Schawinski und die Deutschen

Ronnie Grob, 6. Januar 2007 23:17 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Roger SchawinskiZwei Wochen Pause haben dem Magazin gut getan (vgl. hier). Die heutige Ausgabe mit dem Titel “Wohin steuert die Schweiz?” ist zwar dünn, bringt aber starke Bilder und fast nur starke Texte. Texte aus der Schweiz, den USA und aus den Nachbarländern. Über die Sicht auf die Schweiz 2007.

Mit dabei im Heft ist der Ende 2006 bei Sat1 abgetretene Roger Schawinski, der auf Seite 6 ankündigt, ein Buch darüber zu schreiben, wie Fernsehen in Deutschland funktioniert. Denn es gäbe erstaunlicherweise noch kein Buch von einem Autor, der in einer verantwortungsvollen Position war. Er habe das Gefühl, das könnte interessieren.

Aber einen Text über die Schweiz und die Deutschen hat er auch geschrieben, auf Seite 25. Titel: “Die besseren Deutschen”. Untertitel: “Der Deutsche wäre eigentlich gerne so wie wir. Weil er das nicht schafft, lacht er uns aus.”

Ein kleiner Auszug:

Schweizer sind per se keine Respektpersonen, aber auch keine Hassvorlagen. Man nimmt sie einfach nicht ganz ernst, auch wenn man die Schweiz heimlich bewundert.

Denn die Schweiz ist, wenn man ein bisschen tiefer bohrt, in vielen Aspekten so, wie man sich das eigene Land wünscht. In der Schweiz findet man Qualitäten, die man früher auch besass und auf die man stolz war, und die man für immer verloren glaubt. Deshalb ist es kein Wunder, dass es immer mehr Deutsche in die Schweiz zieht. Zwar besitzen Länder wie Australien, Kanada oder die USA viel mehr Glamour, und in ihrer Fantasie stellen sich Millionen von Deutschen ein neues, spannenderes Leben in einem dieser grossen, weiten Länder vor. Aber wenn sie beginnen, kühl zu analysieren, fällt ihre Wahl immer öfter auf die kleine, nahe Schweiz. Deshalb ist unser Land in den letzten Jahren zum beliebtesten Auswandererland der Deutschen avanciert. Vor allem Zürich ist zur neuen Traumdestination geworden. Stundenlang hat man mir die Vorzüge dieser Stadt beschrieben und immer wieder betont, dass man sich nichts sehnlicher als ein Haus an diesem einen wunderbaren Ort wünschen würde.

Hier suchen und finden sie die deutsche Ordnung in Form von funktionierenden Institutionen, hier und nicht mehr in ihrem Heimatland, was sie mit einer gewissen Wehmut zur Kenntnis nehmen. Dass ihnen die langsamen, bedächtigen Schweizer in diesen wichtigen Belangen den Rang abgelaufen haben, können sie nur mit einer kapitulierenden Absage an die Reformmöglichkeiten im eigenen Land verargumentieren, dessen sichtbarstes Symbol eine verkrustete grosse Koalition unter der Führung einer zaudernden Angela Merkel ist.

So also sieht der Schweizer Roger Schawinski Deutschland, wie es die Schweiz sieht.

Der umgekehrte Fall tritt aber häufiger ein, denn die Schweiz ist ein gern gewähltes Thema in deutschen Publikationen. Wir erinnern uns an das Internetportal der Süddeutschen Zeitung, auf dem fast fünf Texte pro Monat über die Schweiz zu finden sind.

Im Gegensatz zur offenen Liebe der Süddeutschen fährt Spiegel Online eher einen Kurs der Selbstgeisselung und schreibt am 04.01.2007 mit “Geht doch heim ins Reich” inhaltlich die Zuspitzung eines Artikels vom 29.12.2005. Damals hiess es: “Die Deutschen kommen!“. Die gefühlte Ablehnung sagt aber vermutlich mehr über die Verfasser der Texte aus als über die Schweiz. Denn der Spiegel hört auch in Österreich einen Piefke-Alarm.

Update am 8.1.2007, 15:30 Uhr, weitere Texte zum Thema: sueddeutsche.de, dwdl.de, tvblogger.de, medienbuero.twoday.de.

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6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sosicles

    schrieb am 7. Januar 2007 um 00:12 Uhr (#)

    Einspruch: Zwei Wochen reichen offenbar nicht, um beim Magazin wieder auf ein vernünftiges Niveau zurückzukehren. Die Artikel waren alle mehr oder weniger nach dem gleichen Strickmuster zusammengeschustert: Die Schweiz wird von der ganzen Welt verlacht, ist so was von bünzlig, die Schweizer nur peinlich(wenn Sie nicht Hunziker heissen) und die Autoren schämen sich dafür, dass die Schweiz auch noch ein paar gute Seiten hat. Kurz: Die gesammelte Larmoyanz von Linksintellektuellen - man erwartet es ja auch aus dem Hause Tamedia nicht anders. Am schlimmsten Roten, die offenbar einfach verschiedene Notizen als Artikel abgegeben hat (Terminnot? Prüfungsstress?) Schawi immerhin hat nicht ganz ins gleiche Horn gestossen. Wieso ist das Magazin immer dann gut, wenn nicht jemand von der Redaktion am Schreiben ist?

  2. gebsn

    schrieb am 8. Januar 2007 um 08:33 Uhr (#)

    Michèle Rotens Text ist übles Ochsegedröhn. Aber Peter Haffners und
    Plinio Bachmanns Artikel gefielen mir prima.

  3. Ronnie Grob

    schrieb am 8. Januar 2007 um 09:14 Uhr (#)

    Mir hat der Text von Michèle Roten sehr gut gefallen - ich fand ihn direkt, unkonventionell, witzig und inhaltlich überzeugend. Sollten solche Texte nicht gerade Blogger überzeugen? Warum tun sie es nicht?

  4. gebsn

    schrieb am 8. Januar 2007 um 09:29 Uhr (#)

    @Ronnie Grob
    Unkonventionell ja, aber witzig und inhaltlich überzeugend … da kann ich mich nicht anschliessen. Aber ich bin wohl sowieso nicht der typische Blogger. Auf jeden Fall ziehe ich einen gut strukturierten, durchdachten Text vor.

  5. mds

    schrieb am 8. Januar 2007 um 10:19 Uhr (#)

    @RONNIE GROB: … ich versuche Blogs zu vermeiden, deren Inhalt in die Zettelchen erinnert, die man sich in der Schule gegenseitig weiterleiten liess. Ergo verzichte ich jeweils auch auf das Geschreibsel von Michèle Roten.

  6. Sosicles

    schrieb am 8. Januar 2007 um 13:50 Uhr (#)

    @Ronnie Grob
    Es gibt ja wohl einen Grund, weshalb etwas als Blog und etwas Anderes als Print erscheint. Ganz abgesehen davon, Rotens Machwerk wäre auch als Blog ungeniessbar gewesen. Ich bin von diesem Artikel auch deshalb enttäuscht, weil die Autorin definitiv sehr gut und witzig schreiben kann, was sie schon x-fach bewiesen hat.


1 Trackback

  1. medienlese » Blog Archiv » Superschweizer dank DRS3
    (23. Januar 2007 14:31)

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