“Die größte Reform aller Zeiten”

Christian Horvath, 16. April 2007 08:05 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Der ORF hat sich gewandelt - die Quoten besagen nichts gutes

Der im Sommer 2006 zum neuen ORF-Generaldirektor gewählte Alexander Wrabetz, bislang kaufmännischer Direktor am Küniglberg, hatte bei der Wahl bis auf die ÖVP sämtliche Parteien hinter sich. Um es also möglichst vielen möglichst recht zu machen, heftete sich Wrabetz das Etikett der “größten Reform aller Zeiten” um, damit auch wirklich alle was davon haben. Die Zuseher scheinen sich bislang mit dem neuen ORF nicht anzufreunden.

Wrabetz hat in erster Linie ein bislang ehernes Gesetz des öffentlich-rechtlichen Senders umgestoßen: die Durchschaltung der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, der “Zeit im Bild”, wurde aufgegeben. Statt dessen soll mit der neuen Serie “Mitten im 8en” das Publikum bei der Stange gehalten werden, das bislang kein Interesse an den Neuigkeiten aus aller Welt hatte und deshalb um 19.30 Uhr mit schöner Regelmäßigkeit zu zappen begann. “Mitten im 8en”, marketing-technisch fast schon übergehypt, gilt als eine Art Hybrid-Wesen zwischen Stand-up-comedy und Sitcom. Was nicht heißt, dass es seitens der ÖsterreicherInnen goutiert wird: am ersten Tag, dem 10. April, sahen sich 364.000 Personen den Start der neuen Serie an, womit man knapp unter jener Grenze von 400.000 lag, die von der Vermarktungsgesellschaft des ORF der werbetreibenden Wirtschaft prognostiziert wurde. Blöd nur, dass es in den folgenden Tagen mit den Quoten - teils auffällig - nach unten ging. Am Freitag etwa waren es nur noch 175.000, die sich den von Wrabetz so betitelten “Quantensprung in der Weiterentwicklung des ORF” ansehen wollten.

Während jedoch die ZiB um 19.30 Uhr weiterhin durchschnittlich eine Million Zuschauer verzeichnet, ist die neue ZiB20, die direkt auf “Mitten im 8en” folgt, auch nicht eben der große Publikumsmagnet: durchschnittlich 312.000 verfolgen die Kurz-Nachrichten - deutlich weniger, als es der vorher auf diesem Sendeplatz befindliche Sport hatte.

Bis auf die Regional-Schiene “Heute in Österreich” haben sämtliche neuen Sendungen Quoten-Einbußen hinnehmen müssen: das Infotainment-Magazin “Wie bitte?” sackte innerhalb von drei Tagen von 197.000 auf 87.000 Zuschauer ab.

Am gestrigen Sonntag wurden die nächsten neuen Sendungen gestartet: Vera Russwurm, seit gefühlten 38 Jahren beim Sender, moderiert die ungefähr fünfte Adaptierung des immer gleichen Formats. Und ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser platzierte seinen bulligen Körper erstmals “Im Zentrum”, einer Polit-Talkrunde, die um 21.55 Uhr startete - diesmal übrigens mit den Bundesvorständen der fünf Parlamentsparteien.

Eine elementare Rolle in den Wrabetzschen Überlegungen spielt auch die neu gestaltete Kultur-Berichterstattung. Mit so sexy Namen wie “art.genossen”, “a.viso” oder “euro.film” versucht der ORF, seinen Bildungsauftrag zwischen einer Neuauflage einer vor rund 15 Jahren eingestellten Improvisations-Comedy und diversen Ösi-Serien nicht zu vernachlässigen.

Die aktuellen Quoten, die der Standard ausweist, lassen die neue ORF-Führung bereits leise Zweifel an ihren Umsetzungen hegen. Programmdirektor Wolfgang Lorenz etwa übt sich bereits in Durchhalteparolen: Eine erste Bilanz von “Mitten im 8en” könne man erst ab Mitte Juni ziehen, wenn die Serie in die Sommerpause geht.

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