(J)Ö-Schau - die Medienwoche in Österreich

Christian Horvath, 18. Mai 2007 12:52 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Das Sumpfgebiet

Charakterliche Flexibilität zählt zu den wichtigsten Eigenschaften, um auf dem hiesigen Zeitungsmarkt nicht ignoriert zu werden. Die mediale Manie führt manchmal zu absurden Auswüchsen.

So wurde etwa die Frau von Ex-Finanzminister Grasser, Fiona, vor knapp zwei Monaten noch von einer Frauenzeitschrift beschuldigt, ihren erst vor kurzem geehelichten Mann zu hintergehen. Nachdem es vor vier Wochen zu einem Ausgleich und einer Schadenersatzzahlung kam, heuerte ein anderes Magazin, das im selben Verlagshaus erscheint, Fiona gleich als Kolumnistin an - und das zeitgleich mit einer Vor-Ort-Reportage ihres neurenovierten Bauernhofs in Kitzbühel, begleitet von einem schönen Cover-Bild.

Relativ überrascht scheint der US-amerikanische Medien-Experte John Stauber über die Werkzeuge der PR-Unternehmen zu sein, wie er in einem Der Standard-Interview betont. Man komme im Laufe seiner Arbeit drauf, dass “zum Beispiel PR-Agenturen im Dienst von Walmart Blogger dafür bezahlt hat, dass sie Positives über den Handelskonzern posten.” Bestimmt war Walmart der einzige Konzern, der bislang auf eine solche Idee kam.

Indes gewährte Noam Chomsky, Popstar unter den Linguisten und Kritiker der aktuellen US-Politik, dem Profil ein Interview, worin er, allen Defätismus zum Trotz, die USA als “das beste Land der Welt bezeichnet”, weil es als einziges Meinungsfreiheit respektiere und schütze. In Europa würden dem gegenüber Angriffe auf die Meinungsfreiheit zur tagtäglichen Politik gehören. So sei etwa die Überlegung der EU, die Leugnung von Völkermord zu verbieten, ein Versuch von Institutionen, die Hoheit über die Wahrheit zu erringen, was Chomsky zu einem gewagten Vergleich bringt: “Das waren auch die Grundprinzipien von Stalin und Hitler.”

Inzwischen ist der ORF ins Interventionsvisier der hiesigen Kanzlerpartei geraten, was natürlich zu einem Aufschrei der ehemaligen Kanzlerpartei führte, die ihre jahrelang selbst praktizierte Interventionsarbeit kritisiert, da sie von der politischen Gegnerschaft kommt. Und dieser Satz kann jetzt auf die vergangenen 50 Jahre umgemünzt werden, seit der öffentlich-rechtliche Sender eben öffentlich-rechtlich ist. Noch in bester Erinnerung ist hierzulande das Moltofon, mit dem der ehemalige ÖVP-Mediensprecher und heutige Finanzminister Wilhelm Molterer den direkten Draht zum ORF pflegte.

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