Nach aufgedeckten PR-Texten:
Agentur ist schuld
Das deutsche Wirtschaftsministerium soll eine Agentur dafür bezahlt haben, positive PR im redaktionellen Teil von Zeitungen unterzubringen. Natürlich wird das abgestritten. Die Verantwortung übernimmt die Agentur.
Das Departement von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (”Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen“), BMWi, steht in der Kritik. Wegen dem Gebaren der Mediaagentur Flaskamp, die beauftragt wurde, etwas Imagekampagne zu machen. Flaskamp erklärt das so :
Kommunikation muss effektiv und effizient sein. Dem stimmt vor allem das Wirtschaftsministerium zu. Und deshalb vertraut uns das BMWi seit Anfang 2007.
Damit sie richtig schön effektiv und effizient ist, wurde offenbar beschlossen, nicht nur in den Anzeigenteil vorzustossen, sondern auch in den redaktionellen Teil. Doof nur, dass es Zeitungen gibt, die da nicht mitmachen. Der Kölner Stadtanzeiger beispielsweise. Der sich entschlossen hat, sich dem von Flaskamp offerierten Beispiel nicht anzuschliessen und stattdessen diesen Untergrabungsversuch auf die Pressefreiheit publik zu machen.
Der taz erklärte Markus Decker vom Kölner Stadt-Anzeiger:
Die Agentur habe genaue Vorschläge zur redaktionellen Aufbereitung unterbreitet (…). Diese Vorschläge seien als “Bedingung” für die Anzeigenschaltung zu begreifen gewesen. Das Angebot habe so ausgesehen: Der Chefredakteur oder der Leiter des Wirtschaftsressorts moderiert die Veranstaltung; die Zeitung berichtet exklusiv vorab und hinterher darüber; man führt eine Telefonaktion mit Experten des Ministeriums durch, die ebenfalls in der Zeitung thematisiert wird. IHK-Sprecher Lunau sagte, dass auch in Berlin nur eine Zeitung als Kooperationspartner die “Dialogtour” begleiten sollte. Die IHK habe die “Finanzierung für “dubios” befunden und “sich geweigert, nur mit einer Zeitung zusammenzuarbeiten”.
Geklappt hat der Versuch offenbar bei der Märkischen Allgemeinen, die in einem Text vom 09.07.2007 und einem Text am 13.07.2007 von dieser Dialogtour berichtet. Vielleicht aber auch nicht, denn die Märkische Allgemeine berichtet selbst etwas empört über den Fall:
Der “Kölner Stadt-Anzeiger” schreibt, die Werbeagentur habe ihm angeboten, dabei mitzumachen. Dabei seien genaue Vorgaben gemacht worden: Moderation der Veranstaltung durch den Chefredakteur oder Leiter des Wirtschaftsressorts, Vor- und Nachberichterstattung über die Veranstaltung, außerdem Besuch eines Ministeriumsvertreters in der Redaktion mit entsprechender Berichterstattung, zusätzlich eine Telefonaktion mit Berichterstattung darüber - alles jeweils nicht in der örtlichen Ausgabe der Zeitung, sondern der regionalen Gesamtausgabe zu veröffentlichen. Abschließend heißt es in dem Angebot der Agentur laut Zeitung: “Anhand des beigefügten Beispiels (siehe “Dialogtour des BMWi”) können Sie die möglichen Gegenfinanzierungen erkennen (Anzeigen).” Solche Veranstaltungen haben unter anderem bereits in Potsdam stattgefunden.
Komischerweise sind die Daten der redaktionellen Beiträge genau übereinstimmend:
Man kann also annehmen, dass die Märkische Allgemeine auf das Spiel eingelassen hat. Und damit wohl auch Geld kassiert hat, von der Agentur. Und die wiederum hat es vom BMWi.
Schuld sein daran will aber niemand so richtig. Jan Flaskamp, ein Mitinhaber der Agentur Flaskamp, übernimmt zwar die Verantwortung und sagt, man habe zwei getrennte PR-Instrumente miteinander verknüpft. Die Mitspieler sollen aber alle nichts davon gewusst haben. Peter Asmussen, Geschäftsführer der Märkischen Allgemeinen gegenüber der taz: “Anzeigen waren in keiner Weise Teil eines Gesamtdeals.” Und Michael Glos: “Von mir ist ein solches Vorgehen nicht gedeckt.”
So geht das offenbar: Machen wir mal, wenn was schiefgeht, ist die Agentur schuld.
Ich kam heute Morgen just aus der Dusche, als ich dazu Schnelldenker, Schnellsprecher und Journalist Friedrich Küppersbusch reden hörte, auf Radio Eins. Weil darin so viel frische Direktheit steckt, habe ich Teile davon kurz abgetippt (Fehlhörungen bitte ich zu entschuldigen):
(…) Um ehrlich zu sein: Ich glaube, dass ein Teil des Business dieser Agenturen, grade, und da ist diese Bude Flaskamp in Berlin, die jetzt für diesen Skandal verantwortlich ist ja auch nicht die Einzige in dieser gesellschaftlichen Kommunikationsbranche, wie sich das dann so nennt. Das ist gerade deren Job, zu sagen: Gib uns die Kohle und frag uns bitte nicht, wie wir es anstellen, dass ihr anschliessend ziemlich gut in der Zeitung wegkommt. Also, das ist so eine Art bewusstes und gewolltes Desinteresse. Das hat auch bei der Kommunikation des grünen Punktes so funktioniert. Deswegen gibt es solche Aktionen wie Lehrstellenoffensiven oder Gründungsoffensiven, wo der Steuerzahler zum einen natürlich Geld dazu bezahlt (das ist der Teil, den wir kennen, damit Politik gemacht wird). Aber von diesem Geld (und das ist der Teil, den wir nicht kennen und über den man sich zurecht ärgern kann), wird etwas abgezweigt, um die Politik, die da gemacht wird, uns zu erklären. Das heisst, wir bezahlen Geld, damit man uns etwas für schön verkauft, was wir anderenfalls vielleicht nicht schön fänden. Das geht nicht.
(…)
Das ist ja ein eigener Wirtschaftsbereich - bis runter zu den Verlagsbeilagen oder Sondersendungen oder Product Placement. Und jetzt muss es der Glos zumindest entscheiden, ob er ungefähr das Niveau von einem Becher Nivea in der Lindenstrasse haben will. Wenn dafür bezahlt werden muss: Einerseits wollen sie in den Anzeigenteil, da dürfen sie hin, da wissen sie, das liest keine Sau mehr, gerade nicht in Zeiten des Zeitungssterbens und des Aboabbestellens, also wollen sie in den redaktionellen Teil. Und (…) das ist der Fehler, den die Agentur gemacht hat, mal deutlich ausgesprochen worden, das wird sonst nur angedeutet, nämlich: Wenn ihr diese Anzeigen wollt (und beim Kölner Stadtanzeiger ging es da immerhin um 30-40′000 Euro), dann muss euer Chefredakteur auf ner lustigen Veranstaltung des “Wirtschaftsmysteriums” moderieren und dann muss diese Dialogtour - das ist das, was sich die Agentur hat einfallen lassen, fett im redaktionellen Teil gefeatured werden, und, und das ist dann endgültig skandalös: Eure Leser dürfen nicht erfahren, dass ihr dafür auf der anderen Hand Anzeigen bekommt. Das ist schlicht kleinkriminell. Da wäre es vielleicht sinnvoller, wenn die Agentur zu Sat.1 geht (da sind grade alle Journalisten gefeuert worden, weil die Investoren mehr Rendite sehen wollen), und sagen würde: Wir haben da noch einen völlig untalentierten Anchor, also: Wenn wir irgendwo einen suchen, der es deutlich schlechter macht als Thomas Kausch (das ist so schwer nicht, weil der Thomas ein Guter war), aber, ja, das läuft dann wie bei Formel 1. Der kann zwar nicht Autofahren, bringt aber noch Geld mit. Da sehe ich für Herrn Glos noch Perspektive.
Besser aber hört man es sich an (Realplayer-Datei .ram, 3:43 Minuten).
Inzwischen wurde die Kampagne vom Wirtschaftsministerium gestoppt. Der Deutsche Journalistenverband DJV fordert eine lückenlose Aufklärung der Sache. Im Pressefreiheitsblog des DJV ist dazu nichts oder noch nichts zu lesen.
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10 Kommentare zu diesem Artikel
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blogwerk.com
Matthias
Vor einigen Monaten habe ich irgendwo gelesen, dass Schweizer Zeitungen unkritisch die Medienmitteilungen der Behörden publizieren. Leider finde ich die Quelle nicht mehr :-(.
Interessant ist aber, dass der Presserat dieses Vorgehen offenbar billigt:
“Journalistinnen und Journalisten dürfen sich grundsätzlich auf die Richtigkeit von Sozialdaten und weiteren Auskünften verlassen, die sie von Behörden erhalten.”
Dementsprechend hätten wohl nach Auffassung des Schweizer Presserats die Deutschen gar nix falsch gemacht :-).
saxou
Mich dünkt, dein zweiter Wohnsitz färbt auf deine Blogeinträge ab…
Aber es heisst ja auch medienlese.com und nicht .ch ;-)…
Jean-Claude
Macht ja nix, wenn von aussen in unsere heile Schweizer Welt Anregungen kommen. Das geschilderte Vorgehen der Agentur ist in der Schweiz Gang und Gäbe - aber natürlich deswegen nicht weniger problematisch. Allerdings machen das hier nicht Behörden sondern Unternehmen und Verbände. Medien werden dann zu sog. “Medienpartnern” von solchen gesponserten Veranstaltungen, die bestimmte Zwecke verfolgen, häufig verbunden mit einer angeblich neutralen Podiumsdikussion, moderiert von einem Chefredaktor. Das fliesst dann auch in den redaktionellen Teil ein. Direkt werden dabei selten Anzeigen als Gegenleistung versprochen. Darüber muss aber gar nicht lange geredet werden. Die Anzeigen kommen dann einfach so, wenn die “Medienpartnerschaft” die Erwartung der Geldgeber erfüllt hat. Ein Schulbeispiel dafür war die Auseinandersetzung um das Bankgeheimnis. Sponsor solcher Veranstaltungen war die Bankiervereinigung.
Matthias
@Jean-Claude: Eine Hand wäscht die andere, so läuft das halt in der Wirtschaft. Und es ist bei den Blogbetrieben nicht anders :-0.
Jean-Claude
@Matthias: Tja, du hast mit deinem Link durchaus Recht. Die Blogwerker müssen schon wissen, wie wichtig ihnen ihre Unabhängigkeit ist …
Peter Hogenkamp
Ähm. Hab ich was verpasst? Ist es jetzt das gleiche, ob jemand ein Stelleninserat verlinkt oder ob ein eine Behörde sich redaktionelle Berichterstattung kauft?
Ich frag mal unsere Journalisten.
Peter Sennhauser
@ Jean-Claude
Ich dachte eigentlich, dass das unsere Position ziemlich genau beschreibt: Wir hätten gern Experten, die just die Abhängigkeiten ans Tageslicht bringen und nicht solche, die noch irgendwo verbandelt sind und uns irgendwelche Positionen unterjubeln wollen.
Ich bin ziemlich sicher, dass auch hier einige Leute mitlesen, die mehr Einblicke haben als wir und nicht wenig Lust haben, sie mit der Leserschaft zu teilen.
Jean-Claude
@ 2 x Peter: Das ist ein Missverständnis. Ich meinte nicht das Inserat. Ich bin dank des Links von Matthias einfach ein wenig durch “neuerdings” und “imgriff” gesurft, und finde, dass da mitunter die Grenzen allzu fliessend sind zwischen Journalismus und , sagen wir mal, Verkaufshilfe. Nun steht eben, wer zugleich einen kritischen Medienblog wie “medienlese” betreibt, unter etwas verschärfter Beobachtung. Damit müsst ihr leben.
Peter Hogenkamp
Kann gut sein, dass sich einige Artikel ein bisschen wie “Verkaufshilfe” lesen. Aber das ist doch auch ein ewiges Dilemma des Journalisten, oder nicht? (Ich bin ja keiner.) Wenn er ehrlich begeistert ist, darf er es dann sagen? Oder muss er immer auch was Kritisches schreiben, um unverdächtig zu bleiben. Und wie wirkt das auf verschiedene Zielgruppen? Ich habe mal eine sehr unverblümte Sympathiekundgebung für sakku gemacht, und alle Blogleser fanden es völlig in Ordnung - nur die SonntagsZeitung hat das als Aufhänger genommen zu sagen, dass Hogenkamp Redaktionelles und Werbung mischt. Seitdem muss ich sonntagsmorgens im Bett gelegentlich ein wenig schmunzeln… :-)
Was die Blogwerk-Artikel angeht, kenne ich natürlich die Hintergründe und weiss, dass es bezahlte Verkaufshilfe nirgends gab. Würde mich aber mal interessieren, an welchen Du dich gestossen hast. Wir lernen jeden Tag gern dazu.
Ein Grenzbereich sind sicherlich Sponsoring-Aktionen. Wer uns ein Gerät schenkt (ein Lieferant/Importeur/Händler, nicht der Hersteller), hat auch verdient, dass man seinen Namen nennt. Dazu stehe ich.
Aber ich merke schon, dass wir das, was wir an “publizistischen Standards” seit nunmehr einem Jahr sehr konsequent praktizieren (mit Pit Sennhauser als unerbittlichem Wachhund), nun wirklich auch mal an einem anderen Ort niederlegen sollten als in einem Kommentar.
Jean-Claude
@Peter, nur, dass man mal darüber spricht ….Ich wollte ja nicht päpstlicher als der Papst sein, aber vielleicht ist es eine gute Idee, im betreffenden Blog die Kriterïen einfach offen niederzulegen, unter welchen Voraussetzung die erwähnten Texte zustande kommen. Kann man ja auch den Print-Medien empfehlen. Das hilft, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, ein wenig bei der Selbstdisziplin. Es fällt niemandem ein Stein aus der Krone und die User/Leser werden’s zu schätzen wissen.