Zeitungsdämmerung
?Der Unterschied macht den Unterschied’, sagt Gregory Bateson. Eine schlichte kognitive Wahrheit, denn die menschliche Wahrnehmung funktioniert durch Differenzbildung: In einer Menge fällt uns jenes Gesicht auf, das sich durch seine Schönheit oder Hässlichkeit abhebt, in einem Wald bemerken wir nicht die einzelnen Bäume, sondern die Lichtung. Wie aber ist es heute in der Zeitungslandschaft?
Von Klaus Jarchow
Früher kaufte ich fünf, sechs Zeitungen, wenn ich informiert sein wollte. Weil die ideologischen Ansätze alle verschieden waren, weil jede Redaktion ihre Texte selber strickte, weil es noch ein eigenes Korrespondentennetz gab, weil die mediale Welt damals so multiperspektivisch war, wie es heute eigentlich nur noch die Blogosphäre ist. Gegenwärtig sind am Bahnhofskiosk die Titulaturen der Blätter zwar noch verschieden, die Überschriften und Texte aber haben sich immer mehr angeglichen.
Google News, der vielgefürchtete neue Mediendienst, führt für diese These den schönsten Beweis, weil er quasi alle Medienangebote in ihrer Gleichförmigkeit auf einem einzigen Bildschirm sammelt - am schönsten dann, wenn man die Suche ?unter Einbeziehung der übersprungenen Ergebnisse wiederholt‘.
Das Resultat ist das, was ich die ?normierte Öffentlichkeit’ nenne - oder die ‘convenience news’: Am Anfang steht meist eine Agenturmeldung, die dann in endlos-monotoner Reihenfolge von allen Systembeteiligten mit ein wenig Worttauscherei ausgewalzt wird. Hier der Einstieg in den ‘Lead’ einer beliebigen Nachricht von heute:
- “Die IG Metall steht vor einem Führungswechsel” (Süddeutsche)
- “Die IG Metall steht vor einem Richtungswechsel” (Focus Online)
- “Richtungswechsel bei der IG Metall” (taz)
- “Dem Führungswechsel bei der IG Metall steht nichts mehr im Wege” (Stern)
- “Deutschlands größte Gewerkschaft steht vor einem Führungswechsel” (n-tv.de)
- “Deutschlands größte Gewerkschaft steht vor einem Führungswechsel” (Mitteldeutsche Zeitung)
usw. ad libitum
Von Differenzbildung im Sinne Batesons ist bei solchen Klonschäfern nichts mehr zu spüren, allenfalls wird der Wortlaut ein wenig variiert, die Reihenfolge der ?issues’ im Text aber wandelt strikt auf den Spuren der Nachrichtenagentur. Das Notenblatt kommt per Ticker, der Chor sind die deutschsprachigen Redaktionen. Das hängt natürlich auch mit der zunehmenden Ökonomisierung in den Redaktionsstuben zusammen, und mit der typisierten Ausbildung der Journalisten. Jede Nachricht wird über den gleichen Relevanz- und Objektivitätsleisten geschlagen - und nichts wird so sehr gefürchtet wie ein eigener Stil. Allenfalls die BILD schlägt noch manchmal über die Stränge, weil sie für einen schönen Sexualmord die dollste Politstory nach wie vor auf die zweite Seite verbannt. Abseits des Boulevards aber herrscht das Grauen in Grau.
Für mich als Leser entsteht da die Frage, weshalb ich Informationen auf Papier kaufen sollte, wenn ich sowieso nur das erhalte, was ich im Netz schon am Tag zuvor erfuhr. Dank des Web 2.0 ist nichts so von gestern wie die Zeitung von heute. Zumindest dann, wenn sie weiterhin allein auf einen ‘Informationsvorsprung’ und eine ‘Aktualität’ pochen sollte, die sie längst nicht mehr besitzt. Und die Frage, weshalb ich am Ende gar mehrere Printerzeugnisse zur Kenntnis nehmen sollte, die entzieht sich, wo doch alles zu einem ununterscheidbaren Medium zusammenschrumpft, völlig meiner Beantwortungskraft.
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