Was in den Beizen abgeht.

Peter Hogenkamp, 27. Juni 2007 00:09 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

schaper
Foto: Schweizer Fernsehen

Die Debatte um den designierten Kulturchef des Schweizer Fernsehens, den Deutschen Rainer M. Schaper, treibt etwas seltsame Blüten.

Letzten Donnerstag, da war seine Ernennung noch nicht mal offiziell, hatte schon die Weltwoche gefunden (”Ein Deutscher wird neuer SF-Kulturchef”, nur für Abonnenten), dass das zwar vermutlich ein Fehler sei, aber man argumentierte ungewohnt ausgewogen.

Auf der Positivseite schlug zu Buche:

Ein Leichtgewicht ist dieser Mann keineswegs, sondern ein ausgewiesener Kulturjournalist und vor allem ein Afond-Kenner des Mediums. (…) Schaper prägt immerhin seit mehr als einer Dekade die gescheite «Kulturzeit» mit. Ein, so das Lob der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, «Phänomen des sonst eher tristen deutschen Fernsehvorabends».

Auf der Negativseite dagegen:

Während bei SF viele Leute ihre Direktorin per du anreden und das herrscht, was man «partizipativen Stil» nennt, setzt Schaper eher auf Abgrenzung und Hierarchie, was irritieren kann. Er sei, so ein früherer Mitarbeiter, «ein Mann, der einen auch nach sechs, sieben Jahren in derselben Anstalt siezt».

Oha. Ein deutscher Siezer im Schweizer Duzikuchen, das wird hart. Wobei es etwas anderes ist, ob man sich in Deutschland siezt (wo etwa Vorstandsteams grosser Unternehmer oft jahrelang per Sie miteinander verkehren) oder das hier in der Schweiz durchzieht - vielleicht klärt ihn Ingrid Deltenre ja einfach vorher über die Usanzen auf.

Ich weiss noch genau, wie verdattert ich geschaut habe, als ein Kunde 1996 beim ersten gemeinsamen Mittagessen zuerst einen halben Roten bestellte und meinem Freund Tim und mir dann das “Du” anbot - aber ich habe mich wieder gefangen, und es gibt insgesamt Dinge, die schwieriger zu lernen sind.

Apropos Lernen. Am Sonntag folgte die nächste Etappe. Die Sonntagszeitung hatte ein Interview mit Schaper im Blatt (Auszug online beim Tagesanzeiger), in dem diese Passage stand:

Nachholbedarf bekundete der 53-jährige Deutsche hingegen in Sachen Mundartrock. Polo Hofer kenne er nicht, sagte Schaper. Von Baschi kennt er nur den Namen, «mehr nicht».

Da musste natürlich “20 Minuten” gleich rumfragen, wie denn die Leute das nun wieder finden. Und wen fragen sie als erstes? Natürlich: Polo Hofer. Das nenne ich journalistisches Gespür.

Und schon hatte man heute eine schöne Story namens “Heftige Kritik an SF-Kulturchef” im Blatt. Auszug:

«Das lässt einen das Schlimmste befürchten», sagt Polo Hofer. «Nach dem, was ich bis jetzt von Schaper gehört habe, ist er ein Schöngeist», nervt sich der Musiker.

Und dann mein Lieblingssatz, leider nur indirekt zitiert:

Schaper wisse doch gar nicht, was in den Beizen abgehe.

Das ist allerdings ein echter Skandal, man weiss gar nicht, was übler ist: ein Schöngeist oder ein vom Beizenspirit unbeleckter.

Andererseits, ob es besser gewesen wäre, wenn Schaper gesagt hätte: “Kant kenne ich nicht, und von Mozart kenne ich nur den Namen”? Ist es schwieriger, sich von Philosophie und Klassik aus etwas in die Beizenszene einzuarbeiten oder umgekehrt? Ich kann es nicht sagen, denn ich weiss ehrlich gesagt über beide Bereiche wenig, was abgeht.

Aber noch was anderes: Auf der SF-Website gibt es eine vorbildliche Seite mit Informationen über die Abteilung «Kultur», im Moment noch mit dem Noch-Amtsinhaber Adrian Marthaler.

Schauen wir mal stichwortartig, was alles zu den Aufgaben des Kulturchefs gehört:

  • Sendungen zu religiösen Themen
  • Fernsehfilme und Kino-Koproduktionen
  • Soap und Sitcom
  • Kulturspezifische Informationssendungen
  • «bildende Inhalte» wie «Sternstunden Philosophie», «Sternstunde Kunst» und «Klanghotel»
  • Religiöse Themen wie «Sternstunde Religion», «Wort zum Sonntag», «Bilder zum Feiertag»
  • Wöchentliche Aktualitäts- und Hintergrundmagazine sowie Gesprächssendungen
  • Sondersendungen, Events
  • Musikformate (Jazz, Klassik)
  • Theateraufzeichnungen

Von Beizen lese ich da nichts. Die Schweizer Castingshow “MusicStar” ist nicht bei der Kultur angesiedelt, sondern in der Abteilung Unterhaltung (Abteilungsleiterin: Gabriela Amgarten), wie auch die Reality Soap “Baschi National” sowie generell: “Musikformate (Rock, Pop, Country, Volksmusik)”.

Tja, liebe Freunde in den Beizen und bei “20 Minuten” (und Nachplauderer): Zwar betont Schaper in dem Interview auch, er habe ja bis zu seinem Dienstantritt im Januar noch ein halbes Jahr Zeit (zum Beispiel, um sich durch die Discographie von Polo Hofer zu arbeiten - ich würde allerdings gern mal eine Beizenumfrage machen, wie viele der dort Herumhockenden neben “Alperose” ein weiteres Lied von Polo Hofer grölen anstimmen können -, oder um sich einige der spannungsgeladenen Episoden rund um Raser-Baschi auf DVD anzugucken) - aber er muss es gar nicht.

Die Beizer sind bestens versorgt bei Gaby Amgarten aus Obwalden. Prost!

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. guzzi

    schrieb am 27. Juni 2007 um 12:34 Uhr (#)

    Findet nicht im Klaghotel und auf dem Kulturplatz regelmässig Pop statt?


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