Studenten als Heilsbringer

Ronnie Grob, 11. April 2007 10:08 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Stellen wir uns vor, dass in Zukunft alle Schreibenden Mitspieler sind in einem Online-Markt, dann gibt es, alle Budgets und Werbemärkte mal ausgenommen, einen wichtigen Vorteil von Printmedien: Ihre lange Tradition. Oder sagen wir: Anciennität. Vergleicht man beispielsweise, was nicht unbedingt Sinn machen muss, die NZZ mit medienlese.com, stehen da 227 Jahre Erfahrung und Leserbindung gegen nicht mal eines. Doch da die Menschen noch immer nicht unsterblich sind und ausserdem immer mal wieder ihr Verhalten ändern, ist auch die Vertrauensmarke NZZ, der vermutlich 4 von 5 Befragten unbedingte Qualität und Seriösität bescheinigen, nicht gegen die Gefahr des Aussterbens geimpft.

Also suchen die Printmedien aktiv nach neuen Lesern. Und da alle daran glauben, dass man die Kunden nur früh genug an das eigene Produkt binden muss, damit sie sich später davon freiwillig abhängig machen, stürzen sich alle auf die jungen Menschen. Lieber aber doch noch auf die, die auch mit Sicherheit lesen können, also die Studenten. Und Studentinnen natürlich. Was vermutlich gar nicht so falsch ist, versteift sich doch die geistige Flexibilität bei vielen Menschen schon ab 30 - auf was man sich bis zu einem gewissen Alter eingeschossen hat, wirft man nicht mehr so schnell über den Haufen, so auch die Wahl des Leibblatts.

In den Verlagsplänen wiegt ein Neuabonnent unter 30 vermutlich drei Neuabonennten über 60 auf, einfach, weil es werbetechnisch uncool ist, mehr seriös zahlende und kaufkräftige Ältere unter seinen Lesern zu haben als andere. Das mag jetzt fast etwas undankbar erscheinen gegenüber den langjährigen Abonnenten, aber dank einem unmündigen Leser wissen wir ja, was für Kunden sich die Verlage und die Werbewirtschaft wünschen - alte Leser sind da einfach nicht dabei. Der Umstand, dass die Studenten in der Regel gar kein Geld haben, um Abos bezahlen zu können oder wollen, wird in Aussicht auf eine lebenslange Markenbindung gerne ausgeblendet. Vergessen wird auch, dass sehr profane Gründe wie ein längerer Auslandaufenthalt oder ein kurzfristiges Liquiditätsproblem zu einer Abokündigung führen können. Probleme, die in gesetzten Haushalten nur sehr vereinzelt auftreten.

Wie die Zeit und wie Focus lancierte auch die NZZ, vor ein paar Monaten erst, eine eine Untermarke “Campus”. NZZ Campus bietet zwar keine eigenen Artikel (nur zum Thema verlinkte) und auch keine klassische Community (nur eine ausgelagerte ), dafür Blogs von Studis für Studis. Und darunter gut bis sehr gut zu lesende, wenn mir auch das Thema “Student sein” alleine etwas wenig Freiraum für Kreativität zu bieten scheint. Die für die Blogs ausgewählten (gecasteten?) Studenten sind, wenn ich das richtig mitbekommen habe, noch immer die Gleichen wie zu Beginn und zeigen somit für Printmedien-Blogs nicht selbstverständliche Ausdauer. Es ist auch schon die Frage aufgetaucht, “wie viel man bezahlen muss, um auf NZZ-Campus bloggen zu dürfen“.

NZZ Campus funktioniert bisher also als moderat geöffnetes (in einigen Blogs gibt es sogar Links, die nicht auf NZZ Campus weisen) Experimentierfeld von und für Jungleser. Gleichzeitig ist es eine Nachwuchstalentschmiede und etwas Web 2.0. Es macht einen etwas kontrollierten Eindruck, aber das macht die NZZ ja auch. Schade ist nur, dass sich die Autoren kaum anderen Blogs öffnen und umgekehrt andere Blogs die Studentenblogs weitgehend ignorieren - so bleibt es ein etwas inzestuöses Treiben. Werbung für NZZ Campus wird auch gemacht, recht aktiv und nicht unoriginell mit QR-Codes .

Die Weltwoche-Redaktion setzt dagegen auf den persönlichen Kontakt. Morgen Donnerstag verteilen die Redaktoren Roger Köppel, Daniela Niederberger, Philipp Gut, Thomas Widmer und Simon Brunner persönlich einige Exemplare der neuen Ausgabe an der Universität Zürich. Würde ich nicht just an diesem Tag von Zürich weg fliegen, käme ich vorbei zu einem Live-Blogging. Oder mit einem Stapel noch zu unterzeichnenden Autogrammkarten. Doch eigentlich gibt es gar keinen Anlass zum Spott. Es ist eine frische Aktion, der man gutes Wetter und gute Gespräche wünschen darf. So kommen die bleichgesichtigen Texter mal wieder an die Sonne und wenn die Gespräche gut sind, werden sie vielleicht auch noch an eine der unzähligen Studenten-Parties mitgeschleppt. Und gibt es keine neuen Abos, dann hat es wenigstens Spass gemacht.

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4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Nanina

    schrieb am 11. April 2007 um 19:22 Uhr (#)

    Hallo Ronni,

    Sorry, wird etwas lang :(.

    Du wirfst interessante Fragen auf und ich versuche auf ein paar Punkte einzugehen.

    ?Lieber aber doch noch auf die, die auch mit Sicherheit lesen können, also die Studenten.? Du hast ein sehr optimistisches Bild von Studenten :)

    ?dafür Blogs von Studis für Studis. Und darunter gut bis sehr gut zu lesende, wenn mir auch das Thema ?Student sein? alleine etwas wenig Freiraum für Kreativität zu bieten scheint.?

    Danke fürs Kompliment! Wir können/dürfen über alles schreiben, ich schreibe oft übers Studieren, weil es mich beschäftigt (ist ja mein ?Hauptberuf? :)) und weil ich annehme, dass dies die Leser interessiert.

    ?Die für die Blogs ausgewählten (gecasteten?)?

    Man musste sich bewerben, das Inserat war online breit gestreut.

    ?Studenten sind, wenn ich das richtig mitbekommen habe, noch immer die Gleichen wie zu Beginn?

    Ja.

    ?Es ist auch schon die Frage aufgetaucht, ?wie viel man bezahlen muss, um auf NZZ-Campus bloggen zu dürfen?.?

    Notabene von einer Person, die nicht mehr studiert und sehr, sehr, sehr, sehr gerne kommuniziert und nichts liest. (Niemand würde seine Beiträge lesen wollen).

    ?NZZ Campus funktioniert bisher also als moderat geöffnetes (in einigen Blogs gibt es sogar Links, die nicht auf NZZ Campus weisen)?

    Der Klammersatz ist witzig, aber etwas unfair. Ich verlinke auf sehr viel anderes. Aber ich mag nicht immer alles wieder neu erzählen, darum verlinke ich dann und wann auf meine alten Beiträge ? ist das zu egomanisch?

    ?Experimentierfeld von und für Jungleser.?

    Ich weiss nicht, wer alles mitliest.

    ?Gleichzeitig ist es eine Nachwuchstalentschmiede?

    Uh, das habe ich jetzt noch nie so gesehen. Wofür denn? :) Meinem Stil tut das Bloggen sicherlich gut!

    Eine der wenigen Regeln an die wir uns halten müssen, ist das Beiträge nicht länger als 2000 Zeichen lang sein sollten (mit Ausnahmen).

    Zu viele Nochs und Dochs haben da keine Chance.

    ?Es macht einen etwas kontrollierten Eindruck, aber das macht die NZZ ja auch.?

    Was heisst kontrolliert? Meinst du konzentriert? Restriktiert?

    ?Schade ist nur, dass sich die Autoren kaum anderen Blogs öffnen und umgekehrt andere Blogs die Studentenblogs weitgehend ignorieren- so bleibt es ein etwas inzestuöses Treiben.?

    Da hast du Recht. Gründe (ich spreche nicht im Namen von allen, sondern nur von mir): Wir haben kein Blogscroll. Viele freie Studentenblogs sind ehrlich gesagt nicht sehr lesenswert (ich war auf der Party und blablablabla).

    Beziehungspflege mit anderen Bloggern erfordert sehr viel Zeit. Zeit, die ich lieber für Beiträge und fürs Antworten von Kommentaren verwende. ?Inzestuös? empfinde ich eher das Treiben in weiten Teilen der Blogwelt. Man schreibt sich gegenseitig Kommentare, wie gut man sich findet und geht alle zwei Wochen miteinander aus? Sie bringen sich nichts bei, sondern schreiben in x-fachpoteniterten Metaebenen übereinander.

    Ich hätte nie von mir aus einen Blog eröffnet. Ich habe nicht gewusst, wie viele Leute man erreichen kann (alleine gelänge mir das nicht, alles nur dank der NZZ). Die von Dir kritisierte Konzentrierung auf NZZ-Campus empfinde ich als Mittel gegen eine Isolierung innerhalb der Bloggersphäre.

    ?Werbung für NZZ Campus wird auch gemacht, recht aktiv und nicht unoriginell mit QR-Codes .?

    Mir gefallen die Plakate auch! :)
    Ich hoffe, das eine oder andere konnte geklärt werden?

    Wenn die Kohärenz zu wünschen übrig lässt, dann liegt das daran, dass mein kochendes Wasser das Feuer meines Gasherds ausgelöscht hat und mir ganz schummrig vor Gas ist ? ich wohne in einer Schrottwohnung, das ich auch Studentenalltag :).

    Mlg Nanina

  2. Ronnie Grob

    schrieb am 11. April 2007 um 22:00 Uhr (#)

    Danke für die ausführliche Antwort! Wenn ich Links gefunden habe, dann waren das vor allem Links auf eigene Beiträge. Nichts gegen das, aber wenn nie extern verlinkt oder kommentiert wird, dann fördert das m.E. den Verbleib auf den eigenen Seiten. Sind die euch von der NZZ auferlegten Posting-Regeln eigentlich öffentlich? Vielleicht irgendwo einsehbar?

  3. Nanina

    schrieb am 12. April 2007 um 15:35 Uhr (#)

    “Sind die euch von der NZZ auferlegten Posting-Regeln eigentlich öffentlich?”

    Nein, die sind streng geheim. Wir mussten in den Katakomben der Falkenstrasse auf eine Dudenerstausgabe schwören, sie niemandem mitzuteilen.

    Du stellst Dir das viel zu streng vor. Wie gesagt 2000 Zeichen (obwohl sie jetzt auch längere Beiträge stehen lassen). Und nichts Ungesetzliches. Ansonsten sind wir frei.

    Und ich verlinke oft extern (die anderen sogar noch öfters). Aber selten auf andere Blogs.

    “dann fördert das m.E. den Verbleib auf den eigenen Seiten” es gibt auch Blogleser, die keine Blogschreiber sind.

  4. Christoph

    schrieb am 16. September 2007 um 18:26 Uhr (#)

    Sorry, kleiner Kommentar dazu: Es ist uns nicht erlaubt über politische Themen zu schreiben.


1 Trackback

  1. NZZ Campus Naninas Blog - Aufwisch
    (12. April 2007 15:18)

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