Niklaus Meienberg (Teil 3):
“Schwirrigkeiten des Bluck mit der Wirklklichkeit”
Auch über die Schweizer Boulevardzeitung Blick schrieb Niklaus Meienberg. Den Chefredaktor nannte er “Übersack”, geißelte die Beliebigkeit des Blattes - und fand trotzdem noch Positives.
Die 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Blütezeit der Schweizer Boulevardzeitung Blick, riesige Auflage, breite Aufmerksamkeit. Nicht Bluck, wie der Titel glauben macht, das ist eine Erfindung von Meienberg, die zurückgeht auf ein Blick-Werbeplakat mit einem Tippfehler drin: “BLICK hat solchen Erfolg, weil Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizern wissen: Über das, was WIRKLKLICH interessiert, wird man im BLICK am schnellsten und besten informiert.”
Der damalige Chefredaktor Peter Übersax, von Meienberg in der kurzen Geschichte (Reportagen I, Seiten 38 bis 43) meistens “Übersack” genannt, rief Meienberg gleich nach dem Erscheinen des Artikels an und bot ihm eine Kolumne an (so ist es am Schluss vermerkt). Er dürfe über alles schreiben, ausser über Religion und Militär, für Meienberg offenbar keine Option. Er vermerkt ironisch “schöne Offerte!” und mokiert sich, wie sehr Übersax in Harmonie mit seinem Ideal, dem Zynismus, lebe. Sogar der Ausdruck “Glitschiger Ringier-Aal” glitsche ihm mühelos runter.

Niklaus Meienberg 1983 in Zürich (Foto: Keystone)
Vielleicht, weil auch Lob im Artikel drin war. Meienberg schreibt:
Übersax und seine Crew sind die einzigen erfolgreichen Lyriker der deutschen Schweiz (Lyrik-Grafiker oder Grafik-Lyriker). Und kann man sich vorstellen, dass Alfred Döblin, wäre der BLICK damals schon greifbar gewesen, in seinem “Berlin Alexanderplatz” BLICK-Schlagzeilen montiert hätte, um den Eindruck des Überprallen, der Sättigung und der zischenden Modernität zu fabrizieren. Der BLICK ist das konsequenteste Gesamtkunstwerk an unseren Kiosken. Alles ist in eins gekehrt. Die Schranken zwischen Sex und Politik, Panzerbeschaffung und Unterhöschen, Kleinkram und Weltereignis, Wirtschaft und Hormonen werden niedergerissen, geografisch und zeitlich weit entfernte und logisch nicht verknüpfte Ereignisse oder Nicht-Ereignisse mit der schnellen Klaue des BLICK-Redaktors von den Philippinen, aber auch von Affoltern am Albis herbeigefetzt, in die gleiche Spalte geknallt, als Continuum aufbereitet und serviert. Alles ist austauschbar wiederholbar umkehrbar. Alles ist mixbar.
Hans Magnus Enzensberger wird zitiert. Er nennt die BILD-Zeitung “radikal modern” und “das Kunstwerk der Avant-Garde”. Mehr noch:
BILD ist der alltäglich gewordene Bruch mit jeder tradierten Sprache und mit jeder tradierten Form, es ist Collage, Montage, Assemblage, es ist das objet trouvé und die écriture automatique, Bewusstseins- und Bewusstlosigkeitsstrom, Poesie ohne Poesie, es ist die ästhetische Zertrümmerung des Ästhetischen, die Aufhebung der Kunst, die ästhetische Summa unserer Zivilisation.
Worauf auch Meienberg den Blick Avantgarde nennt. “Die seriösen Zeitungsmacher schnöden über ihn - um ihn dann verstohlen zu imitieren”. Einzig der NZZ billigt er zu, “vorläufig noch dem Mahlstrom” zu widerstehen.
Wenn man heute die Medienlandschaft überblickt, dann meint man, in vielen Medien längst dort angekommen zu sein, wo der nochmals zitierte Enzensberger die BILD-Zeitung sieht:
BILD wird gelesen nicht obwohl, sondern weil es von nichts handelt, jeden Inhalt liquidiert, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, alle historischen, moralischen Kriterien zertrümmert, nicht obwohl, sonder weil es droht, quatscht, ängstigt, schweinigelt, hetzt, leeres Stroh drischt, geifert, tröstet, manipuliert, verklärt, lügt, blödelt, vernichtet. Gerade dieser unveränderliche, alltägliche Terror verschafft dem Leser den paradoxen Genuss, den er mit jedem Süchtigen teilt und der sich von der bewusst erlebten Erniedrigung, die mit ihm verbunden ist, gar nicht trennen lässt. Die Tatsache, dass BILD prinzipiell nicht datierbar ist, dass es sich selbst permanent wiederholt, führt nicht zur Langeweile, sondern zur Beruhigung. Bei seinem jahrzehntelangen Frühstück mit BILD wiegt sich der Leser in der Gewissheit, dass alles so weitergeht, das nichts etwas macht oder, was auf dasselbe hinausläuft, dass das Nichts nichts macht.
Wer heute MTV oder Viva guckt, wird von einem kurz geschnittenen, endlosen Strom berieselt, der ebenso austauschbar und banal zwischen Inhalten und Werbung wechselt. In vielen Online-Medien geht es genau gleich zu und her. Zum Beispiel bei blick.ch.
So dick wie BILD treibe es BLICK noch nicht, meint Meienberg abschliessend und zitiert nochmals den damaligen BLICK-Chefredaktor, der, nicht wie viele Journalisten, ehrlich (oder grossspurig) genug ist, seine Macht einzusehen:
Wir hätten die Tamilen schon morgen ausgeschafft, wenn wir das wollten.
So spricht der “Übersack”, der, wie Meienberg kolportiert, von Frauen in Anwesenheit von Männern grundsätzlich nur von “Miezen” geredet habe. Als Gegensatz: Der aktuell grundsätzlich für Blick und SonntagsBlick verantwortliche Marc Walder sagt am Schluss eines Gesprächs mit der Weltwoche-Reporterin Daniela Niederberger (bei der Verabschiedung an seiner Bürotür): “Wie war es für Sie?” (Online leider nur für Abonnenten verfügbar).
Niklaus Meienberg
25 Jahre vor den Medienbloggern gab es Niklaus Meienberg. Neben Reportagen schrieb er auch Texte über das Lesen und Schreiben. In einer kurzen Serie geben wir einen Einblick in seine noch immer sehr aktuellen Gedanken.
» Mehr lesen: Blick (22), niklaus meienberg (4)
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2 Kommentare zu diesem Artikel
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Klaus Jarchow
Das ’schnöden’, als Verb gebraucht, habe ich mir natürlich sofort notiert. Ein Freund von mir schrieb eine Zeitlang immer ‘Würglichkeit’ statt ‘Wirklichkeit’. Das machte einen netten realistisch-depressiven Effekt. Bei Meienbergs bösem ‘Blick’ auf diese zeitungscäsariellen Zyniker wundere ich mich umso mehr, dass ich gleich was auf die Glocke kriege, wenn ich im großen medialen Sautreiben meinen Zeh mal in Ironie stippe. ;-)
Wolf-Dieter Roth
Das wundert mich jetzt allerdings auch, daß Du was auf die Glocke bekommst und nicht auf den vorwitzigen Zeh ;o)