Monika Piel:”Paukenschlag umsonst gesetzt”

Ronnie Grob, 20. Juli 2007 19:18 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Die ARD merkt, dass die Tour de France auch nach ihrer medienwirksamen moralischen Handlung weitergeht. Die zukünftige Haltung der Öffentlich-Rechtlichen wird zu reden geben.

“In Wahrheit gibt es nur Verlierer” und “die vermasselte Tour”. So wurde die Realität gestern Abend in den Tagesthemen, der Abendinformationssendung der ARD (Video, 29:16 Minuten), beschrieben. Man beklagte sich auch, dass andere deutsche Medien, private, nicht die eigenen Moralvorstellungen teilen. Der Sprecher sagte:

Die Tour, sie geht weiter, auch nach dem Ausstieg von ARD und ZDF. Dass die Bekämpfung von Doping ein mühsames Geschäft ist, wurde heute nur allzu deutlich. Nicht einmal die Medien ziehen an einem Strang.

Ob es “in Wahrheit” nur Verlierer gibt, ist zweifelhaft. Hätten die Tagesthemen mal Eurosport gefragt (die ihre Quoten verdreifachen konnten) oder Sat.1 (die durch eine spontane Aktion den Weg aus einer anderen Debatte fanden).

Eine “vermasselte Tour”? Ich glaube, da nehmen sich einige Leute etwas zu wichtig. Die Tour de France wird in immerhin 185 Länder übertragen (welt.de) und wenn zwei deutsche Sender ihre Infrastruktur zusammenpacken und damit nach Hause fahren, dann ist, wie ein Eurosport-Moderator heute behauptete, zwar rund ein Drittel der Medienfläche frei, die Tour de France aber noch nicht vorbei.

WDR-Intendantin Monika Piel sagte im Beitrag:

Monika Piel 2

Wenn ich sehe, dass seit heute Nachmittag Sat.1 eingesprungen ist und die übertragen jetzt die Tour de France, dann befürchte ich, dass wir diesen Paukenschlag umsonst gesetzt haben, weil daraus jetzt die Athleten lernen (oder: es sind ja nicht nur die Athlethen, auch die Veranstalter): ‘Na ja, was solls, wir können doch so weitermachen wie bisher…’

Und Bernd Neumann, CDU:

Bernd Neumann

Bei dieser Entscheidung wurde deutlich, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk eben mehr ist, als nur Geld zu verdienen und Zuschauer zu erreichen. Die Entscheidung der Privaten kann ich nicht nachvollziehen – deswegen bedaure ich sie auch.

Wer keine Gebührengelder kriegt, wird diese Entscheidung sicher nachvollziehen können. Zudem ist es eine seltsame Schlussfolgerung, etwas zu bedauern, nur weil man es nicht schnallt.

Der Ausstieg der Öffentlich-Rechtlichen hat die Tourberichterstattung nicht teurer gemacht, als sie ohnehin gewesen wäre. Man hat damit aber viele Zuschauer verärgert. Ein geordneter Rückzug wäre die bessere Option gewesen und hätte weniger gekostet. Die nächste Antrag für eine Gebührenerhöhung dürfte zu reden geben und die Konsequenz der Öffentlich-Rechtlichen auch. Warten wir ab, welcher von ihnen in die heimischen Wohnzimmer übertragene Sportler als nächster in Dopingverdacht gerät. Und welche Sportart somit als nächste nicht mehr gesendet werden darf. Wird es Schwimmen, Boxen oder gar Fussball sein? Was ist mit Rockbands? Was mit medikamentensüchtigen Moderatoren oder Drogen zugeneigten Talkgästen?

(Bilder: Screenshots ard.de)

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sachar

    schrieb am 21. Juli 2007 um 11:32 Uhr (#)

    Es geht doch gar nicht darum, ob die Ausstrahlung gebührenfinanziert ist. Die Tour ist eine Farce, und wieso soll man ein angebliches “Großereignis” übertragen, das keinen Wert hat? Ich finde die Entscheidung von ARD / ZDF konsequent und richtig.

  2. Ronnie Grob

    schrieb am 21. Juli 2007 um 11:46 Uhr (#)

    @Sachar: Wenn man alles, was Zuseher als Farce empfinden, nicht mehr übertragen würde – gäbe es dann noch Sendungen?

  3. Sachar

    schrieb am 21. Juli 2007 um 15:02 Uhr (#)

    Ronnie, diese Frage ist überhaupt nicht abwegig und solltest Du nicht mir sondern den Programmverantwortlichen stellen.

    Trotzdem bleibe ich bei meinem Standpunkt: Wenn etwas nicht sauber ist, dann möchte ich auch nicht, dass es als Sport verkauft wird. Wenn morgen ein Fußball-Spiel übertragen werden würde zwischen der ersten und der zweiten Mannschaft der Bayern, so dass das Resultat eigentlich klar ist, wer würde es dann noch anschauen?

  4. bugsierer

    schrieb am 21. Juli 2007 um 18:25 Uhr (#)

    Was ist mit Rockbands? Was mit medikamentensüchtigen Moderatoren oder Drogen zugeneigten Talkgästen?

    das ist genau die frage, sie zeigt die doppelmoral auf: in der kunst, der politik oder der wirtschaft interessiert es keinen schwanz, ob gedopt (oder gar operiert) wird. und es wird! auch an orten, an denen man es nicht vermuten würde. z.b. in der klassik-szene, der aus zuverlässigen quellen nachgesagt wird, dass sie ohne betablocker nicht mehr funktionieren würde. oder in der finanzindustrie, die heute schon in jedem käseblatt mit koks in verbindung gebracht wird.

    interessant am velo-doping-gschtürm ist vor allem, dass es die sichtbare spitze dieses doppelmoraligen eisbergs sichtbar macht. der rest ist showbusiness in einem entfesselten medienmarkt. ob diese internationale medienmaschine doping- und drogenfreie protagonisten auf die dauer verkraftet, darf bezweifelt werden. ob das ziel einer drogen- und dopingfreien gesellschaft erstens machbar und zweitens erstrebenswert ist, ist eine weitere spannende und alte debatte. schon in der bibel steht doch was von wasser predigen und wein trinken.

    darauf genehmige ich mir ein glas edelzwicker.


1 Trackback

  1. Drei Kurze (5)-medienblogger
    (20. Juli 2007 22:19)

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