Raus ist raus

Ronnie Grob, 10. Mai 2007 13:25 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Alan PosenerKai DiekmannGestern haben wir erstmals einen Beitrag aus debatte.welt.de verlinkt, einen Kommentar des Kommentarchefs der Welt, Alan Posener, zur Bild-Zeitung und ihrem Chefredakteur Kai Diekmann. Was passierte? Kaum zwei Stunden später wurde der Text gelöscht und dazu mit einer standardisierten Antwort dem hoffnungsfroh sich den Text zu Gemüte führen Wollenden die Schuld in die Schuhe geschoben:

Möglicherweise sind Sie einem falschen oder veralteten Link gefolgt oder Sie haben Sich bei der Eingabe der URL vertippt.

Nein, so ist das nicht.

Aber natürlich ist der Beitrag schon längst wieder aufgetaucht, an anderer Stelle. Zuerst hier, dann auch da und da . Raus ist raus.

Während früher noch Druckmaschinen gestoppt werden konnten und Berge von Papier eingestampft, reicht heute ein Klick und die Information ist unrettbar der Welt preisgegeben. Sammelt sich an in Feedreadern, wird von Usern gespeichert, kopiert, verwertet, wiederveröffentlicht. Das Denken ist frei, aber schon beim Schreiben sollte man sich gut überlegen, wohin man das macht und wer genau darauf, auch in Zukunft, Zugriff haben könnte.

Welches Medienhaus auch immer sich zurzeit am überlegen ist, ob es eine gute Idee ist, eigene Weblogs anzulegen, sollte sich diesen Fall (hier Zusammenfassungen von taz.de und spiegel.de) als Paradebeispiel merken. Denn Weblogs neigen dazu, unkontrolliert zu sein. Weblogs zeichnen persönliche Meinungen auf, die im Firmeninteresse sein können, aber nicht unbedingt müssen. Somit sind Weblogs durchaus gefährlich. Aber auch echt. Und echt spannend. Spannend für eine Firma, spannend für ihre Mitarbeiter, spannend für ihre Kunden und für alle anderen, die irgendwie verbandelt sind.

Es ist unbedingt eine gute Idee, jemandem, der gern und viel und schnell und direkt und saftig und attraktiv schreibt, einen Blog zu geben. Doch man muss dann auch mit den Folgen rechnen. Blogs sind nicht so leicht zu kontrollieren. Ein Eintrag kann genügen, um über Wochen in unzähligen Einträgen verhandelt zu werden. Was sehr befriedigend sein kann, wenn man selbst gut da steht. Und bestürzend bis dramatisch, wenn nicht. Jeder Journalist, der schon mal eine Medienkampagne gefahren hat, wird sich da gut auskennen (wenn auch nur aus der sicheren Warte des nichtinteraktiven Medienprodukts).

Ich werde oft gefragt, ob ich hier bei Blogwerk eigentlich schreiben dürfe, was ich wolle oder ob ich zensiert werde. Dazu gebe ich immer die gleiche Antwort. Nein, ich werde nicht zensiert. Ja, ich kann schreiben, was ich will.

Es ist nun aber ein unveränderlicher Fakt, dass Menschen haufenweise Fehler machen, dies und das übersehen und manchmal sogar, ganz gegen ihre eigene Meinung und ihr Bewusstsein, gegen das Firmeninteresse handeln. Ein Fakt, der sich nicht nur auf Weblogaktivitäten beschränkt, dort aber besonders folgenschwer zum Ausdruck kommen kann. Aus diesem Grund ist es manchmal nicht schlecht, wenn noch eine zweite oder dritte Person einen Beitrag liest (was nicht immer möglich ist und in Weblogs sogar oft unsinnig).

Die Aufmerksamkeit, die der Beitrag von Alan Posener zurzeit erfährt, war zwar brisant, hätte aber gute Chancen gehabt, unterzugehen in der Informationsflut. So wie andere brisante Weblogeinträge, die auch noch nach dem dem teilweisen Eintreffen von prophezeiten Ereignissen ignoriert wurden.

Richtig erfolgreich wurde Alan Poseners Text erst mit der internen Zensur des verunsicherten Arbeitgebers Axel Springer AG:

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Was? Die Chefredaktion hat besseres zu tun, als ständig alle Weblogeinträge aller ihrer Mitarbeiter zu lesen? Skandal!

Wie schrieb Alan Posener noch vor zwei Tagen selbst:

Manche Leute scheinen es darauf anlegen zu wollen, zensiert zu werden, damit sie sich nachher beschweren können über die undemokratischen Zustände bei Welt-Debatte.

Er beschwert sich aber nicht. Er schweigt. Vor drei Tagen schrieb er noch:

Angeblich wird Apocalypso immer noch zensiert. Dem ist aber nicht so.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. andreas

    schrieb am 10. Mai 2007 um 14:31 Uhr (#)

    Die Posse um Posener wirft einmal mehr ein ganz schwaches Licht auf den Axel Springer Verlag und insbesondere die Bild und ihren Cheffe. Gross im Austeilen, ganz schlecht im Einstecken. Aber das ist ja meistens so, bei denen mit der ganz grossen Klappe.

    Ich glaube auch, dass diese Abschirmung der Bild vor jeglicher Kritik ihr grösstes Problem ist. Denn es fehlt das korrektiv, das vielleicht die übelsten Exzesse dämpfen könnte. Denn es muss etwas dran sein, sonst wäre Kai Diekmann nicht so empfindlich auf Kritik.


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