Busfahren mit 20 Minuten
Heute morgen, kurz vor 6 Uhr, in einem Bus in der Zürcher Agglomeration. Die Fahrgäste steigen einer nach dem anderen still ein und reiben sich die noch verschlafenen Augen. Vorne zwei Monitore. Links werden die aktuellen Stationen angezeigt - von einer Frauenstimme in Dialekt angesagt. Rechts ein Bildschirm mit dem Titel “News von Jetzt” - ein Angebot der Pendlerzeitung 20 Minuten. Meine Fahrt geht genau so lange, dass ich eine Runde dieser jeweils für etwa 15 Sekunden angezeigten Kürzestnachrichten mitbekomme.
Es können aufgrund der beschränkten Anzeigefläche natürlich nur News in sehr wenigen Zeilen angezeigt werden. Das kommt dann beispielsweise so raus:
Die perfekte Welle - der Traum jedes Surfers
Den vergangenen Samstag vergisst der australische Profi-Wellenreiter wohl nie mehr.
Verwirrt? Etwas später lese ich die komplette Meldung in der Druckausgabe der Gratiszeitung, die dann schon etwas mehr Sinn macht:
Die perfekte Welle - der Traum jedes Surfers
Den vergangenen Samstag vergisst der australische Profi-Wellenreiter wohl nie mehr: Anthony Walsh erwischte bei einem Wettkampf auf Tahiti die perfekte Welle. Ob sie ihm schliesslich zum sieg des Contests trug, war bis Redaktionsschluss nicht klar.
Illustriert ist die Meldung mit einem Bild eines vermutlich australischen Surfers, vermutlich Anthony Walsh, der auf seinem Brett unter dem Dach einer vermutlich “perfekten Welle” steht.
Dann werden Nachrichten aus europäischen Fussballligen eingeblendet, unterbrochen von lokalen Werbeeinblendungen und eher fragwürdigen Sinnsprüchen in grosser Schrift und harmonischem Zeilenumbruch vor romantischen Sonnenuntergangsbildern. Und natürlich gibt es brandheisse News: Vermeldet wird, dass die Zürcher das vergangene Wochenende bei 26 Grad Celsius vor allem im Freien verbracht, unter anderem in der Bäckeranlage (Grund: das warme Wetter). Die St. Galler hingegen starteten bereits in die Badesaison (Grund: das warme Wetter). Eine weitere Meldung informierte über steigende Absätze von Oliven- und Zitronenbäumen im Raum St. Gallen (Grund: das warme Wetter). Dazu weitere Lokalnews, aus unerfindlichen Gründen allesamt aus der Region St. Gallen (und ein paar aus Zürich).
So richtig was passiert ist aber offenbar nichts und ausser mir hat auch niemand zum Bildschirm geguckt. Es war so früh - die Meisten hatten ihren Sleep-Mode noch gar nicht verlassen. Warum auch.
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1 Kommentar zu diesem Artikel
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tom
Es passiert eben insgesamt so wenig, dass man den Moment, in dem “wirklich” etwas passiert, rasch verpasst. Zum Beispiel wenn man zu oft in diese Null-Botschaft-Bildschirme schaut.