Hans Leyendecker zu Journalismus und Weblogs
Hans Leyendecker, die Lichtfigur des deutschen Recherchierjournalismus, hat sich in einem Audiointerview an der Frankfurter Buchmesse überraschend für Medien-Watchblogs ausgesprochen. Grundsätzlich steht er dem Internet aber kritisch gegenüber. Er nimmt Vorverachtung wahr und “Leute, die zum Teil antidemokratisch sind”.
Über Hans Leyendecker schrieben wir zuletzt, als er, so erzählte es jedenfalls Roger Schawinski, eine Kritik über dessen neues Buch schrieb, ohne es überhaupt gelesen zu haben. Aber das ist ein Detail, an den Verdiensten von Leyendecker gibt es kaum was zu kritteln.
In einem Interview am Rande der Frankfurter Buchmesse redete er fast eine halbe Stunde (Audiodatei bei boersenblatt.net, 26:54 Minuten) mit einem ungenannten Herrn vom Literaturcafé.
Ich habe die mir interessant erscheinenden Teile abgetippt und was mir besonders lesenswert erschien, gefettet geboldet dick gemacht auf auffällige Art verändert:
Hans Leyendecker zur aktuellen Lage des Journalismus:
Ich glaube schon, dass es Blätter gibt, die tatsächlich interessiert sind, den recherchierenden Journalismus zu unterstützen. Das heisst: Leute, die länger an Geschichten sitzen, die sich intensiv damit beschäftigen, am Ende einer Recherche auch sagen: Das ist keine Geschichte (…). Da gibt es schon Blätter, die das machen.
Das Problem der vergangenen Jahre ist mehr, dass wir so einen Mainstream-Journalismus entwickelt haben. Dass alle eigentlich in die selbe Richtung laufen und versuchen, mit irgendwelchen Absonderlichkeiten dann Aufsehen zu erregen und sagen: Ich hab hier was, was der andere nicht hat. Aber es sind oft Dinge, die überhaupt keine Rolle spielen, die nicht bedeutend sind. Die nicht wichtig sind.
Ja, wenn sie dran denken, dass die Feuilletons (das war für mich unvorstellbar), dass die Feuilletons Diskussionen beginnen über Big Brother. So war das in den vergangenen Jahren. Dass sich alle mit Phänomenen beschäftigen, die eigentlich völlig unwichtig sind. (…)
Im Fall Kurnaz gab es eine grosse Meute, die von Anfang an in eine Richtung lief, die von der Politik vorgegeben war. Das heisst: Nimms nicht so wichtig. Überschätz das alles nicht. Wer muss das genau wissen. Und da gab es Leute, die in Verteidigungsgräben gegangen sind - das hab ich nicht für möglich gehalten. Und das geht nur, wenn sich alle irgendwie festhalten an den Händen und sagen: “Wo wir jetzt sind, ist es wichtig”. Das ist Quatsch. Nicht da, wo die Journalisten sind, ist es wichtig, sondern Journalisten müssen Dinge suchen, die gesellschaftlich von Bedeutung sind. Und das ist nicht da, wo sich sich die gesamte Meute aufhält, sondern das kann auch in einem ganz anderen Bereich sein. Und viele Themen sind auch unterbelichtet. Alle Themen, die im sozialen Bereich liegen, sind in Wahrheit in den Blättern nicht vertreten gewesen lange Zeit. (…)
Hans Leyendecker zu Weblogs:
Ich sehe sehr viel vorurteilsbewusste Leute, die im Internet schreiben. Leute, die zum Teil antidemokratisch sind. Was ich verfolge im Internet, ist nicht, dass es eine neue Stimme gibt, die wichtig ist für eine gesellschaftliche Diskussion, sondern es gibt eine unglaubliche Vorverachtung gegenüber jedermann. Ich hab das Gefühl, dass im Internet ganz viele Menschen schreiben, weil sie irgendwas mal rauslassen können, was man sonst nicht mehr am Stammtisch rauslassen kann. Unqualifiziert, zum Teil. Ich hatte gedacht, dass durch das Internet und durch die Blogs auch eine Sicht reinkommt (die gibt’s auch mitunter, das muss man auch sagen … ) Aber der Grossteil der Sachen, die ich lese, ist böse, ist zynisch, ist verachtend, ist gegen jedermann. Und das ist eigentlich nicht die Vorstellung, wie man einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen hat. Nun wird man abwarten müssen, ob es beispielsweise Blogs gibt, die die Situation in der Stadt oder so beschreiben. Dass man das, was die Zeitungen nicht leisten können, was der Rundfunk nicht leisten kann, ob man das da hinbekommt. Das gibt’s in Amerika ja, solche Geschichten, das Menschen sich da auch wiederfinden. Nur ich find, in Deutschland (das was ich jedenfalls sehen kann) ist eine unglaubliche antidemokratische, antiparlamentarische Form, die eigentlich von der Vorverachtung lebt.
Zu Weblogs hat er also die unter Journalisten weitverbreitete Meinung, dass die grundsätzlich nix sind. Gut sind eigentlich nur die aus Amerika (die sind schön weit weg) und die, die man kennt. Zum Beispiel das Bildblog:
Was Niggemeier da gemacht hat mit Bildblog (er ist nicht ganz alleine, sein Name steht aber jetzt dafür - Schultheiss gehört da mit dazu). Das finde ich, ist so verdienstvoll wie kaum etwas. Dass sich jemand mit dieser Intensität mit der Bild-Zeitung jeden Tag beschäftigt. Dass er das, was wir alles hingenommen haben, nicht mehr hinnimmt - das ist sozusagen schon dann auch der Gegenbeweis gegen meine These, das ist wahr. Nur: Bildblog ist nicht die gesamte Bloggerszene und Bildblog meint nicht das gesamte Internet.
Der Befrager stellt fest, dass ja auch Niggemeier ein Journalist ist. Und fragt nach, ob er sich denn sowas wie ein Spiegel-Blog wünschen würde.
Ein Spiegel-Blog gibts. Ein Süddeutsche-Blog wäre wunderbar. Da könnte man die Fehler alle aufzeigen, die so da passieren. Ich glaube schon, dass jeder, der in der Öffentlichkeit ist, sich auch einer Kontrolle zu stellen hat. Und bei der Bild-Zeitung ist natürlich eindrucksvoll, wenn man jeden Tag sieht, was da unterlaufen gemacht, nicht nur unterlaufen gemacht, sondern bewusst gemacht ist - das ist ja eine Kärrnerarbeit, die die da leisten. Und die ist ausgezeichnet worden (ich bin im Netzwerk Recherche, das auch Preise verleiht). Unter anderem haben die einen Preis bekommen (völlig zurecht). Das kann man nicht hoch genug anrechnen und es wäre gut, wenn auch andere Medien so’n Spiegel hätten.
Bild: wikipedia.de
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(16. Oktober 2007 17:35) - PatJe.de » Linktipps 10/17/2007
(17. Oktober 2007 09:15) - Hans Leyendecker: Die große Gier - Finger.Zeig.net
(21. Oktober 2007 00:36) - “Vielleicht fragen sie das nächste mal jemanden, der sich damit auskennt…” » Die Süddeutsche Zeitung steht immer noch auf Kriegsfuß mit dem Web 2.0 | Wissenswerkstatt
(22. Oktober 2007 11:24)
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gis
Mich würde interessieren a) ob und wenn ja,welche Blogs der Herr “Lichtfigur”-Journalist denn schon mal gelesen hat und b) wer dieser “man” sein soll, der angeblich weiss, wie ein “gesellschaftlicher Diskurs zu führen” ist…
Ich habe den Podcast gestern auch gehört und mich damals schon aufgeregt. Also danke für die Kritik.
nils
danke fürs abschreiben, interessante einsichten. nur das wort “kerner”-arbeit hat mich schmunzeln lassen - oder war das absicht?
Ronnie Grob
@Nils: Ich muss zugeben, dass ich das nicht richtig verstanden habe und dann auf gut Glück Kerner-Arbeit hingeschrieben habe. Was hast denn du verstanden?
leonid b.
womöglich das hier?
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4rrnerarbeit
Ronnie Grob
Danke Leonid. Hab ich noch nie gehört oder gelesen, den Begriff. Ich werde es gleich abändern.