Reality-Show mit Natascha Kampusch
Die Flucht von Natascha Kampusch vor einem Jahr war für viele ein Wunder: Nach acht Jahren erzählt eine clevere und schlagfertige junge Frau von ihrem Martyrium und will mit ihrer Bekanntheit Entführungsopfern helfen. Das Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Fall, den Medien sensationslüstern ausgeschlachtet haben, hat inzwischen zwar abgenommen. Doch ohne Rücksicht auf Ethik und Moral inszenieren einige Medien weiterhin eine Reality-Show mit Natascha Kampusch in der Hauptrolle.
Von Markus Kirchsteiger
Ein Jahr nach ihrer Flucht tritt Natascha Kampusch erneut an die Öffentlichkeit. In einem Interview (YouTube; oder hier zum Nachlesen) mit dem ORF-Journalisten Christoph Feuerstein erzählt die junge Frau, wie sie ihr neues Leben in Freiheit nach ihrer achtjährigen Gefangenschaft verbracht hat.
Knapp eine Million Zuseher in Österreich, fast zweieinhalb Millionen in Deutschland schauten zu. Auf RTL war das ein Marktanteil von 12,5 Prozent. So sehr die ersten Tage nach ihrer Flucht die Betroffenheit der Menschen geweckt haben - das Thema Natascha Kampusch und wie es aufbereitet wird nervt mittlerweile bereits viele. Dennoch geraten nicht nur Boulevardjournalisten, Zeitungsherausgeber und Buchautoren gerade ein Jahr danach in Versuchung, aus dem Fall Kampusch eine Cashcow zu machen. So veröffentlichte Natascha Kampuschs Mutter, Brigitte Sirny, vor kurzem ein Buch über die vergangenen neun Jahre.
Eine Zeit, die nicht nur geprägt war vom Verschwinden ihrer Tochter, sondern auch von einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem damaligen Mann und Kampuschs Vater, Ludwig Koch. Koch heuerte einen Privatdetektiv an, weil er den Ermittlern nicht traute. Damals verbreitete sich auch die Fama, dass Sirny etwas mit dem Verschwinden ihrer gemeinsamen Tochter zu tun habe. Diese Gerüchte sind bis heute nicht verstummt und waren sogar Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.
Auch der ORF holt nun mit dem Film aus dem Thema heraus, was nur geht: Natascha Kampusch macht ihren Führerschein, fährt mit der Straßenbahn, spaziert an einem Strand bei Barcelona - und dazwischen beantwortet sie Fragen in einem Studio: Wer die Interview-Doku sieht, fühlt sich an Reality-TV erinnert. Privates und öffentliches Interesse vermischen sich gänzlich und der Film wirkt wie eine schlechte Inszenierung. Kameraperspektiven, Bilder und Schnitte erinnern stellenweise an DSDS oder Big Brother.
Doch warum macht Natascha Kampusch den Medienrummel mit? Endlich könnte sie einen Urlaub verbringen, ohne täglich auf der Straße erkannt zu werden. Weshalb nimmt sie also ein Fernseh-Team mit? Eine Erklärung versucht sie im Interview:
Ich möchte ernst genommen werden und dass der Fall auch ernst genommen wird, dass die Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Um den Fall geht es ein Jahr danach weniger als um das Phänomen Natascha Kampusch. Klarstellungen dürften spätestens notwendig geworden sein, nachdem das Gratisblatt heute Fotos von Natascha Kampusch veröffentlicht hatte, die sie angeblich küssend mit einem Anwaltssohn zeigen. Solche Stories liebt der Boulevard, schon bald zeigte nicht nur Bild jene Fotos, sondern auch andere deutsche und österreichischen Medien wie der Stern berichteten über das vermeintliche Techtelmechtel. Einziger Schwachpunkt der Geschichte: Laut Natascha Kampusch ist die vermeintliche Liebesaffäre konstruiert worden, um sie zu erpressen:
Vorher hatte man ja versucht, mich zu erpressen. Ich sollte einer Zeitung ein Interview geben und dafür hätten sie die Fotos verschwinden lassen. Aber ich wollte mich da nicht zu irgendetwas zwingen lassen.
Ob die Reality-Doku die richtige Wahl war, dieses und andere Missverständnisse aufzuklären? Andererseits scheut der Boulevard auch nicht vor ruppigen Methoden zurück - und gibt das indirekt sogar zu. Marga Swoboda von der Krone, Österreichs meistgelesener Zeitung, zitierte in einem Kommentar zum großen Interview vor einem Jahr einen Arzt, der sich besorgt zu Natascha Kampuschs medizinischem Zustand äußerte:
Wer weiß, ob Natascha ein zweites und drittes Gespräch noch durchsteht. Dann haben sie wenigstens Ihre Sache im Kasten.
Krone-Journalistin Swoboda behandelt in ihren Kolumnen gerne menschliche Schicksale und emotionale Themen. Solange es Leser und Aufmerksamkeit bringt, scheinen da auch sensationsgeile Recherchemethoden erlaubt, die das Gegenteil dessen bewirken, was das Opfer eigentlich brauchen würde. Und wer möchte dieses moderne Märchen der Natascha Kampusch, die nach acht Jahren ihrem Peiniger entkommt und als clevere, redegewandte und schlagfertige Frau zurückkommt schon unter Wert verkaufen? So eine Geschichte muss man offenbar ausquetschen wie eine Zitrone und wenn der Saft raus ist, gießt man noch den eigenen (erfundenen) Senf hinzu.
Denn das Wohlergehen von Natascha Kampusch ist diesen Medien ohnehin zweitrangig. Der Grund für das enorme mediale Interesse weltweit ist schnell erkannt. Und dass eine Boulevardjournalistin das so offen zugibt, lässt doch sehr an ihrem oftmals bekundeten Einfühlungsvermögen zweifeln:
“Stell dir vor, sie hätte eine Knollennase und Pockennarben - so was passt nicht ins mediale Beute-Schema nicht einmal mit dieser Geschichte”, sagte einer von den Gorillas zu mir. Er hatte ja so recht.
Tatsächlich sind die Medien an einer negativen Wendung im Leben von Natascha Kampusch genauso interessiert wie an Liebesaffären. An dieser jungen Frau vergehen sich sowohl Boulevard- als auch Qualitäts- und öffentlich-rechtliche Medien. Und das in unserem ureigensten Interesse: Ein Märchen wird Wahrheit und wir sind direkt dabei. Das ist eine Reality-Show mit offenem Ausgang - nur die Betroffene selbst hat das wohl noch nicht bemerkt.
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(31. Dezember 2007 17:26)
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