Bringt der Opernglas Bier…

Peter Sennhauser, 7. Mai 2007 13:11 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Die eigenartigen Verstümmelungen medialer Online-Texte: «Facts» ist ziemlich lückenhaft.

Ich hab’s immer gewusst: Die Bequemlichkeiten moderner Redaktionssysteme (das ist die Software, mit welcher Journalisten ihre Texte direkt ins Layout-System ihrer Zeitung schreiben) werden sich irgendwann rächen. Den Beweis hatte ich schon lange vor Webmania, als Zeitungen ausschliesslich auf Papier erschienen und es vermeintlich egal war, wie ein Text ausserhalb von QuarkExpress aussah.

In der Schweizerischen Mediendatenbank, deren Online-System die Texte als reine Buchstabenhaufen übernimmt, gerieten nämlich Autorenzeilen und Überschriften schon mal zu sowas: «uNschöne sZENEN AM RüTLI». Es sind dies die Folgen der vordefinierten Absatz-Stilarten in vielen Programmen: Das System gibt den Text gemäss Absatzdesign schon bei der Wysiwyg-Ausgabe am Bildschirm so aus, wie er im Blatt aussehen soll - also beispielsweise in Grossbuchstaben.

Der faule überforderte Redaktor muss nichts mehr denken und kann sogar aus Versehen die CapsLock-Taste drücken, was danach noch nicht mal dem überaus mühsamen Chef-Korrektor mit Hang zur Verwechslung von Schreibstil mit Orthographie auffällt.

Bis der Artikel eben in der SMD auftaucht - oder neuerdings im Internet auf der Webseite der Publikation. Es gibt verschiedenste Ursachen alphabetischer Entgleisungen. Frühe PDF-Versionen schluckten beispielsweise je nach Schriftart die Umlaute, was in den Titeln unserer bissigen Texte beim Berner «Bund» häufig Zahnlücken bewirkte.

Beim Zürcher Tagi und andern frisst die Software, welche die E-Ausgabe erstellt, aufgrund ganz bestimmter Zeichenfolgen immer wieder halbe Absätze, was mich zum Lesen der PDF-Version treibt.

Und bei Facts scheint jener Person, die den hier gezeigten Text diktiert hat, immer wieder der Schnauf ausgegangen zu sein - oder aber es handelt sich bei den seltsamen Lücken in einzelnen Wörtern um ein Wasserzeichen zur maschinellen Entdeckung von Artikelklau im Internet (das wäre eine überaus clevere Idee und somit nicht wahrscheinlich). Dem Leseerlebnis jedenfalls sind Begriffe wie «Opern haus», «befi nden», «Leu tschenbach» und - ganz neckisch - «Profi lierung» nicht unbedingt zuträglich.

Wahrscheinlich handelt es sich einfach nur um ein lausig geschriebenes Script zur Entfernung von Trennungen. Oder aber um den typischen Fehler eines Handarbeiters, der mit «Suchen/Ersetzen» die Zeichenfolge «-^p» (Trennstrich/Absatzmarke) nicht mit «» (nichts), sondern « » (Leerschlag) ausgetauscht hat.

Für die «Profi lierung» jedenfalls bedanke ich mich; sie ist äusserst bildhaft und zweifellos wiederverwendbar.

Trotzdem kam mir bei der Lektüre sofort der alte Klein-Erna-Witz in den Sinn: «Fragt die Lehrerin: “Wer kann einen Satz mit den Wörtern Kompass, Opernglas und Wollschal bilden?” Meldet sich Klein Erna: “Icke!: Wie kompass? Bringt der Ober n’ Glas Bier, wollsch a Limonade ham!”».

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ronnie Grob

    schrieb am 7. Mai 2007 um 14:38 Uhr (#)

    Schlimmer noch ist dieser Text von dasmagazin.ch, den ich gerne online gelesen hätte - leider kam ich nicht über die erste Zeile hinaus. Doch Besserung ist angezeigt: Das Magazin hat eine neue Homepage angekündigt, auf der alles besser werden soll.

  2. mad

    schrieb am 7. Mai 2007 um 16:12 Uhr (#)

    Das St. Galler Tagblatt hat dasselbe Problem mit den Ortsmarken. Da heissts ein mal “st. gallen”, dann wieder “EGGERSRIET” und im nächsten dann ganz normal “Abtwil”.

    Ich mein, das ist zwar nur eine Kleinigkeit. Ebenso eine Kleinigkeit wär doch aber auch, die Redaktionen darauf hinzuweisen, die Ortsmarke halt auch dann korrekt zu schreiben, wenn das System automatisch Versalien draus macht.

    Ganz einhalten werden es wohl sowieso nicht alle, aber eine minime Verbesserung könnte so ein minimes E-Mail doch schon bewirken, oder nicht?


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