Die erste Vanity Fair zum Letzten
Da ich nur vernichtende Kritiken über die neue deutsche Ausgabe von Vanity Fair gelesen habe, wollte ich wissen, wie schlimm sie wirklich ist. Die Zeitschriftenhändlerin schaute ganz lange auf den Preis, dann auf mich, als sei ich dafür verantwortlich und dann wieder auf den Preis. Sie sagte: Die kostet 2 Franken. Das hab ich dann bezahlt.
Chefredakteur Ulf “Posh” Poschardt kündigte Vanity Fair letzten Herbst als “eine erste Adresse für großen, glamourösen und zugleich investigativen Journalismus” an. Posh (posh@vanityfair.de ) schreibt eine Autokolumne für die Weltwoche und ist durch seine betont egoistische / eigenverantwortliche Haltung in weiten Kreisen unbeliebt.
Prüft man diesen Anspruch, dann kann man nur das Glamouröse erkennen, das Grosse und das Investigative kommt ja vielleicht noch. Um überhaupt zum Journalismus zu kommen, muss man sich erst durch einiges an Werbung wühlen. Bis zum ersten redaktionellen Inhalt, dem Editorial, sind es sage und schreibe 15 Seiten bezahlte Bilder, was jedoch kein Wunder ist bei einer ersten Ausgabe, die in riesiger Auflage und erst noch zum ermässigten Preis erscheint. Viel Werbung heisst für die einen viel Erfolg - für die anderen viel blättern. Oder billige Anzeigenplätze. Doch wer so ein Magazin kauft, der weiss, dass ihn viel Werbung erwartet.
Der erste längere Text kommt dann auf Seite 79 (ein Interview mit Coverboy Til Schweiger). Viele haben sein Auftreten auf dem Titelblatt bemängelt. Er sei kein neues Gesicht, ein alter Hut, schon 43. Aber immerhin ist Schweiger einer der wichtigsten deutschen Schauspieler und vermutlich der am besten zur potentiellen Leserschaft passende. Wer konkret hätte denn weniger Proteste ausgelöst? Wäre eine eher unbekannte Person ausgewählt worden, hätte es geheissen: Dieses unbekannte Wesen soll uns nun also den versprochenen Glamour bringen?
Etwas weiter hinten gibt es dann mehr Inhalt. Ein akribisch dokumentiertes verunglücktes Interview mit Robert de Niro zum Beispiel. Das inhaltlich interessante Tagebuch von Anna Politkowskaja. Ein Barack Obama-Portrait: Solide, aber so beliebig wie eine Vanity Fair-Besprechung - das haben alle schon gemacht. Auch die Idee, Michel Friedman zur NPD zu schicken, war nicht schlecht. Rausgekommen ist dabei aber eher wenig.
Ein Zwischentitel zum “Afrolook-Melodram” Dreamgirls zeigt die Ausrichtung des Magazins ziemlich gut. Jamie Foxx sagt dort: “Als es hiess, Eddie Murphy macht mit, sagte ich: Es ist mir egal, was ihr zahlt, ich bin dabei.”. Schöner Spruch, vermutlich nichts dahinter.
Über alle 330 Seiten hinweg kann man sagen: Der Titel “Vanity Fair”, “Jahrmarkt der Eitelkeiten”, trifft das Angebot doch hervorragend. Viele aufwendige oder aufwändige Fotos. Tiefe Griffe in die Font-Kiste. Alles glänzt schön, Form ist wichtiger als Inhalt und Hauptsache, der Star sieht gut aus. Würde man da zu kritisch herangehen und an allem herummäkeln, gäbe es keine Stars mehr. Und ohne Stars keine Vanity Fair.
Nicht nur für mich sieht das aus wie eine Frauenzeitschrift. Schlimm ist das nicht, schlimm ist vor allem, dass vanityfair.de erst in etwa 50 Tagen an den Start geht. Aber sowas geht offenbar auch 2007.
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2 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- medienlese » Blog Archiv » Vanitas vanitatum, et omnia vanitas
(14. Februar 2007 14:48)
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Peter Hogenkamp
Aber dafür bloggen sie schon, haste gesehen. “Rainald Goetz - einer der wichtigsten deutschen Autoren schreibt für Vanity Fair” (Homepagetext).
Lustigerweise haben sie im Gegensatz zum Heft, für dessen Layout sie offenbar einen riesigen Aufwand getrieben haben (ich hab’s nicht gekauft, musst mir noch sagen, welcher Kiosk das ist, wo man es für 2 Franken bekommt), für das Blog einfach ein Standard-Wordpress-Theme genommen, nämlich fspring 1.0 von Fredrik Falstad. (Blogwerker schmunzeln doppelt, weil das auch das Theme von unserem internen Blog ist - dadurch sieht es irgendwie doppelt simpel aus.)
Der bloggt nun seit dem 1. Februar, etwas verschwurbelt, hat es aber in der Zeit auf solide 15 Posts gebracht - doch noch auf keinen einzigen Kommentar. Vielleicht als Boykottmassnahme hat er daher beim aktuellen Beitrag die Kommentarfunktion abgeschaltet.
Ronnie Grob
Die F.A.Z. hat unter dem Titel “Abfall für wenige” über das Blog von Rainald Götz geschrieben. Ich denke, man spart online, jedenfalls sicher die 50 Tage bis dem definitiven Online-Auftritt. Der ganze Hochglanz kostet ja schon genug. Das zweite Heft hab ich auch gekauft, kostet immer noch 2 Franken. Auch an einem anderen Kiosk.