Nutzergenerierte Wahlprognosen
Ende Oktober sind in der Schweiz Parlamentswahlen. Die Nutzer von Börsenspielen auf den Online-Portalen machen dabei sehr gute Prognosen, schreibt die NZZ. Wenigstens ein Leser findet das Blödsinn.
Die Meldung, dass die politischen Pole (SP und SVP) “am Schmelzen” seien, schaffte es heute Nachmittag zum Aufmacher auf NZZ Online und gleich zum meistgelesenen Artikel:
Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass die Wahlbörsen den realen Ergebnissen jeweils sehr nahe kommen und dabei bisweilen auch die Voraussagen von Demoskopen übertreffen. Während bei Umfragen die Befragten nach einem Zufallsprinzip stichprobenartig ausgewählt werden, nehmen an Wahlbörsen in der Regel nur gut informierte Personen teil, was die Treffsicherheit der Handelskurse erhöht.
Mutig ist diese Aussage auch, da es sich nicht um eine Teilnehmerbasis von x tausend Leuten handelt, sondern nur um ein paar hundert (gespielt wird überraschenderweise auf den Seiten der Uni Karlsruhe):
Zurzeit sind in der NZZ-Wahlbörse 683 Personen registriert, 508 von ihnen beteiligen sich aktiv am Handel.
Seit dem Relaunch der NZZ können Leser die Artikel kommentieren. Ruedi Lais hat das gemacht, er schreibt im zweiten zum Artikel erschienenen und sehr lesenswerten Kommentar:
Die GLP tritt nur in ZH und SG zu den Wahlen an. Diese beiden Kantone machen ca. 23% der Schweiz aus. Um einen Wähleranteil in der Schweiz von 6.2% zu erreichen, müsste die GLP in ZH und SG also ca. 27% schaffen.
(…)
Geht man von einem Anteil von 5% in ZH und SG aus (analog den Kantonsratswahlen in ZH vom April), so käme die GLP national auf ca. 1.2%. Verteilt man die Differenz von 5% proportional auf die anderen Parteien, so ergibt sich eine Prognose, die sehr nahe bei GFS liegt.
Damit wäre die Erfahrung bestätigt, dass die Wahlbörsianer sich risikoscheu verhalten und an den verfügbaren Prognose orientieren. Die Wahlbörse eignet sich also nicht als zusätzliche Quelle für gute Prognosen.
Auch beim Sonntagsblick werden Parteien gehandelt (indirekter Link dazu hier - Update um 17:35 Uhr: der Direktlink dazu wurde uns per Mail nachgeliefert: http://sb.republik.de/). Ob es sich dabei auch um “nur gut informierte Personen” handelt, ist schwer zu sagen, aber, und das bestätigt die These der NZZ-Analyse, weichen die dort erzielten Resultate gar nicht stark ab:
Dabei werden nicht mal die gleichen Parteien gemessen. Während bei der NZZ die Grünliberalen auf einen Anfangserfolg von 6,2% kommen, ist diese Partei beim Sonntagsblick nicht separat ausgewiesen. Die Schweizer Demokraten (SD) hingegen sind bei der NZZ unter “Übrige” zusammengepackt.
Kommen wir zum dritten aufgefundenen Wahlbörsenspiel, der SF-Wahlbörse auf der Website des Schweizer Fernsehens:
Auch hier ein ähnliches Bild. Auffallend hier die fast 11% unter “Andere” zusammengefassten Parteien.
Interessant wird es sein, diese Kurse (oder vielmehr die Verhältnisse zwischen den Parteien) mit den Wahlergebnissen zu vergleichen. Zum Vergleich die Zahlen der letzten Umfrage, dem letzten Wahlbarometer des Instituts gfs.bern von Anfang September 2007, zusammengefasst auf swissinfo.org:
20minuten.ch hat kein Börsenspiel im Angebot, dafür eine echte Wahlhilfe online. Wer eine kleine Umfrage mitmacht, kann seine Haltungen zu konkreten Themen mittels einer Wahlmaschine mit den Profilen der Kandidaten oder mit den Listen seines Kantons abgleichen. Wer ausgewiesen 80% Übereinstimmung mit den eigenen Ideen hinkriegt, den kann man sehr wohl wählen. Eine gute Sache also, nur wird überhaupt nicht klar, dass es das System von smartvote.ch ist, das von 20 Minuten neu angestrichen wurde. Doch vielleicht ist diese für den User nicht transparente Aktion ja eine bezahlte Kooperation. Als Gegenbeispiel: Auf der Website des Schweizer Fernsehens ist die Einbindung transparent.
Tagesanzeiger.ch verweist zusammen mit verschiedenen Medienpartnern auf das powerofpolitics.com, “ein kostenloses Multi-Player-Browsergame”.
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3 Kommentare zu diesem Artikel
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mds
Gut geschrieben!
Zwei Anmerkungen: 1. Ruedi Lais ist ein profilierter SP-Politiker im Kanton Zürich und kandidiert in diesem Herbst für den Nationalrat. 2. Prozentzahlen sind eine nette Spielerei, aber letztlich zählen im Parlament die Sitze.
jeannine
Ich bin der Meinung die Politiker brauchen sich nicht zu wundern, wenn es keine zwei stelligenzahlen, zu bewundern gibt. Was die sich so Erlauben, gehen die meisten nicht mehr zum Wählen.
mds
Jeannine, kennst Du den Unterschied zwischen absoluten und relevanten Zahlen? ;)