Weblog des Medienministers eine Konkurrenz für die Presse?
Immer noch werde ich von Journalisten über den Blog befragt und ich realisiere erst jetzt, dass die Presse einen Blog als Konkurrenz empfindet. Das erklärt ja auch ein wenig die spöttischen Bemerkungen in den Zeitungen zu meinem Experiment. Allerdings bin ich sicher, dass neue Kommunikationsformen die alten zwar verändern, aber nie zum Verschwinden bringen. Das Radio hat die Zeitungen nicht verdrängt und das Fernsehen das Radio und die Zeitungen nicht und das Internet das Fernsehen nicht.
Das, liebe Leserinnen, liebe Leser, ist ein Zitat aus dem Blog des Schweizer Medienministers Moritz Leuenberger. Es ist wahr und ich kann es aus eigener Erfahrung bestätigen: Führt man ein Weblog (und schreibt nicht nur über die selbst gestrickten Socken oder das verpasste Tram am Morgen), merkt man recht schnell, dass etablierte Medien darauf in der Regel mit einer Mischung aus Ablehnung, Verwunderung und Interesse reagieren. Die epochalen Veränderungen im Journalismus (siehe hier) werden bemerkt, aber man will sie nicht akzeptieren. Wenn nun sogar der Medienminister höchstpersönlich die etablierten Medien umgeht und sich direkt an das Volk wendet, dann macht das Angst, vielleicht sogar zurecht. Stimmen aus Schweden über das Blog des dortigen Aussenministers Carl Bildt waren bereits zu vernehmen:
Er missbraucht seine Position, wenn er von einer Privatplattform aus seine Kritiker verurteilt und heruntermacht.
Eine, gelinde gesagt, etwas eigenwillige Anschauung der Wirklichkeit.
Aber so läuft es. Weil die Möglichkeit des Bloggens besteht, fängt man mal an - und irgendwann später merkt man, zu was das alles geführt hat. Ich halte das Experiment von Moritz Leuenberger weiterhin für sehr mutig und ambitioniert und sehe es bisher auch als durchaus gelungen an. Ob uns die Zukunft sieben bloggende Minister bringen wird oder nicht, das ist noch nicht absehbar. Aber dass Menschen die umweglose Möglichkeit der Kommunikation mit dem Leser vermehrt nutzen werden, ist ziemlich sicher. Wer etwas zu sagen hat, wird etwas sagen - das war schon immer so in Gebieten der Meinungsfreiheit. Es ändern sich lediglich die Formen.
Zu Wort gemeldet über “Die Informations-Macht der Amateure” hat sich diese Woche auch Facts-Kolumnist Philipp Löpfe. Er sieht eine wachsende Bedeutung von Bloggern und anderen Hobby-Journalisten. Gleichzeitig werde der professionelle Journalismus eingeschränkt und vermehrt kontrolliert. Online lesbar ist der Text leider nicht, aber geschrieben hat er unter anderem dies:
Möglicherweise sind professionelle Journalisten nicht klüger als Amateure, vielleicht können sie auch nicht besser schreiben. Aber sie können zur Verantwortung gezogen werden, und gelegentlich werden sie es auch. Es ist die alles durchdringende Marktlogik, die die Medienprofis zu harmlosen PR-Pudeln degradiert. Die Amateure im Netz hingegen trauen sich zu sagen, was Sache ist oder was sie dafürhalten, denn sie müssen keine Angst vor Klagen haben und werden für ihren scheinbaren Mut belohnt.
Er schliesst den Text mit dem Ausblick, dass zahme Profis zusammen mit unverantwortlichen Amateuren eine ernsthafte Gefahr für eine freie Gesellschaft seien. Das wollen wir mal unkommentiert so stehen lassen - ich kann das beim besten Willen nicht beurteilen.
Beurteilen kann man aber die Aussage, dass die Amateure keine Angst vor Klagen haben müssen. Das stimmt so definitiv nicht, wie auch die SonntagsZeitung schon im Januar 2007 mit einer gewissen Genugtuung gemerkt hat.
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5 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- Medienspiegel
(18. März 2007 16:13)
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Immer noch werde ich von Journalisten über den Blog befragt und ich realisiere erst jetzt, dass die Presse einen Blog als Konkurrenz empfindet. Das erklärt ja auch ein wenig die spöttischen Bemerkungen in den Zeitungen zu meinem Experiment. Allerdings bin ich sicher, dass neue Kommunikationsformen die alten zwar verändern, aber nie zum Verschwinden bringen. Das Radio hat die Zeitungen nicht verdrängt und das Fernsehen das Radio und die Zeitungen nicht und das Internet das Fernsehen nicht.


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mds
Blogs sind selbstverständlich eine Konkurrenz für die etablierten Medien: Wer auch nur einen Blog liest, hat weniger Zeit für den Konsum der übrigen Medien, ergo erzielen diese mit ihrer Werbung weniger Aufmerksamkeit?
Matthias
Der Sonntagszeitungs-Soukup hat gar nichts gemerkt, sondern Behauptungen aufgestellt bzw. Vorverurteilungen vorgenommen. Solange die im Artikel zitierten Blogger aber nicht verurteilt sind (angeklagt wurde soweit ich weiss kein einziger von ihnen), sind die Behauptungen völliger Nonsens.
Ohnehin gibt es soweit ich weiss in der CH bisher keine erfolgreichen Gerichtsverfahren wegen angeblich ehrverletzender Blogger-Aussagen.
Übrigens ist das derselbe Journalist, der mit der Aussage “übrigens: wir duzen uns in der blogosphäre” den allgemeinen Duz-Zwang einführen wollte. What a joke.
Ansonsten ist das mit der “Informations-Macht der Amateure” natürlich Unsinn. Ein Moritz Leuenberger ist kein Amateur, sondern von Berufs wegen wohl journalistisch sehr viel gebildeter als mancher Journalist.
Ronnie Grob
@Mathias: Ich bin alles andere als ein Rechtsspezialist, aber spontan würde ich mal sagen, dass die strafbaren Handlungen gegen die Ehre auch vor Weblogs nicht halt machen. Wie immer: Es ist nicht die Form, es ist der Inhalt.
Matthias
@Ronnie, auch ich bin kein Rechtspezialist. Und selbstverständlich gilt das Gesetz für uns alle. Aber solange keiner der Blogger verurteilt wurde, sind sie unschuldig, und etwas anders zu behaupten ist unseriös. Darum geht es.
Thinkabout
ML ist ja sicher nicht einer jener Blogger, der je nach Inhalt seiner Beiträge nicht Konsequenzen zu vergegenwärtigen hätte. Dass er es dennoch wagt und welche Balance er dabei halten kann - das ist ein echtes Lehrbeispiel dafür, ob Blogs mithelfen können, dass sich Personen des öffentlichen Lebens medial plötzlich ohne Schnitt und verfälschte Zitate subektiv darstellen können - und wie wir Leser dies beurteilen