Schweizer Printmedien - Ausblick 2007

Ronnie Grob, 27. Dezember 2006 14:34 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Roger Köppel, gemeinhin als einer der unbequemsten Journalisten angesehen und von vielen eher kritsch beobachtet als geliebt, wurde 2006 von der Zeitschrift Schweizer Journalist zum Journalist des Jahres gewählt. Irritierend dabei nur, dass ihm dieser Preis für das Jahr 2006 verliehen wurde, ein Jahr, in dem er im Gegensatz zu den Vorjahren nicht durch journalistische Leistungen aufgefallen ist. In jedem der Jahre davor hätte er den Preis eher verdient als im Vergehenden, doch der Preis ist neu und vermutlich wurden Leistungen kumuliert.

Was ist aus dieser Wahl zu schliessen? Unbequeme und aneckende Schreibe wird wieder gerne gelesen, offenbar gerade von Journalisten. Wir zitieren aus den Jurystimmen für den “Kolumnist des Jahres”, Kurt W. Zimmermann:

Zehn, hundert, tausend Punkte, weil er seine potenziellen Kunden anpöbelt.

Keiner schreibt böser über Journalisten.

Ein Saulus, der zum Paulus wurde.

Wöchentliche Medienschelte mit überdurchschnittlichen Niveau.

Auf Platz 4 der Kolumnisten übrigens “Jeder liest Mr. Haudrauf” Christoph Mörgeli, dem viele, wenn sie könnten, das Recht zum Schreiben verwehren würden. Auf Platz 1 der Kategorie Politik noch einer der Weltwoche, Urs Paul Engeler, “umstritten, aber immer wieder interessant zu lesen”. Für 2007 können wir also direkte, mitunter polarisierende Worte erwarten, die sich der Sache verpflichtet haben und sich nicht scheuen, wenn davon Personen betroffen sind. Es könnte ein interessantes Jahr werden. Das Internet wird dabei wohl eine Hilfestellung bieten.

Schreiben, was ist” ist Roger Köppels aktueller journalistischer Leitspruch, der seiner Weltwoche ein Watchblog gleichen Namens eingebracht hat. Nun, wer möchte das nicht, so gross das Wort “ist” auch ist? Ich schreibe, was 2007 für die Schweizer Printmedien für ein Jahr wird. Meine Meinung deckt sich dabei weder zwingend mit der Meinung von anderen Redaktionsmitgliedern noch mit der noch einzutreffenden Wahrheit. Die Auswahl der Prophezeiungen ist willkürlich.

- Der Tages-Anzeiger hat es der mit Regionalsplits erfolgreichen Mittellandzeitung nachgemacht und somit die nähere Umgebung auf Kosten der weiteren betont. Die Taktik wird erfolgreich sein, denn die Leser spüren zwar, dass es wichtig ist, was im Kongo oder im Feuilleton abgeht, möchten aber lieber wissen, was die Nachbarin macht. Für Hintergründe reichen ihnen Wochen- und Monatsschriften. Tagesaktualität finden sie alternativ im Netz.

- NZZ Online wird, wie Spiegel Online, 2007 seinen angestammten publizistischen Weg weiter verlassen und sich noch mehr als 2006 dem Boulevard zuneigen. Die Printausgaben werden derweil immer voluminöser und irrelevanter (Spiegel) und immer dünner und blasser (NZZ). Das Vertrauen der NZZ ins ursprüngliche Produkt, nicht mehr und nicht weniger als ein Weltblatt, sinkt gegen Null. Stattdessen wird vermehrt ins Drumrum investiert (Taschen verkauft, Schlankheitsprogramme angeboten, Beilagen für Werbekunden konzipiert, …).

- Der Blick wird weiterhin und wohl vergeblich gegen die Konkurrenz der Gratiszeitungen ankämpfen müssen. In einem Spiessrutenlauf zwischen eigener Moral und dem Wunsch, feschen und durchschlagenden Boulevard zu machen, wird das Ergebnis auch 2007 ein manchmal lauwarmer, manchmal heisser Pot-au-feu sein, der den Weg der Anbiederung verfolgt. Es bleibt die Maxime, möglichst viel Leute hinter sich zu scharen. Dafür werden Haltungen nach Belieben ausgetauscht. Möglicher Ausweg: Die Redaktion verschlanken und aus dem Blick eine Gratiszeitung machen.

- Was vielen unmöglich schien, ist Realität: Das Gratisblatt 20 Minuten ist aus dem Schweizer Alltag nicht mehr wegzudenken. Dabei gibt es die seit 2004 meistgelesene Schweizer Tageszeitung erst seit 1999. 20 Minuten hat es geschafft, viele junge Leser an sich zu binden und ist dadurch zu einem der interessantesten Werbepartner geworden. Wie 2006 wird sich die Zeitung auch 2007 journalistisch und inhaltlich verbessern. Die Kritik des verstorbenen Pendlerblogs hat Früchte getragen.

- Heute, die Abendzeitung aus dem Ringier-Verlag, liegt seit dem 15.05.2006 wochentäglich in drei grossen Schweizer Städten auf. Nach einem turbulenten Start, bei dem viele ins kalte Wasser hineingestossen wurde, fährt das kleine Boot nun durch ruhigere Gewässer. Lobenswert ist, wie die vergleichsweise kleine Redaktion es schafft, täglich ein visuell ansprechendes und beliebtes Produkt herauszubringen. Zudem erklärt sie als eine der wenigen Publikationen täglich das Internet und was darin passiert. Selbst wenn sie sich weiterhin unsägliche Kolumnen leistet - die Zeitung wird auch 2007 Leser gewinnen. Das Bedürfnis nach einer Gratis-Abendzeitung war da und wurde befriedigt. Die Belieferung von weiteren Landesteilen ist eine Frage der Zeit.

- Die WOZ wird weiter an Lesern und Bedeutung verlieren und sich zur Liebhaberschrift entwickeln, die von einigen reichgewordenen Ex-Revolutionären mit Finanzspritzen am Leben erhalten wird. Einzelne, herausragende Berichte werden untergehen im Wust von Liebhaberthemen. Die WOZ wird zwar aus Tradition, aus Verpflichtung oder zur Verschönerung eines Raums aufliegen, aber nicht gelesen werden. Schade, denn neben der Weltwoche und dem Magazin hätte es noch Platz für eine dritte wöchentliche Stimme.

- Die Weltwoche wird sich beweisen müssen. Roger Köppel hat nach seiner Rückkehr einige Personalwechsel vollzogen, die das Blatt vermutlich sowohl verschlanken wie auch verbessern werden, doch zu tun bleibt viel, denn inhaltlich hat das Blatt gerade in den letzten Monaten 2006 abgegeben, unter anderem, weil es sehr berechenbar geworden ist. Wenn 2007 nicht ein Ruck durch die Redaktion geht, dann wird die Weltwoche Leser verlieren.

- Ebenso unter Bewährungsprobe steht Das Magazin. Der Abgang von Peer Teuwsen wird zu kompensieren sein, die Themen- und Bildwahl könnte etwas weniger berechenbar sein und vor allem müsste 2007 endlich ein Internetangebot geliefert werden, das diesem oft glänzenden Magazin angemessen ist.

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6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Frank Schrillmacher

    schrieb am 27. Dezember 2006 um 16:50 Uhr (#)

    Ich fürchte mich vor der Dominanz der Wowi, weil eben leider kein anderes Magazin taugt, ähnlich kritisch das Geschehen zu beobachten. Es fehlt meiner Meinung nach wahrhaft ein bissiges Magazin, das nicht unbedingt parteitreu politisiert, aber dafür umso hemmungsloser und streitlustiger polemisiert.

  2. Ronnie Grob

    schrieb am 27. Dezember 2006 um 19:58 Uhr (#)

    Wo? Wie? Meinst du die Wewo?

  3. Frank Schrillmacher

    schrieb am 27. Dezember 2006 um 20:23 Uhr (#)

    Ja. ;)). Ich versuche damit die Wowi zu verniedlichen.

  4. Zen Tao

    schrieb am 27. Dezember 2006 um 21:35 Uhr (#)

    ab wann wird der Blick eine Gratiszeitung?
    gruss zentao´

  5. martin

    schrieb am 28. Dezember 2006 um 17:18 Uhr (#)

    mich würde noch die meinung von ronnie zu facts interessieren - für mich ein blatt, das in den letzten jahren auch stark an qualität eingebüsst hat, dem ich aber für die zukunft durchaus chancen einräume.

  6. Ronnie Grob

    schrieb am 28. Dezember 2006 um 18:09 Uhr (#)

    Stimmt. Facts hab ich vergessen. Für mich hat Facts einen jahrelangen Weg der Bedeutungslosigkeit hinter sich, der sich nun aber umkehren könnte, wie 2006 in Ansätzen zu erkennen war. Es könnte gut sein, dass sie 2007 an Relevanz und Beachtung gewinnt (ganz früher hatte sie die ja mal).

    Dazu muss aber auch der Internetauftritt verbessert werden. Texte, die mit Verweis auf die Printausgabe plötzlich abreissen, möchte niemand lesen. Im Heft selbst vermisse ich eine Struktur, aber auch das könnte daran liegen, dass ich drin meist nur blättere. Der Relaunch 2006 war jedenfalls für die Katz, davon ist mir nur die hochglänzende Werbung im Kopf geblieben. Umso besser, wenn nun die Redaktion endlich echte Facts liefert. Wie gesagt, neben Weltwoche und Magazin hätte es Platz für WOZund Facts. Wenn sie denn gelesen werden.


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