«Jetzt rede ich!» im Quadrat
Wie verkaufen Regenbogen-Verlage die gleiche Geschichte doppelt? Sie verteilen sie synchron auf zwei Blätter.
Was ich über die Celebrity-Szene hier im Hollywoodstaat Kalifornien weiss, das lerne ich in der Warteschlange des Supermarkts. Dort plärrt mich nicht nur ein grauenhaft penetranter Mix von Werbung, Comedy-Schnipseln, lokalen Wettervorhersagen und Gesundheitstipps aus einem Monitor an. Gleich darunter sorgen reihenweise Klatschblätter dafür, dass meine wohlüberlegte Reihenfolge beim Aufbeigen der Einkäufe aufs Fliessband mangels Konzentration durcheinander gerät.
Und so verdanke ich meinem heutigen Bedürfnis nach Milch und Brot ein wichtiges Update über die Trennung von Reese Witherspoon und Ryan Phillippe. Nicht dass mich das wirklich interessieren würde. Vielmehr ist es die Präsentation am Newsstand, die meine Aufmerksamkeit weckte. Da prangt das Paar nämlich fast schon vereint nebeneinander auf einer Coverseite. Äh - auf zwei Coverseiten.
Links werde ich von “Life & Style Weekly” aufgeklärt, dass alles viel schlimmer ist und Reese furchtbar betrogen wurde. Und rechts verhilft “In Touch Weekly” Ryan zu seinem Recht auf Gehör, mit dem klassischen “Jetzt rede ich!”-Exklusiv-Interview. Dass beide Produkte aus dem gleichen Haus, dem Regenbogen- Verlag Bauer stammen, macht durchaus Sinn. Es handelt sich um die perfekte Verkaufsstrategie.
Nicht nur sichert sich der Verlag das gesamte Publikum, indem Anhänger der betrogenen Reese “Life & Style” und die Macker “In Touch” kaufen können, ohne von der Titelaussage vor den Kopf gestossen zu werden. Zugleich müssen all jene, die wirklich informiert sein wollen über dieses weltbewegende Ereignis, beide Magazine zu jeweils 1,99 US$ erstehen.
Das ist ein sehr guter Grund, um den uralten journalistischen Grundsatz “auditur et altera pars” - höre beide Seiten an - über den Haufen zu werfen - jedenfalls von einem unternehmerischen Standpunkt aus.
Und es beweist mal wieder, wie sehr die Amerikaner in solchen Dingen den Europäern voraus sind. Während bei uns das “Jetzt rede ich!” - Interview jeweils das erste Sequel zum Aufmacher der Vorwoche ist, haben die US-Verlage längst einen Weg gefunden, um in Echtzeit alle Teile der Serie parallel zu vermarkten.
Und damit wird, irgendwie, der Grundsatz der Ausgewogenheit ja auch erfüllt, oder?
» Mehr lesen: Zeitschriften (207)
» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen
» Nächster Artikel: 6 vor 9
» Älterer Artikel: Kurz
» Drucken
» Merken/E-Mail

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com
gamgea.com




Artikel per RSS
0 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
» Trackbacks anzeigen
(14. November 2006 09:53)
Diesen Artikel kommentieren