Vorverurteilungen und Doppelmoral
Die angeklagte Täterschaft im mutmasslichen Vergewaltigungsfall Zürich-Seebach wird von den Medien vorverurteilt. Klagen über die mit Pornographie verdorbene Jugend lösen sich ab mit Berichten über “Ereignisse” in der Pornoindustrie.
Als am Donnerstag, 16. November 2006, 13 männliche Personen in Zürich-Seebach festgenommen wurden, verdächtigt, an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt gewesen zu sein, handelten die Medien, wie medienzirkus.blogspot.com schon früher festgestellt hat, vorverurteilend.
Die mutmasslichen Täter wurden beschrieben als Sex-Bande, Sex-Rowdys, Täter, Vergewaltiger, Quäler. Dabei wurden sie nur verhaftet und sind weder angeklagt noch verurteilt.
In diesen Chor stimmten aber nicht nur Boulevardmedien ein, auch die altehrwürdige und für ihre abgeklärte und nicht vorverurteilende Berichterstattung bekannte NZZ fragte:
Müsste man diesen Jugendlichen nicht eine Tracht Prügel verabreichen oder sie für ein paar Jahre ins Gefängnis stecken?
Unterdessen sind an den Anschuldigungen Zweifel aufgekommen. Während der zum Haupttäter gemachte und immer wieder mit Anführungszeichen versehene “Freund” des Opfers schon in der Einvernahme am 17.11.2006 sagte, dass sexuelle Handlungen im gegenseitigen Einverständnis vonstatten gingen (Videobeitrag “10 vor 10″), drangen keine Aussagen der Opferseite in die Öffentlichkeit. Der Tages-Anzeiger schrieb am 22.11.2006:
Fakt ist: Die 13-jährige Schülerin hatte mit allen zehn in Untersuchungshaft sitzenden Jugendlichen Sex in der einen oder anderen Form. Ob dabei aber immer Gewalt im Spiel war, ist noch nicht klar. Der zuständige Jugendanwalt Christoph Hug spricht «von verschiedener Tatintensität», die nun abgeklärt würde. Die Palette reiche von Sex in gegenseitigem Einverständnis bis hin zu Vergewaltigung.
Mehr dazu hier. Unterdessen sind Analysen zum Fall erschienen:
Das Facts überrascht in ihrer Ausgabe vom 23.11.2006 mit einer von vier Journalisten und einer Fotografin am runden Tisch begleiteten Gesprächsrunde von Jugendlichen unter dem Titel “Die Erwachsenen haben ja keine Ahnung.” Es kommen dabei nicht die Experten zu Wort, sondern täglich von der Problematik der Gewalt Betroffene. Heraus kommt bei der anfänglich etwas sehr simpel erscheinenden Versuchsanordnung keine Meinung, die den Fall mit der Verknüpfung von Fachwissen lösen möchte, sondern alltägliche und schlichte Fakten. Interessant ist, dass die Jugendlichen nicht darüber sprechen, wie viele der Täter In- und wie viele Ausländer sind, während sich viele Medien und ihre Experten lang und breit darüber ausliessen. Einziges Ärgernis: das hervorragende Ergebnis ist online nur drei Zeilen lang.
Die Weltwoche ortete ein Balkan-Problem in der ganzen Frage und stellte Straftaten von Schweizern gegen Straftaten von Ausländern. Ein Interview mit ein paar Jugendlichen, das vor allem auffällt durch neugierig zurückfragende Interviewte, wurde von Bildern von englischen Handys aus dem Jahr 2004 begleitet, wie bnk.kaywa.ch bemerkte.
Ebenfalls Interesse für die Journalisten zeigen die von der NZZ am Sonntag Befragten, allerdings eher an dreistelligen Beträgen.
Der Blick liess sich von den Eltern eines verhafteten mutmasslichen Täters das Elternschlafzimmer zeigen und lichtete das Bett ab, auf dem die ungeheuerlichen Taten vorfielen, inklusive eines neben dem Bett stehenden Bügelbretts mit Bügeleisen. Chefredaktor Werner De Schepper sprach angesichts des Alters der betroffenen Jugendlichen (13 bis 18 Jahre) von “Kindern”, was sich aber in anderen Medien nicht durchsetzen konnte.
Aktiv wurde auch der SonntagsBlick, der den trägen Kids eine “Schüler-Aktion” organisierte. Der vor drei Jahren eingebürgerte Fussballer Blerim Dzemaili wurde kurzerhand zum Vorbild erkoren, den interessierten Jugendlichen (solange vorrätig) unter dem Titel “Solidarität” kostenlose T-Shirts mit dem Aufdruck “Respekt - Gib der Gewalt keine Chance” gedruckt.
Alles in allem kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass die Jugendlichen und die Erwachsenen (Eltern, Lehrer, Experten, Psychologen und auch die Journalisten) weit voneinander entfernt sind. Sie scheinen in einander fremden Welten zu leben, die sich kaum noch verstehen. Die Frage, ob es sich um eine Vergewaltigung oder um Gruppensex gehandelt hat, wird die Öffentlichkeit und die Hüter von Recht und Ordnung weiterhin beschäftigen. Die Möglichkeit der zweiten Version wird dabei im Zusammenhang mit verminderter Zurechnungsfähigkeit aufgrund erhöhtem Alkoholkonsums beurteilt werden müssen.
So oder so geht es weiter. Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld an den Vorkommnissen zu, die Behörden sind den einen Tag am Verhaften, den anderen Tag am Freilassen und finden es nicht so schlimm, dass vier der mutmasslichen Täter in dieselbe Zelle gesperrt wurden und sich so absprechen konnten. “Kinder” “hängen” im Dunkeln und in der Kälte draussen “rum” und Journalisten warten auf neues Futter.
Derweil müssen sich Jugendliche in der Prägungsphase auf der Hauptseite von blick.ch zwischen Diashows und Opferberichten entscheiden. Dabei wissen sie vielleicht nicht mal, was ein Dia ist.

Blick Online, 28.11.2006
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Erlaube mir diesbezüglich auf unseren medienzirkus hinzuweisen, vonn Beginn weg Kritiker der medialen Vorverurteilung.