Hat “der Markt” entschieden?
Nach der Schliessung von Facts gibt es in der Schweiz noch nicht einmal mehr ein Produkt mit dem Potential, den Bedarf nach qualitativ hochwertigem Hintergrund-Journalismus zu decken. Vielleicht ist der Markt dafür wirklich zu klein. Dagegen spricht die offensichtliche Lust der Deutschen Verleger, sich den reich garnierten Inseratekuchen einzuverleiben.

Im Augenblick ist der grosse Gewinner in der helvetischen Medienlandschaft der Ex-Tamedia-Journalist Roger Köppel mit der auf strengen Rechtskurs getrimmten “Weltwoche” - und das, nachdem den Facts-Mitarbeitern jahrelang gesagt worden war, dass sich alles ändern werde, wenn nur eines der Wochenblätter den Kampf um die Leser aufgebe - was mit Ringiers Entscheid zur Schliessung von Cash vor rund drei Wochen passiert ist.
Das ist doppelt ironisch, indem ausgerechnet Köppels Blatt, das ständig den freien Markt predigt, von den “wirtschaftlichen Zwängen” Ringiers oder dem “Shareholder-Value” einer Tamedia weitgehend befreit ist - stehen hinter ihm doch Financiers, denen mehr an einem politischen Sprachrohr als an einem blühenden Verlagshaus liegt.
Insofern lässt sich wenigstens behaupten, dass die Weltwoche - offensichtlich im Gegensatz zu “Cash” und “Facts” - von einer publizistischen Grundhaltung getragen wird. Ob einem die Ausrichtung passt oder nicht, ist eine andere Frage.
Nicht, dass die Schliessung von “Facts” auch nur einen Mitarbeiter überrascht hätte: Es war ein offenes Geheimnis, dass der bereits im August 2005 als Nachfolger von Tamedia-VR-Präsident Hans-Heinrich Coninx angekündigte Pietro Supino dem Nachrichtenmagazin den Stecker ziehen wollte, während Coninx noch eine Art verlegerischer Bindung zu dem glücklosen Hochglanzprodukt hatte.
Im Mai dieses Jahres fand der Wechsel statt, und statt die Lücke von “Cash” zu füllen und die Aufmerksamkeit der Spiegel-Testausgabe für eine Offensive, nutzte Tamedia lieber den Windschatten von Ringiers CASH-Schliessung, um das Nachrichtenmagazin auch gleich zu beerdigen.
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Einige Gründe dafür dürften auch in den Herausforerungen liegen, welche mit der Übernahme der Espace-Gruppe auf die Tamedia zukommen. Die “Fusion” mit dem Verlag der “Berner Zeitung” hatte die Welle im Schweizer Medienmarkt so richtig ins Rollen gebracht, aber der Zusammengang bringt einige wirtschaftliche Klumpen mit sich.
Da ist zum Beispiel der Berner “Bund”, eine der hochwertigsten kleinen Tageszeitungen der Schweiz, der seit Jahren in endloser Agonie liegt und von den Zürchern kaum sehr viel länger als Prestige-Beilage und Pseudo-Konkurrenz der inhaltlich absackenden “Berner Zeitung” mitgeschleppt werden wird.
Zugleich ist aber auch dieses Monopolblatt der Schweizer Bundesstadt selber ein Problem für die Tamedia, denn wenn sich die vielbeschworenen “Synergien” der Redaktionen ergeben sollen, muss die BZ auf das Niveau des Tages-Anzeigers angehoben oder - bewahre - dieser auf BZ-Niveau abgesenkt werden.
Zudem hat die Tamedia mit ihren Lokalausgaben grade happige Beträge in totes Holz gesteckt, statt beispielsweise eine Online-Strategie zu fahren, welche den überaus gut vernetzten Schweizern hochwertige lokale Info-Leistungen bei gleichzeitig minimalen Vertriebskosten bieten würde und für die Tamedia zum Versuchslaboratorium für den lokalen Werbemarkt im Internet hätte werden können.
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Jetzt bliebe die wohl vergebliche Hoffnung, dass sich aus den insgesamt gegen hundert freigestellten Medienprofis auf dem Platz Zürich ein paar Leute zusammenfinden, die ihre Überzeugung, dass es auch in der Schweiz Bedarf und einen Markt für ein politisch neutrales, tiefschürfendes und Lesestoff bietendes Medium gibt, in irgendeiner Form angehen.
Kapitalgeber dürften sich dafür doch finden - immerhin stecken manche Leute ihr Geld ja auch in eine weitere Gratiszeitung oder ein Hauseigentümer-Magazin.
Mit sechs Monaten bei vollem Lohn haben initiative Geister zudem eine ideale Startplattform, und die alten Arbeitgber Tamedia und Ringier dürften es schwer haben, eine solche Tätigkeit mit dem Konkurrenzverbot zu unterbinden: Konkurrenz zu was?
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8 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- Umbruch in der Schweizer Medienlandschaft | Blog Zeitenwende.ch
(21. Juni 2007 14:40)
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bugsierer
selber anfangen ist ein sehr guter vorschlag. ? aber man kommt nicht umhin zu sagen: endlich ist dieses lausige käseblatt weg ? es war weder guter mainstream noch sonst irgendwie lesenswert. insofern stellt sich natürlich die frage, ob ausgerechnet diese crew für einen neuanfang im selbstverlag die richtige ist.
?????
Die «Weltwoche» ist libertär, nicht rechts ? aber ich weiss, damit bekundet die linke Journaille grosse Mühe.
Welche Financiers meinst Du?
Ich kenne sie nicht ? aber Freiheit ist bekanntlich auch, dass man sein Geld nach eigenem Beliebigen verwenden darf und nicht primär dem Staat abliefern muss ? Du gibst Dein Geld beispielsweise für einen grossen Bildschirm aus, andere finanzieren damit vielleicht eine Publikation wie die «Weltwoche».
insider
schon unglaublich, wie die tamedia mit ihren mitarbeitern umgeht: journalisten, die nach der einstellung von facts ihrem bedauern darüber in anderen medien ausdruck verleihen, werden von der geschäftsleitung gerügt. man wünsche das nicht. das sind maulkörbe, die hier verteilt werden.
klöppel
@ ?????. Der Köppel Roger hat sein Spielgeld von den Bellevue/Swissfirst-Bänkern geschoben bekommen, das weiss jeder, allen voran von Martin Bisang, dessen PR-Fuzzi die Bank zu Grunde gerichtet hat. Drum schreibt jetzt der Köppel Ropger immer so schmeichelhafte, liebenswürdige Elogen auf seine Hausbank und stellt deren Kritiker in den Senkel. Ganz schwaches Bild. Köppel Roger sollte das Fach wechseln.
Jean-Claude
Die Weltwoche sei libertär? Libertär heisst: “extrem freiheitlich; anarchistisch” (Duden-Fremdwörterlexikon). Ein Extremistenblatt? Das wäre doch zu viel der Ehre. Warum können Rechte nicht einfach sagen, dass sie rechts sind, manche sehr weit rechts? Ist ja nichts dagegen zu sagen. Nur: Warum immer diese Blabla-Umschreibungen? Und dass man bei einer Zeitng nicht weiss, woher das Geld stammt, das drinsteckt, diskreditiert einfach diese Zeitung. Da muss man gar nicht alnge debattieren. Die Geldgeber werden ihre Gründe haben, warum sie nicht erkannt werden wollen. Schummrige Geschichte. So reitet man den glaubwürdigen Journalismus kaputt, weil Journalisten zu Interessendienern werden. Da nützt alles Libertärgeschwafel nix.
karl bader
jean-claude: wo kann ich nachsehen, wer die schweizer zeitungen finanziert?
?????: konbanwa! die weltwoche ist nicht libertär, dazu sind die schweizer viel viel zu staatsgläubig. auch die weltwoche kritisiert den sozialstaat bloss, stellt ihn aber nicht in frage.
Peter Sennhauser
Links ist da, wo der Daumen nach rechts zeigt.
Jean-Claude
Karl, zum Beispiel über moneyhouse.ch (Handelsregister). Von den grösseren Medienhäusern sind die wichtigsten Aktionäre allgemein bekannt.
Uebrigens, dass die Schweizer extrem staatsgläubig sind, stimmt. Das wundert ich auch. Dass die Wewo den Sozialstaat kritisiert, finde ich hingegen überhaupt nicht negativ. Nur macht die Wewo eine ziemlich dümmliche Kampagne daraus, die unverkennbar ideologisch motiviert ist. Sozialhilfemissbrauch ist Betrug am Staat und damit an der Allgemeinheit. Das ist zurecht Journalistenstoff. Für Steuerhinterziehung gälte genau das gleiche. Nur liest man darüber nie was in der Wewo, obwohl die Summen, um die der Staat dabei betrogen wird, myriadenfach höher sind als bei der Sozialhilfe. Dieses Themen kann sich die Wewo nicht leisten, weil sie damit ihre SVP-Klientel und wohl auch die Geldgeber gegen sich aufbrächte. Man muss dieses Liberalgetue also nicht so ernst nehmen. Wer dauernd rumläuft und wiederholt: MEIN GOTT, WAS BIN ICH LIBERAL! - der ist es garantiert nicht. Das sagt einem schon die Lebenserfahrung.