Das grosse Schulterklopfen
Im Springer-Verlag waren sie noch vor kurzem Chefredakteure der Welt und von Bild, Roger Köppel und Kai Diekmann. Während Köppel die Weltwoche gekauft hat, ist Diekmann noch immer Herr über die Inhalte der grössten Boulevardzeitung Deutschlands. Sein Buch “Der grosse Selbstbetrug” war Anlass für ein Gespräch der beiden an der Frankfurter Buchmesse.
Was man der Weltwoche anrechnen muss, ist, dass heute auf Seite 14 im eigenen Blatt dieser Lead steht:
Die Weltwoche ist eine konsequente Blocher-Plattform. Weil bei der Konkurrenz niemand aus dem Mittelmass herausragt, kann Roger Köppel die Themen setzen.
Geschrieben hat den Text mit dem Titel “Monotonie des Chorgesangs” Ex-Sat.1-Boss Roger Schawinski. Er meint auch, auf das Erfolgsrezept dieses Blatts gekommen zu sein:
(…) findet sich in der Weltwoche für jede Mainstream-These eine Gegenthese, die von einem irgendwo aufgestöberten Wissenschaftler vorgetragen wird.
In der Kritik eingebaut ist aber gleichzeitig auch das Lob für Besitzer und Chefredaktor Roger Köppel, den er den “leidenschaftlichsten, unerschrockensten, fleissigsten Journalisten des Landes” nennt, “mit einer fulminanten Schreibe” und einem “beachtlichen, breitgefächerten thematischen Background”. So liest sich der Text des sporadischen Weltwoche-Mitarbeiters schon etwas anders.
Dieser Köppel also redet mit Diekmann. Entstanden ist ein frisches Gespräch («Linke Verständnisfolklore»), dem man sofort abnimmt, dass es genauso geführt wurde.
Eingeführt wird in scherzhaftem Ton. Beide versichern dem Titel in der Verantwortung des jeweilig anderen, es sei dies die wichtigste Publikation Europas. Diekmann entscheidet dann aber doch:
Bild ist die grösste, aber auch die faszinierendste Zeitung des Kontinents. Weil man mit Bild fast alles anstellen kann. Wir können NZZ spielen und einen Text von sechshundert Zeilen drucken, wie zum Tod von Johannes Paul II. Wir können magazinig sein wie die Weltwoche oder illustriertenhaft wie Bunte. Wir können jeden Tag unser Layout ändern, unsere Leser überraschen, wir können dramatisch sein, verspielt, aktionistisch. Bild lässt ungeheuer viel zu. Das ist das Wunderbare an dieser Arbeit.
Äh ja? Begeisterung ist ja was schönes, aber gehen da nicht einem die Pferde durch? Wie wärs mit “Bild - Newspaper of the Universe”? Zum seit Jahren fortgesetzten Auflagenschwund kommt das Gespräch erst in der vorletzten Frage:
Wenn ich Auflage schrubben wollte, müsste ich nur in jede Bild einen Euro hineinkleben. Dann läge unsere Auflage morgen bei 80 Millionen, Tendenz steigend.
Das ist alles etwas unkritisch, aber wer hätte von einer kameradschaftlichen Plauderei zwischen ehemaligen Leadern aus dem gleichen Verlag etwas anderes erwartet? Die Qualität des Gesprächs erschliesst sich auch erst aus der Kaminfeueratmosphäre. Sie bringt den Interviewten nämlich dazu, ein paar direkte Worte an die deutsche Medienszene zu richten.
Kai Diekmann sagt über die deutschen Medien und die RAF:
Wie empfanden Sie die zahlreichen Jubiläumsartikel zur Terrororganisation RAF?
Unerträglich. Eine rücksichtslos gewalttätige, antidemokratische, gedanklich trostlose und in Teilen antisemitische Mördertruppe wird zur intellektuellen und moralischen Herausforderung des Staates hochgejazzt. Gegenüber den Toten, den Hinterbliebenen, all den verkrüppelten oder versehrten Opfern war das in vielen Teilen widerlich.
Und über die deutschen Medien und den Nahostkonflikt:
Die Berichterstattung über den Nahostkonflikt ist fast in allen deutschen Medien skandalös parteiisch im Sinne der linken politischen Korrektheit. Man fordert von den Israelis Entgegenkommen bei gleichzeitiger Achtung der kulturellen Eigenart der Palästinenser, was in diesem Fall wohl das Recht zum terroristischen Überfall meint.
Etwas stutzig werde ich, als das Gespräch auf Thomas Borer kommt, den ehemaligen Schweizer Botschafter in Berlin, der nach einer Boulevard-Story des Schweizer Blicks entlassen wurde (wofür Ringier nach einem aussergerichtlichen Vergleich Schmerzensgeld bezahlen musste):
Die Story über unseren damaligen Botschafter in Deutschland, Thomas Borer, wurde auch Ihnen angeboten. Sie haben abgelehnt. Warum?
Die Geschichte betraf Vorgänge, die ausschliesslich zwischen dem Botschafter und seiner Frau zu diskutieren waren.
Schöne Aussage, aber ist sie auch glaubwürdig? Köppel nimmt es hin. Und fragt dafür kurz darauf:
Wenn Angela Merkel eine lesbische Freundin hätte, käme die Story in Bild?
Nach dem Interview wird in einer kurzen Notiz auf das Buch hingewiesen. Es steht, das Buch heisse “Der Selbstbetrug”. Dabei heisst es “Der grosse Selbstbetrug”.
Update am 22.10.2007, 11:05 Uhr: bildblog.de geht der Antwort von Diekmann auf die Frage von Köppel, warum Bild die Story über die Affäre Borer abgelehnt habe, nach und findet heraus, dass über die Affäre Borer “detailliert und groß berichtet wurde (u.a. am 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8., 11., 12., 13., 14., 15., 17., 25., 28. und 29. April)”.
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