Medienminister verteidigt Piero
Unerwartete Unterstützung für Piero Esteriore, der die Nacht im Gefängnis verbracht hat und dem “wegen mutmasslicher Gefährdung von Leben bis zu drei Jahren Knast” drohen.
Der Schweizer Medienminister und Blogger Moritz Leuenberger kann “das Vorgehen von Piero Esteriore verstehen“. Das jedenfalls berichtet 20minuten.ch:
«Ich kann das Vorgehen von Piero Esteriore verstehen», sagte Leuenberger vor seinem Porträt stehend und nahm damit die Geschichte des gefallenen Ex-Musicstars und seiner gestrigen Amokfahrt ins Ringiergebäude auf. Mit diesem Mitgefühl hatte niemand gerechnet. Doch Leuenberger legte vor den verdutzten Anwesenden gleich Kohle nach. Er habe Verständnis für das, was der Italienische Sänger gemacht hat. Aber er, Leuenberger, würde nicht selber ins Gebäude fahren, sondern dies durch seinen Chauffeur machen lassen, der draussen vor dem Walchetor warte. Rumms!

Screenshot 20minuten.ch
Gestern: Piero Esteriore crasht mit einem Mercedes ins Ringier-Haus
Die Reaktion darauf ist gespalten. Wie in den Kommentaren zum 20Minuten-Text nachzulesen ist:
11:52 Uhr:
In der Funktion als Verkehrsminister finde ich die Gutheissung dieser Aktion mehr als fragwürdig. Bei dem was unsere Politiker zur zeit alles rausposaunen kommt mir manchmal auch die Galle hoch. Wie sieht es nun aus wenn ich mit meinem Auto ins Bundeshaus fahre? Nehmen Sie ihren Hut!
11:56 Uhr:
Damit hat Herr Leuenberger bewiesen, dass er empathisch ist und Menschen versteht. Gut so. Klar war Esteriores Aktion nicht die Spitze der Intelligenz, aber ausser Sachschaden ist ja nichts passiert und der kann repariert werden.
Es wird aber auch an der korrekten Weiterverbreitung der Aussagen von Leuenberger gezweifelt:
Ich bezweifle, dass Leuenberger die Sache gut geheissen hat, er hat nur sein Verständnis ausgedrückt, das ist ein Unterschied. Der Blick führt manchmal wirklich brutale Kampagnen, da verstehe ich, dass jemand mal durchdreht (und heisse es auch nicht gut).
Der Blick hat unterdessen seine Story über Esteriore ausgebaut. Und dabei ein Zitat eingebaut, bei dem ich mir nur sehr schwer vorstellen kann, dass es wörtlich so gefallen ist:
Der Mann am Telefon wird laut. Im Hintergrund brüllen Männer. «Wir sind in Zürich», droht die unbekannte Stimme. «Wir werden dich verprügeln und dir Körperteile ausreissen.»
Ist das zu glauben? Jemand, der am Telefon rumbrüllt und dann das Wort “Körperteile” wählt? Wenn die echten Worte schon nicht druckreif sind - muss man deswegen Zitate abdrucken, die vermutlich gar nicht gefallen sind?
Der Präsident des Schweizer Presserats, Peter Studer, findet den Artikel von Cavelty “einfach blöd“.
Die Frage, ob die Aktion ein echter Gefühlsausbruch oder aber eine gezielte PR-Aktion gewesen sei, ist weiterhin ungeklärt. Die Nachrichtenagentur SDA äusserte gestern überraschenderweise den “Verdacht, das Ganze sei eine PR-Aktion, um auf Esteriores neues Album aufmerksam zu machen“.
Die NZZ schrieb:
Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe lagen keine Hinweise vor, dass es sich beim Vorfall um eine Inszenierung gehandelt haben könnte.
Andere Blogger machen sich derweil schon Gedanken, wie sie gleiche Aufmerksamkeit erlangen könnten.
Bei Blick heisst die Schlagzeile übrigens gleich, bis auf die Einschränkung “ein Stück weit“.
Ziemlich genau 24 Stunden nach dem Vorfall ist Piero Esteriore wieder frei, wie Heute schreibt.
Update am 09.10.2007, 18:45 Uhr: Das Departement des Ministers präzisiert die Aussage: Leuenberger habe nur Verständnis für die Wut, nicht aber für die Tat von Esteriore.
» Mehr lesen: Zeitungen (388)
» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen
» Nächster Artikel: Große Aufregung um kleine Änderungen bei der FAZ
» Älterer Artikel: 6 vor 9
» Drucken
» Merken/E-Mail
8 Kommentare zu diesem Artikel
Diesen Artikel kommentieren
Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com
gamgea.com


Artikel per RSS
Martin
Stöckelt die Medienlese nun eigentlich auch auf dem Boulevard mit?
;-)
N.N.
Es ist halt sonst nicht viel los …
Ronnie Grob
@Martin: Ja. Denn Boulevard ist das meistgenutzte Printmedium. Die Frage, wie Stories zustandekommen und welche Auswirkungen diese auf die Leser sowie auf die Objekte der Berichterstattung haben, halte ich für wichtig. Ich sehe zudem diesen Fall nicht nur als eine Boulevard-, sondern auch als eine Mediengeschichte.
Entweder wehrt sich hier einer, weil er den Eindruck hat, er sei von den Medien missbraucht worden / ihm sei publizistisches Unrecht angetan worden / er sei beleidigt worden. Oder aber es ist eine eingefädelte und fingierte Story. Beide Varianten halte ich für sehr diskussionswürdig.
theddy
Ich habe auch fast den Eindruck, dass es da um eine Aktion gehandelt hat (von wem auch immer) - das Thema SVP und Blocher ist doch nun ausgelutscht, jedenfalls bis morgen Samstag - also musste irgendwas für die sauere Gurken Zeit konstruiert werden.
theddy
Also doch alles nur ausgekochter PR-Gag - und dazu verdreht man zusätzlich angebliche Aussagen von BR Leuenberger mit einem grossen Aufheulen (im sog. etalk), dieser müsse gehe, weil er dies sagte - und jetzt ist doch alles “ein wenig” anders. Man muss wohl den Satz “Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast” (der Satz ist nach Longchamp pfui, weil er angeblich von den Nazi stamme) erweitern zu: “Trau keiner Medienmeldung, die du nicht selber verfasst hast”.
Jean-Claude
@Ronnie du hast recht, Boulevard ist längst kein Schimpfwort mehr. Welche Medien machen keinen Boulevard-Journalismus bez. nutzen dessen Instrumente? Dagegen ist nichts zu sagen, falls wirklich noch Journalismus damit verbunden ist.
Wenn ein 30jähriger Bub mit dem Mercedes von Mami täubelend und trötzelnd bei Ringier einfährt, kann man das bestenfalls noch ironisch zur Kenntnis nehmen kann.
Bezeichnend aber ist, was die Ringier-Blätter draus machen: Sie leben tagelang davon und tun dabei ganz ernsthaft. Im heutigen “Sonntagsblick” darf der 30jährige Bub sich zwei Seiten lang über seine Gefägniserlebnisse aussülzen. In der Schweizer Illustrierten bekam er zum 30.Geburtstag eine zwei Zeitungsseiten lange dümmlich anbiedernde Story.
Offensichtlich gibt es ziemlich viele Menschen, die sowas ernst nehmen oder zumindest mögen. Warum sollen sie solche Stories nicht vorgesetzt bekommen, wenn sie auch noch dafür bezahlen?
Allerdings fiel mir in der letzten Wemf-Statistik auf, dass sowohl der Sontagsblick wie die Schweizer Illustrierte überdurchschnittlich Käufer verlieren, die biedere, aber irgendwie weniger dümmlich daherkommende “Schweizer Familie” hingegen deutlich zulegt. Vielleicht ist der Scheitelpunkt der dümmsten Peinlichkeiten doch allmählich erreicht und die Leidensfähigkeit eines masochistischen Publikums langsam erschöpft.
Mit Journalismus jedenfalls hat das Piero-Syndrom nichts mehr zu tun. Das ist Soap, das sind Märlistunden, das ist Inszenierung. Als solche sollte man es hinnehmen.
Journalisten, die sich berufsmässig fast ausschliesslich mit solchen Dingen abgeben, sollte man hingegen nicht als solche bezeichnen. Nur: Bei Ringier ist einer von ihnen eben gerade Zeitungsdirektor geworden, Chef-Soaper sozusagen. Er formuliert die hausinternen Richtlinien , was “Journalismus” ist. Eine Verkindung in diesem Bereich ist unübersehbar.
Ronnie Grob
Es ist, gerade im Online-Bereich, immer schwieriger auszumachen, wer jetzt eigentlich keinen Boulevard macht. Die gesteigerte Medienkompetenz der Leser wird es aber immer schwieriger machen, orchestrierte Kampagnen zu machen, an denen nur wenig dran ist. Mich hat an dieser Geschichte überrascht, dass nur rund die Hälfte der Leser überhaupt echte Gefühle bei Esteriore vermuteten. Und die andere Hälfte der Meinung war, dass es eine von den beteiligten Produkten erstellte Werbeaktion war. Ist so eine Reaktion normal? Wäre das vor zehn Jahren auch so gewesen? Sowas ist auch ein Gradmesser, wie sehr Medien mit Journalismus, der alles andere ist, als einfach wohin zu gehen und aufzunehmen, aufzuschreiben und weiterzugeben, an Glaubwürdigkeit eingebüsst haben.
Hier das grosse “Jetzt rede ich” von Piero Esteriore. Seiner Meinung nach ist also zum Beispiel die SDA “abstossend zynisch”.
Jean-Claude
Nein, eine solche Reaktion ist nicht normal und vor zehn Jahren wäre das Ergebnis nicht so gewesen. Die (Un-)Glaubwürdigkeitsspirale reisst Medien und Journalisten immer stärker nach unten. Wenn sie sich nicht dagegen wehren, sollen sie es halt bleiben lassen.
Was sich sicher geändert hat: Das Publikum nützt parallel mehrere Medien gleichzeitig. Das war vor zehn Jahren so noch nicht der Fall. Die Meinungsdominanz einzelner Medien hat dadurch stark nachgelassen. Das ist die positive Seite.
Allerdings ist der Effekt davon, dass die Leute gar nichts mehr glauben. Und das hat eine politische Dimension: die Sehnsucht nach dem wissenden Führer, der nicht lange fackelt und der sagt, wo’s langgeht (was wir ja gerade auch in der Schweiz erleben, aber auch In Russland, Frankreich, USA usw.).
Unter der Decke komm da eine ganze Menge in Bewegung. Wir gehen spannenden (d.h. spannungsgeladenen) Zeiten entgegen.
Um auf das Piero-Syndrom zurückzukommen: Solche Stories wirken wie Betäubungsmittel, die die Realität verdrängen.