medienlese - der Wochenrückblick

Ronnie Grob, 29. Juli 2007 19:06 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Der Niedergang vieler Publikationen des Ringier-Verlags auf dem Schweizer Markt war Thema in der NZZ (online) und in der Weltwoche (nur für Abonnenten online). Als Beispiel dafür gilt der seit Wochen und Monaten sowohl gedruckt als auch online ohne Chefredaktor dahinsegelnde Blick, eine vom Einnahmen-Star zum Sorgenkind gewandelte Boulevardzeitung mit dahinsterbenden oder aus der werberelevanten Zielgruppe herausfallenden Lesern (mehr hier). Eine Teilschuld daran wurde von beiden Blättern der Stelle der publizistischen Beratung ohne Verantwortung in der Person von Frank A. Meyer gegeben. Die Weltwoche schrieb: “Meyer amtet quasi als Minister ohne Portefeuille – und ohne Verantwortung. Seine Macht ist informell: Keiner hat besseren Zugang zu Michael Ringier. Und darum kann FAM, so sein Branchenkürzel, faktisch über Anstellungen oder Entlassungen von Chefredaktoren entscheiden – und sogar von Leuten, die ihm formell übergeordnet sind.” Ringier-intern erwarte man “schon übernächstes Jahr rote Zahlen für den Blick”. FAM wurde derweil von der Welt beobachtet, wie er Daniel Cohn-Bendit am Ende eines einstündigen Interviews “fast auf dem Schoß saß”, denn Meyer habe die Angewohnheit, nach jeder Frage, die er stelle, “dem Gesprächspartner ein kleines bisschen mehr auf die Pelle” zu rücken. Während des Gesprächs soll FAM DCB einen “hübschen Knaben” genannt haben. Ségolène Royal soll er als “Frau, mit der man vielleicht sogar etwas haben möchte” bezeichnet haben. Auch der Sonntags-Blick hatte Probleme. Züricher Obergericht SonntagsblickEine Zürcher Zeitung, die in einem Bericht von einem “Züricher Obergericht” schreibt, tut vielleicht ganz gut daran, die Artikel nicht mehr selbst zu schreiben, sondern diese Arbeit Prominenten zu übertragen.

“Das Medienkomitee der Taliban beobachtet europäische Diskussionen, um dann darauf Einfluss zu nehmen” erzählte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger, der ARD-Tagesschau: “Man muss sich vorstellen, da sitzt ein Mann mit Bart und Mobiltelefon im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und schafft es mit wenigen Anrufen am Samstagvormittag ganz Deutschland in Aufregung zu versetzen. Das darf nicht sein. Das kann nicht sein”. Ob das einen Zusammenhang hat mit diesem hier schön dokumentierten Debakel der Nachrichtenagenturen?

Die Wikipedia enthüllte Fehler in der Encyclopaedia Britannica und 50 Cent forderte eine Million Dollar Schadenersatz, weil er sich missbräuchlich für Werbung verwendet sah. Die Titanic präsentierte die Forbes-Liste der sechs ärmsten Menschen der Welt sowie Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: Auf einen Joint mit Mark-Stefan Tietze. Der Schweizer Landessender Beromünster stand kurz vor seiner Stillegung und Journalistinnen des Tagesspiegels (Stefanie Flamm und Verena Mayer) fragten die Romanautorin Zadie Smith, warum sie ihre Charaktere schwarz sei seien. Frau Smith antwortete: “Was ist denn das für eine Frage? Warum bin ich schwarz? Warum sind Sie weiß?

(Bild: Screenshot blick.ch)

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. DB

    schrieb am 29. Juli 2007 um 23:12 Uhr (#)

    Im Tagesspiegel wird Zadie Smith nicht gefragt, warum sie schwarz sei, sondern warum ihre Figuren schwarz seien…

    “Warum sind sie schwarz”

  2. Ronnie Grob

    schrieb am 29. Juli 2007 um 23:39 Uhr (#)

    @DB: Danke für den Einwand. Ich habe es geändert.

  3. Jean-Claude

    schrieb am 30. Juli 2007 um 19:44 Uhr (#)

    Den Niedergang der Ringier-Blätter in der Schweiz auf FAM zu reduzieren, wäre zu simpel. Sein Einfluss auf den Verleger ist sicher enorm und auch nicht völlig rational erklärbar. FAM ist immerhin einer der wenigen Journalisten bei Ringier, die noch etwas zu sagen haben. Der Kern liegt aber tiefer. Ringier ist von seinem Herkommen her ein Heftli-Verlag. Zwischendurch gab es ein paar Jahre des Aufbäumens: Man wollte endlich ernst genommen werden. Mit Cash gelang das teilweise. Auch Blick und Sonntagsblick hatten Phasen, in denen man sie ernst nehmen musste. Das ist vorbei. Ein bekannter Werber sagte kürzlich, dem Schweizer Werbemarkt fehlte gar nichts fehlen, würde morgen der Blick nicht mehr erscheine. Ein Vorweggenommenes Todesurteil. Ringier ist wieder dort gelandet, wo alles anfing: auf dem Niveau des Heftli-Verlags, der publizistisch kaum eine Rolle spielt. Letzthin wurde der Chef von Ringier Schweiz gefeuert. Sein Nachfolger - ein Westschweizer Journalist, der gezwungenermassen für ein Jahr als Nothelfer einsprang - sagte in einem Interview, in den letzten sechs Monaten habe man in der Geschäftsleitung kaum je über Inhalte gesprochen. Man hält das für einen Witz. Dabei lebt ein Verlag ja vom Produziere und vom Verkaufen von Inhalten. Ob diese nun online, via Print oder TV verbreitet werden ist gar nicht so wichtig. Das ist nur der Transportweg. Grossvater Ringier, ein gestandener Drucker, wurde seinerzeit wider Willen Verleger. Er musste seine Rotationsmaschinen füttern. Allein deswegen hat er eine ganze Reihe von Massenblättern gegründet. Was er druckte, war ihm ziemlich schnuppe. Auf diesem Punkt ist Ringier heute wieder angekommen. Nur dass es den Druckereien schlechter geht als zu Opa Ringiers Zeiten. Eigentlich ein Trauerspiel. Dass es im Ausland besser läuft, hat auch damit zu tun, dass in der Schweiz kaum ein Journalist rumänisch, ungarisch oder serbokroatisch kann. Denn könnte mehr Leute hier lesen, was Ringier so alles im Ausland produziert, man würde sich nicht wundern, warum bei Ringier Schweiz die Luft weg ist.

  4. Ronnie Grob

    schrieb am 30. Juli 2007 um 20:01 Uhr (#)

    @Jean-Claude: Dann stimmt es also, dass Ringier im Ausland vor allem mit jener Art Boulevardjournalismus erfolgreich ist, den man sich in der Schweiz nicht erlaubt? Bzw. den die Schweiz angeblich nicht will?

  5. Jean-Claude

    schrieb am 1. August 2007 um 19:08 Uhr (#)

    Ronnie, die Palette von Ringier Osteuropa ist auf jeden Fall sehr, sehr durchwachsen. Auf dem Boulevard in Ungarn und Rumänien ist Ringier Nummer 1 (z.b “Mai Blikk”) Dort heisst Boulevard noch echt Haudrauf-Boulevard, wie er hier nicht mehr akzeptiert würde. Daneben hält Ringier Ungarn aber auch die Mehrheit an “Nepszabadsag”, eine wirklich gut gemachte Tageszeitung. Allerdings hat Ringier diese von Gruner&Jahr gekauft. Ringier hat dort bisher noch keinerlei Spuren hinterlassen. Man wüsste auch nicht, womit. Es gibt bei Ringier in Zürich kein Knowhow zum Führen einer Qualitäts-Tageszeitung. Auch kein entprechendes Interesse. Das ist einfach nicht deren Welt.


1 Trackback

  1. roperter » Der "objektive" Krieg
    (6. August 2007 20:05)

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