lautet also (und dies ist gar nicht zynisch oder spöttisch gemeint): Wer suchet, der findet.
Ein Beispiel: Unter http://www.windbeutel.org finden Sie den Download-Roman “Windbeutel” von Christine von Campen (die Namensähnlichkeit ist zufällig): Ein wunderbares Werk voller Humor. Aber nur wenige Besucher stoßen leider auf ihn. Kein “Erfolgsroman” also. Und dennoch gut. Erfolg kann ein Indiz für gute Literatur sein. Muß es aber nicht.


arbiter

@ CHRISTIAN VON KAMP: Auch wenn es in diesem Blog um Hubert Burdas Event geht, Ihre Anmerkungen zum Buchmarkt sind so falsch ja nicht. Gleichzeitig ist es aber doch ein Widerspruch, auf ein `gutes´ Werk hinzuweisen, Erfolg zu reklamieren, auf den nur wenige Besucher stoßen. Erfolg kann also ein Indiz für ein gutes Werk sein. Was ist mit `wenig´ Erfolg? Vom Mißerfolg, der erst zur Webpublikation führt, reden wir da noch gar nicht.


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