Was möchte der Medienkonsument? (III)
Wie in den Folgen I und II fragen wir uns, wie es um das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Medien und ihren Konsumenten steht. Heute im Fokus: Nicht ausgesprochene Zitate und willkürliche Kürzungen bei Interviews in Printmedien.
Bei einem ungeschnittenen TV-Interview ist es klar. Da sitzt die Person, der Blick der Kamera ruht auf dem Kopf und das gesprochene Wort kann den Lippenbewegungen zugeordnet werden. Es kommt ein Gefühl von Authentizität auf, was neue Mittel der Technik zwar sicher bald in Frage stellen werden, doch trotzdem kann man ziemlich überzeugt sein, einem echten Menschen mit eigenen Aussagen beizuwohnen.
Übernimmt die Aufzeichnung dieser Aussagen ein Journalist oder eine Journalistin, um sie in Buchstaben umzuwandeln, so geht ein Teil dieser Sicherheit verloren. Es bleibt dem Medienkonsumenten nichts anderes übrig, als Vertrauen in jene Menschen zu legen, welche die Aussagen bearbeiten. Und darauf zu hoffen, dass diese das möglichst exakt und wahrheitsgetreu tun.
Doch dem ist nicht immer so. Interviews werden gekürzt, verändert, gestaltet und übersetzt. Ein Beispiel aus den sogenannten Qualitätsmedien:
Für die Beilage des Tages-Anzeigers, Das Magazin, interviewt Redaktor Guido Mingels Yusuf Islam, der früher mal Cat Stevens hiess. Der am 11.11.2006 publizierte Text beginnt mit der Suche des Befragten nach einer Kassette für sein Aufnahmegerät. Denn Yusuf Islam hat schlechte Erfahrungen gemacht mit Journalisten und möchte das Gespräch dokumentieren, schliesslich musste er mal, nachdem er auf eine Frage aus dem Publikum nach bestem Treu und Glauben im Sinne seiner damals neuerworbenen Religion geantwortet habe, am nächsten Tag diese Schlagzeile lesen:
Cat says: Kill Rushdie
Wie mehrere Quellen im Internet behaupten, stand die Schlagzeile nicht, wie von Guido Mingels geschrieben, in der englischen Sun, sondern in der unterdessen nicht mehr existierenden Today.
Das Misstrauen von Yusuf Islam ist nicht unberechtigt. Der Interviewer ist zwar sehr interessiert und kennt angeblich jedes Lied seiner früheren Existenz Cat Stevens, trotzdem wird man den Eindruck nicht los, die Kommunikation sei eher Missverständnis als Gespräch. Zur Veranschaulichung eine Stelle daraus:
Sie singen auf der Platte den Nina-Simone-Klassiker “Please Don’t Let Me Be Misunderstood”. Eine Botschaft an die Presse, die Ihnen üble Schlagzeilen bescherte?
Ja, der Text ist maßgeschneidert für mich. I’m just a soul whose intentions are good.
Woran denken Sie, wenn Sie mit diesem Lied darum bitten, nicht mißverstanden zu werden?
Vom ersten Tag an, als ich ein Muslim wurde, betrachteten viele diesen Schritt als eine seltsame Wendung und nahmen eine negative Haltung dazu ein. Wenn man sich heute anschaut, wie die Medien - oder gewisse Medien - mich während all dieser Jahre darstellten, so ist das unbestreitbar. Vom ersten Tag an. Und das waren Leute, die keine Ahnung hatten, wofür ich stand, als ich Cat Stevens war, und noch viel weniger begriffen sie, wer Yusuf Islam ist.
Sie denken an Schlagzeilen wie “Cat says: Kill Rushdie!” nach Ihren Äußerungen…
Davon will ich nichts mehr hören! Davon will ich nichts mehr hören.
Ich meinte nur…
Davon will ich nichts mehr hören.
Aber das Lied bezieht sich doch auf…
An Ihrer Stelle würde ich jetzt ein anderes Thema suchen.
(Schweigen).
Natürlich weiss der Medienkonsument nicht, wie lange das Interview tatsächlich gedauert hat. Was Yusuf Islam gesagt hat und Guido Mingels unterschlagen haben könnte. Was irritierend übersetzt wurde. Was wir wissen, ist, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Tag nach dem Magazin den gleichen Text veröffentlicht hat. “Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006″ steht da und “Das Gespräch führte Guido Mingels”. Nur ist der im Impressum nicht zu finden, da er in Zürich bei der TA-Media angestellt ist. Dazu sind mehrere Fragen und Antworten herausgestrichen, die die F.A.S. offenbar nicht sehr interessant fand. Schweizer Autoren, die von deutschen Zeitungen als eigene Schreiber ausgewiesen werden, sind nichts Neues - wir haben im August schon mal über so einen Fall geschrieben, hier der Link.
Beide Publikationen setzen über das Interview den Titel “Um zu sein, mußt du aufgeben, was du bist.”, die F.A.S. ohne die ein Zitat kenntlich machenden Anführungszeichen, das Magazin mit. Liest man über einem Interview ein Zitat, könnte man annehmen, das sei eine Aussage des Interviewten. Ist es auch, aber Yusuf Islam zitiert nur. Der Satz soll von Meister Eckhart sein und ist beim besten Willen nicht im Internet aufzufinden, was natürlich nicht heisst, dass der das nie gesagt oder geschrieben hat. Ist es aber so, dann wird es wieder zum Zitat des Interviewten und somit eher zufällig zu einem möglichen Titel. Man stelle sich an dieser Stelle mal einen Hitler zitierenden Historiker vor, dessen Interview damit übertitelt wird.
Wenn wir schon bei irreführenden Titeln sind, so wollen wir noch kurz die Seite 28 der Sonntagsblick-Beilage Sie+Er beleuchten, auf der ein Text über Guildo Horn so betitelt wird:
“Auf Gutmenschen bin ich allergisch”
Man liest dann das Interview und findet diese Stelle:
Sie+Er: Gutmenschen finden das wohl nicht so gut.
Horn: Ist mir egal. Ich war kürzlich im Theater. In dem Stück spielte ein Kleinwüchsiger mit. Nur er allein bekam Szenenapplaus, so im Stil: “Seht her, auch ein Behinderter ist zu Leistung fähig!” Im Fachjargon nennt man das “Positive Diskriminierung”. Darauf reagiere ich allergisch.
Mehr zu Gutmenschen ist nicht lesen. Es ist davon auszugehen, dass Guildo Horn nie gesagt hat, er sei allergisch auf Gutmenschen.
Fazit: Ich als Medienkonsument bin allergisch darauf, angeschmiert zu werden. Ich will die echte, die wahre Information, keine von übereifrigen Redaktoren zurechtgebüschelte. Ich will Transparenz und Genauigkeit. Ich will mir sogar das Recht herausnehmen dürfen, kleinlich zu sein. Denn genau in dieser Schublade werden viele diesen Text, der viel zu lang geraten ist, entsorgen.
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4 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- Ich schmei?mich weg - FINGER.ZEIG.net
(9. Dezember 2006 23:37)
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Stephan
Mein Kompliment: ein wirklich ausgezeichneter Artikel!
Ich teile deine Meinung vollkommen - insbesondere nachdem ich das Falsch-Zitiert-Werden im Rahmen der Lancierung von aktionis.ch im August dieses Jahres an der eigenen Haut erleben musste resp. durfte. Der Extrem-Fall: Ich sagte “Nein”, und in der Zeitung stand am nächsten Tag das Gegenteil. In Anführungs- und Schlusszeichen, wohlgemerkt. ;-)
Peter Sennhauser
Nein Ronnie, ich leg Dir diesen Text nicht als kleinlich aus - aber als etwas weltfremd.
Vorweg: Fehler und verdrehte Aussagen in einem Zeitungsinterview sind ärgerlich und schaden den Journalisten mehr als den Interviewpartnern.
Aber: Du möchtest kein Interview in einem “Qualitätsmedium” lesen, das dem entspricht, was du als ungeschnittenes TV-Interview bezeichnest. Und ich garantiere dafür, dass KEINER meiner Interviewpartner der letzten 15 Jahre gerne unser Gespräch unbearbeitet veröffentlicht haben wollte.
Dazu muss hier dringend die Unterscheidung zwischen “News” und “Magazinjournalismus” gemacht werden. Es ist nicht das gleiche, und es soll nicht das gleiche sein. Die harten Fakten des Tages kannst Du in zwanzig Minuten konsumieren, aber wenn du das Magazin liest, willst du mehr als harte Fakten: Du willst einen Blick hinter die Kulissen, eine Analyse, und du willst unterhalten werden.
Mal abgesehen davon, dass TV-Interviews in der Regel nicht mehr als eine oder zwei substantielle Aussagen enthalten und selten länger als ein paar Minuten dauern können (bitte, bitte nicht das einstündige Bob-Dylan-Interview für ein unbearbeitetes live-Interview nehmen!): Woher weisst Du, wie lang Interviewer und Interviewter für das Gespräch geübt haben? Radio- und TV-Journalisten pflegen mit ihren Gesprächspartnern grade Kurzinterviews mindestens einmal durchzuspielen, um die Aussagepunkte herauszuarbeiten und dem Partner die Chance zu geben, sich auf die Kernaussagen zu konzentrieren.
Wer glaubt, was er am TV “live” sieht, sei die ungeschminkte Wahrheit, möge bitte aufwachen. Frage-Antwort zwischen Radiomoderator und Korrespondent zum Beispiel basiert auf einem Skript, das der Korrespondent - also der Interviewte - verfasst hat - INKLUSIVE der Fragen.
Nun zu den Zeitungen/Zeitschriften:
Das Interview ist eine der spannendsten journalistischen Formen, wenn die Partner miteinander “spielen”, das heisst aufeinander eingehen. Aber eine solche Diskussion wird zwischendurch oft chaotisch, gleitet ab etc. Das tut dem Inhalt keinen Abbruch, im Gegenteil: Je lockerer ich mit einer Gesprächspartnerin reden kann, je mehr wir lachen, streiten und uns widersprechen, umso spannender wird das Endprodukt - aber zugleich zieht dies das Gespräch extrem in die Länge und “verstopft” den Gedankenfluss mit Treibholz.
Ein gedrucktes Gespräch lebt ebenso von Beschreibungen des Dialogpartners, Einwürfen, Zwischenbemerkungen und also der Persönlichkeit nicht nur des Befragten, sondern auch des Fragenden - die blossen Fakten sind Nebensache (was nicht heissen soll, dass sie verdreht werden dürfen!), die liessen sich nämlich auch in Wikipedia finden. Im Interview geht es um Personen und Meinungen, um Nuancen und nicht um “Fakten”.
Was ich nicht ausstehen kann, sind als Interview verkappte, scheisslangweilige Recherchegespräche. Viel zu oft bedienen sich Journalisten dieser Bequemlichkeit, um noch schnell eine Spalte zu füllen. Darin kriege ich dann gar nichts von der Persönlichkeit des Interviewten mit, und die Fakten, die er in den Antworten absondert, hätte man in drei Sätzen zusammenfassen können. Warum das passiert? Weil es schneller und einfacher zu bewerkstelligen ist als eine saubere Recherche, die in einen qualitativ hochwertigen, verdichteten Newstext umgearbeitet wird!
(Wer glaubt, ein Newstext sei in zwei Minuten verfasst, soll bitte eine Polizeimeldung über einen Autounfall in einen lesbaren Zehnzeiler umarbeiten. Journalismus ist keine Kunst, aber ein Handwerk.)
In den letzten drei Tagen habe ich zwei Interviews bearbeitet, die jeweils über eine Stunde gedauert haben. Die 1:1-Transkripte dieser Gespräche würden vier Zeitungsseiten füllen und wimmeln von angefangenen Sätzen, halb ausgeführten Aussagen, Ähs und Öhms und sind schlicht und einfach nicht lesbar. Aber es waren grossartige, inspirierende Gespräche.
Deren Charakter herauszuarbeiten ist das journalistische Handwerk. Es verlangt Erfahrung und Fingerspitzengefühl; es nimmt in meinem Fall einen vollen Arbeitstag in Anspruch: Ich transkribiere das Gespräch und übersetze es gleichzeitig. Dann überprüfe ich die Fakten und die Antworten, in Zweifelsfällen rufe ich den Gesprächspartner an und stelle Klärungsfragen. Ich gruppiere Themenblöcke, indem abschweifende Gesprächsteile anderswo untergebracht werden, wo sie besser hinpassen etc.
Diese ganze Arbeit dient der interviewten Person genauso wie der Leserschaft, indem sie in einer dramaturgisch verdichteten Form mehr Information transportiert als ein “Gesprächsprotokoll”.
Von einem Fotografen erwartet auch niemand, dass er seine Bilder immer nur aus dem Blickwinkel der Zuschauermasse schiesst. Das wäre “die Realität”, denn so sah die Ankunft von Prinz Charles in XY für die Normalsterblichen nun mal aus. Aber du willst ein Bild, das mehr zeigt und eine Aussage hat - und das ist NICHT objektiv, es ist “bearbeitet”.
Eine Voraussetzung für ein “ehrliches” Interview ist das Gegenlesen: Der Partner/die Partnerin hat in der Schweiz das “Recht auf das eigene Wort” und kann gemachte Aussagen zurückziehen oder in Grenzen anpassen. Jedenfalls dann, wenn sie als direkte Rede abgedruckt werden sollen.
Journalisten sind keine Mikrofonständer. Sie haben das Privileg, mit Leuten zu sprechen, an die ihre Leserschaft nicht herankommt und die Verpflichtung, diesen Gesprächspartnern UND der Leserschaft gerecht zu werden. Ich trage die Verantwortung dafür, dass das Interview der Wahrheit möglichst nahe kommt und dabei lesbar ist; ich trage auch die Verantwortung dafür, meine Gesprächspartner lebensgetreu darzustellen; ich trage die Verantwortung, sie vor sich selber zu schützen, indem ich sie bei heiklen Aussagen darauf aufmerksam mache, dass dies Konsequenzen haben könnte und so weiter.
Ich kann den idiotischen Streit zwischen Bloggern und Journalisten nicht verstehen - es handelt sich hier um zwei verschiedene publizistische Ansätze, und wer aufgrund der wachsenden Blogosphäre behauptet, Journalismus sei überflüssig und “unehrlich”, weil bearbeitet, hat keine von beiden verstanden. Im Gegenteil: Der Bedarf an kompetentem Journalismus nimmt zu, und viel davon findet in der Blogosphäre statt, wo die Top 200 der USA beispielsweise längst die Rolle spezialisierter Fachkommentatoren innehaben.
Eine letzte Bemerkung: Im Impressum von Zeitungen sind die zeichnenden Redaktoren aufgelistet, das sind die Leute, welche juristisch für die Inhalte verantwortlich sind. Sie haben gewissermassen die Unterschriftenberechtigung des Titels, für den sie arbeiten.
Als freier Journalist publiziere ich in diversen Titeln unter meinem Namen, ohne im Impressum zu stehen: Die Verantwortung für meinen Text liegt zunächst beim Redaktor, der meine Arbeit in Auftrag gegeben hat (und der im Impressum zu finden ist) und weiter oben beim Chefredaktor.
Ich freu mich auf die Repliken ;-)
Stephan
Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick überraschen mag: Ich teile (auch) Peters Meinung, die einen Einblick vermittelt in die Arbeit eines Journalisten, so wie ich sie mir als Medienkonsument von jedem Journalisten wünschen würde. Natürlich will ich als Zeitungs- oder Magazinleser kein unbearbeitetes Interview ohne roten Faden, übersät mit Ähms und Öhms. Aber ich möchte ein journalistisches Endprodukt, das “wahre Information” (Ronnie) vermittelt und “der Wahrheit möglichst nahe kommt und dabei lesbar ist” (Peter). Dass dies oft eine schwierige Aufgabe ist, dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Ich glaube indes, dass sich viele Probleme im Zusammenhang mit Zitaten aus dem Weg räumen liessen, wenn zwei Elemente des sauberen journalistischen Arbeitens konsequent angewandt würden: 1. Der Interviewte hat nicht nur das Recht, sondern tatsächlich auch die Möglichkeit, ein Interview oder anderweitige O-Ton-Zitate gegenzulesen. 2. In Titeln und Untertiteln werden bloss abgesegnete Zitate verwendet (allenfalls in gekürzter Form, sofern der Sinn derselbe bleibt). So liessen sich die von Ronnie beschriebenen Fälle von Yusuf Islam und Guildo Horn beispielsweise vermeiden.
Was ich an Ronnies Artikel schätze: Er weist auf das Problem hin, dass sich der Medienkonsument auf den Journalisten verlassen (können) muss - da ihm (im Gegensatz zum Journalisten) die Möglichkeit fehlt, nachzuprüfen, welcher Teil eines Interviews vielleicht nicht ganz der Wahrheit entspricht. Wird mit diesem Vertrauen gespielt, werden beispielsweie Personen Sätze in den Mund gelegt, die sie in dieser Form nie gesagt haben (auch nicht im Rahmen der Nachbearbeitung des Interviews), dann verstehe ich, dass der Glauben in das journalistische Handwerk beim einen oder anderen verloren gehen kann. Es freut mich, dass es Journalisten wie dich gibt, Peter, die sich dieser Verantwortung bewusst sind und uns Medienkonsumenten (weiter oder allenfalls wieder) glauben lassen.
Ronnie Grob
Danke für den ausführlichen Kommentar, es sind interessante und willkommene Ausführungen. Tatsächlich sind mir viele Gepflogenheiten im Journalismus unbekannt, das will und kann ich nicht verhehlen. Natürlich ist auch meine Rolle als der alle Medienkonsumenten stellvertretende Medienkonsument anmassend - es ist Unsinn, anzunehmen, es stossen sich alle am Gleichen. Doch gerade mit dem Aufkommen von neuen Medien, mit den sich damit verändernden Arten der Produktion und des Konsums und mit dem Heranwachsen einer völlig neuen Generation von Medienkonsumenten hat sich die Tür, wie genau Journalismus sein soll, in meiner Sichtweise ein Stück geöffnet.
Die Verantwortung, die Medien innehaben, in dem sie stellvertretend für die Konsumenten die Weltereignisse beleuchten, wird oft, siehe das Beispiel von Stephan, unzureichend wahrgenommen. Ich als Medienkonsument wünsche mir möglichst viel O-Ton darum, weil es die einzige Möglichkeit ist, unbearbeitete Informationen zu erhalten. Meine Mediensicht ist zwar noch nicht so negativ, dass ich aufbereiteten Informationen keinerlei Glauben schenken würde, aber mir sind ausladende vierseitige Interviews, die mir den portraitierten Menschen, soweit das im Rahmen eines Gesprächs möglich ist, mit all seinen Stärken und Schwächen ungeschnitten, ungekürzt und unbearbeitet zeigen, lieber. Dass keiner der Interviewpartner eine unbearbeitete Fassung seiner selbst lesen oder sehen möchte, das glaube ich sofort. Darum gibt es beim Schreiben die Backspace-Taste und vor dem Fernsehauftritt die Maske. Aber ist diese bearbeitete Fassung auch das, was der Medienkonsument möchte?
Wieso Blogger in den letzten Jahren so populär geworden sind und den etablierten Medien Marktanteile gestohlen haben, ist für mich klar. Sie bringen genau das, was bisher nie gebracht wurde, “weil man es nicht verkaufen kann” und “weil das unsere Leser nicht wollen”. Nämlich ungeschliffene, freche, unterschlagene, herausgeschnittene, verheimlichte, mitunter rücksichtslose und vor allem persönliche Informationen mit Herz.
Was das Gegenlesen betrifft: ich bin gegen das Gegenlesen. Wenn jemand eine interessante Aussage macht, dann halte ich es für journalistische Pflicht, diese auch zu veröffentlichen. Sofern man der Gegendarstellung einen adäquaten Platz einräumt und nicht in ein paar Zeilen zwischen zwei Werbungen auf Seite 48 versteckt.
Bearbeitete Informationen sind aufgrund ihrer Lesbarkeit auch weiterhin wichtig und werden, wie Journalismus ganz allgemein, sicher nicht aussterben. Der Wunsch oder der Anspruch, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen in einer bearbeiteten Fassung wird sich aber verteidigen müssen gegen immer mehr Publikationsmöglichkeiten. Wieso sollte eine Person, von dem viele Medien eine wichtige Information zu erhalten wünschen, eine Pressekonferenz geben, wenn sie es in ihr Blog schreiben kann? Für einen Blogeintrag muss sie sich nicht schminken, sie verhaspelt sich nicht im falschen Moment und es wird auch kein Gestendeuter über sie richten.
Für mich bleibt unklar, was Medienkonsumenten genau wollen (wahrscheinlich jeder etwas anderes), ich kann nur sagen, was ich will. Und so geht es auch allen anderen auch, selbst wenn sie das Gegenteil behaupten. Messbar ist bisher nur die Quote. Sogar mit einem Readerstick.